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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-11 · Heft 41 (11.10.1912) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
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anschneiden. Denn sö wichtig sie auch an und für sich sind, so fallen sie doch aus dem Rahmen des vorliegenden Buches heraus. Er begnügt sich vielmehr damit, den liberalen Jud en zu zeigen, welch große Verarrtw ortung sie aus sich laden, wenn sie nicht alles daran setzen, den Sabbatso weit zu heiligen, wie es die ungünstigen Umstande nur irgendwie gestatten. Hier ist eine Gelegenheit für sie, ihre T r e u e z u m I u d e n tu m z u b e w e i s e n. Besonders lehrreich ist Montesiores Auseinandersetzung mit den dreizehn Glaubenslehren des M a i m o n i d e s. Er nimmt keinen Anstand, zu erklären, daß das liberale Judentum einigevon ihnen nur in veränderter Fassung a n z u n e h m e n vermag, andere aber sogar grundsätzlich ablehnen muß. So kann er nicht zugeben, daß alle Worte der Propheten wahr sind (6. Glaubenssatz), daß Mose der größte unter Den Propheten ist (7. Satz), daß der ganze Pentateuch von Mose stammt (8. Satz). Aber auch hier betont der Verfasser scharf und bestimmt, daß das liberale Judentum durchaus positiv ist. . Denn e s v e r m i ß t i n den Maimonidischen Glaubensartikeln eine ganze Reihe von wich- Ligen Punkten, die es unbedingt als Glaubenslehre aufstellen würde, wenn es sich nicht von vornherein im Prinzip gegen die Aufstellung von Dogmen erklären müßte. So gehen die Sätze des Maimonides z. B. stillschweigend hinweg über die Mission des Judentums, über die Erlösung der ganzen Menschheit, über das Verhältnis der Religion zur Sittlichkeit und über andere bedeutungsvolle Punkte. Dem Thema: „Nation und Rasse in bezug auf die jüdische Religion" ist ein besonderes Kapitel gewidmet. Montesiore bekennt sich als einen Gegner des Nationalismus und des Zionismus, allein, er läßt den Andersdenkenden volle Gerechtigkeit widerfahren. Gerechtigkeit und Vornehmheit gegen Andersdenkende sind überhaupt hervorstechende Züge im Wesen unseres Verfassers. Mit Aengstlichkeit ist er darauf bedacht, nur ja kein Wort auszusprechen, das den sachlichen Gegner auch nur im entferntesten verletzen könnte. Diese vornehme Sachlichkeit und strenge Unparteilichkeit empfinden wir besonders wohltuend bei der Behandlung des Christentums und des neuen Testamentes. Montesiore hält es für gänzlich verfehlt, der reiferen Jugend gegenüber von den LehrendesChristentums zu schweigen. Wir sollen mit voller Offenheit von den Unterschieden zwischen den beiden Religionen sprechen und dabei auch das Gute und Wahre im Christentum und in den christlichen heiligen Schriften bedingungslos anerkennen. Gerade aus diese Weise werden wir unsere Kinder zu um so besseren und überzeugungstreueren Juden erziehen. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung," daß nur ein ausgezeichneter Kenner des neuen Testamentes so sprechen kann. In der Tat hat Montesiore schon mehrfach über das Christentum und das neue Testament geschrieben. Eins möchte ich noch hervorheben: Mit seiner echt liberalen Gesinnung, mit seiner modernen Aufgeklärtheit verbindet Montesiore eine kindliche Herzensfrömmigkeit, ein Gottvertrauen, das geradezu rührend zu nennen ist. Das zeigt sich mit besonderer Deutlichkeit bei seiner Behandlung des schwierigen Problems, wie sich die göttliche Güte mit dem Uebel in der Welt verträgt. Hier erhebt sich die Sprache Montesiores zu dichterischem Schwünge, und es ist uns, als hörten wir eine Stimme aus jenen Tagen, da