Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-11 · Heft 41 (11.10.1912) · p. Seite 486

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229057--68862-3281143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Amrille des liberalen Judentums." Von Rabbiner Dr. Norden in Elberfeld. 3ch will es nur gleich gestehen: Ich habe das neueste Werk Claude Montefiores mit einem Gefühl des Neides gelesen, des Neides darüber, daß dieses ausgezeichnete Buch nicht aus deutschem Boden entstanden ist. Es wäre eine Freude gewesen für alle Anhänger unserer vor vier Jahren gegründeten liberalen Vereinigung und hätte mit einem Schlage deijr Gerede die Spitze abgebrochen, als fehle es dem liberalen Judentum an positiven Gedanken und Ueberzeugungen. Hoffentlich läßt die Üebersetzung des Buches nicht lange auf sich warten?) so daß jeder deutsche Jude, der der liberalen Richtung huldigt, in der Lage sein wird, sich an dem Werke zu erfreuen. Sehr interessant find die äußeren Umstände, denen das Buch seine Entstehung verdankt. Ein Freund und Gesinnungsgenosse des Verfassers sprach sich einmal diesem gegenüber betreffs der religiösen Erziehung der Kinder etwa folgendermaßen aus: „Ich glaube nicht, daß eS richtig ist, die Kinder nach den Grundsätzen des liberalen Judentums zu erziehen. Denn ich fürchte, wenn wir unsere Kinder in liberalem Sinne erziehen, werden diese e i n st ihre eigenen Kinder ' überhaupt nicht mehr jüdisch erziehen. Daher ist es zu empfehlen, daß auch liberale Eltern ihre Kinder nach konservativen Prinzipien unterrichten oder unterrichten lassen; liberal werden sie schon früh genug werden." Diesem seltsamen, geradezu absurden Gedanken gang tritt Montefiore mit großer Entschiedenheit entgegen. Er zeigt, daß die Ansicht seines Freundes von dem weitverbreiteten Irrtum ausgeht, das liberale Judentum sei aus dem orthodoxen durch eine Art' Subtraktion entstanden. Diesem Irrtum zu Leibe zu gehen, ist der Hauptzweck seines Buches. Das liberale I U d e n t um ist ein positives Gebilde, genau so gut wie das orthodoxe, es hat seine positiven GedankenundUeberzeug ungen, seine positiven Form en un ^Forderungen. Was nun vor allem das Werk auszeichnet, ist die unbedingte Wahrheitsliebe und der heilige Ern st, von denen jede Zeile erfüllt ist. Eltern und Lehrer sollen die Wahrheit suchen, die Wahrheit sollen sie zu ihrer Führerin erwählen. „D i e Z e i t für offenes, schlichtes, ehrl i ch e s R e d en i st gekommen." Was Eltern und Lehrer für veraltet erkannt haben, für nicht mehr geeignet, uns gut *) Claude G. Montefiore: „Outiines of Liberal Judaism. For the use of parents and teachers“ (Umrisse des liberalen Judentums. Zum Gebrauch für Eltern und Lehrer). London 1912. ^.Unterdessen habe ich die Üebersetzung des 18. Kapitels: „Konservatives und liberales Judentum" im Julihest der Monatsschrift „Liberales Judentum" verössentlicht. und edel zu machen, das sollen sie auch den Kindern nicht anpreisen. Was ihnen jedoch geeignet erscheint, den religiösen Sinn zu fördern, das sollen sie mit um so größerer Innigkeit und Begeisterung der Jugend ans Herz legen und sollen sie Hingabe und Opferwilligkeit lehren. Denn nicht unseren Kindern ein gutes Leben zu verschaffen ist das Ziel der Erziehung, sondern ihren Geist für Tugend und Gottesliebe empfänglich zu machen. Im Rahmen eines kurzen Aussatzes ist es ganz unmöglich, von dem vielseitigen Inhalt des Buches einen Begriff zu geben. Geht doch der Verfasser an keiner von den zahlreichen religiösen und religionswissenschastlichen Fragen stillschweigend vorüber, und jedes einzelne Problem beleuchtet er vom liberalen Standpunkt aus mit dem ihm eigenen Freimut. Aus der Fülle des Stoffes seien nur einige wenige Punkte hervorgehoben. Von der Mission des Judentums ist Montefiore felsenfest überzeugt. Seiner Ansicht nach genügt es aber nicht, der Menschheit religiöse Gedanken zu überliefern; wir haben ihr auch geläuterte Formen und Zeremonien darzubieten, deren nun einmal keine Religion entraten kann. In dieser Beziehung erwartet er von der liberalen Bewegung eine besondere Förderung des Missionsgedankens. Da die Religion nicht nur eine Angelegenheit des einzelnen ist, da vielmehr jeder einzelne aus der Gemeinschaft, der er angehört, Kraft und Stärke zieht, so muß er der Gemeinschaft auch seine Dienste weihen. Dazu gehört u