die Dichter der Psalmen ihre frommen Lieder sangen. „Gott, als die Quelle des Guten, muß selber gut sein; ist er aber gut, dann — wir wiederholen es immer wieder — dann sorgt er auch, dann muß er sorgen. Ja, trotz allem, er sorgt, er muß sorgen. Schließlich werden diese Worte zu einer Art Gesang, zu einem Gesänge des Trostes und der Beruhigung, zu einem Gesänge des Friedens und des Triumphes: Er sorgt, er muß sorgen! .... Die besten, weisesten und erfahrensten Menschen, die größten Helden und Heiligen, sie haben den Gesang angestimmt und tun es noch heute: Er sorgt, er muß sorgen!" Das Uebel in der Welt ist ein Problem, das wir Menschen wohl nie werden lösen können. Alle Versuche, es zu lösen, sind unbefriedigend ausgefallen. „Das Judentum hat es immer vorgezogen, zu sagen: Ich verstehe es nicht, aber dennoch glaube ich. Er sorgt, er muß sorgen." Mag darum das Uebel in der Welt auch noch so groß sein, es soll uns doch nicht hindern, die Güte Gottes zu preisen und zu verehren. „Wenn wir Menschen innig lieben können, Gott kann es noch inniger. Er sorgt,, er muß sorgen." Genug für dieses Mal von dem mit tiefem Ernst und heiliger Begeisterung geschriebenen Buche, das bei jedem auch nur einigermaßen religiös empfindenden Leser einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen muß. Der Verfasser beschließt es mit der begründeten Hoffnung, die Unterweisung in religiös- I liberalem Sinne werde unsere Kinder dahin bringen, daß sie sich eine Religion zu eigen machen, „die ihnen eine Stärkung und ein Beistand sein wird in Freud und Leid, von der man sie nicht leicht wird abspenstig machen können und von der sie nicht leicht werden im Stiche gelassen werden. Zu Verehrern des Judentums wünschen wir unsere Kinder zu erziehen, zu Verehrern des Judentums und zu Verehrern Gottes." * Nachwort. Ich gebe diesem Artikel das Bild des verehrten Mannes bei, das ich seiner Güte verdanke. Claude G. Montesiore ist 1859 geboren. Die Bitte, die ich an ihn richtete, mir biographische Mitteilungen und Aufklärungen über die Hauptstadien seiner Entwicklung zu schicken, beantwortete er nur mit der bescheidenen Bemerkung: er wünsche mehr getan zu haben, als er bis jetzt geleistet. Wir aber wissen, daß er der anerkannte Führer, man darf wohl sagen, der Begründer des englischen liberalen Judentums ist. Er hat nicht nur mit seinen reichen Mitteln in London eine Synagoge ins Leben gerufen, in der ein liberaler Kultus gepflegt wird, sondern er ist ein Hort aller echt jüdischen Bestrebungen. Er begnügt sich nicht mit wohltätigen Spenden, sondern widmet auch der Wissenschaft des Judentums, die er eifervoll und erfolgreich studiert hat, Förderung und Pflege. Er ist Engländer', hat aber die größte Achtung für deutsches Geistesleben. Er hat einige Zeit-die Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft desJudentums besucht und bewahrt dieser Anstalt, ihren Lehrern undden Trägern des wissenschaftlichen Deutschlands rührende Pietät.. Wir alle, die wir ihn im Frühjahr 1912 bei seinem letzten Besuche in Berlin kennen lernten oder eine frühere flüchtige Bekanntschaft erneuerten, empfanden und empfinden helle Freude an der Frische seines Wesens, der wohltuenden Herzlichkeit seiner feinen Umgangsformen, seiner Begeisterung für das Judentum und seinem felsenfesten Vertrauen auf dessen Zukunft. Wir hegen alle den innigsten Wunsch, daß der verehrte Mann noch, viele Jahrzehnte seine gedeihliche Wirksamkeit für das Judentum, für die Stärkung und Verbreitung der liberalen Anschauungen fortsetzen möge. L. G.

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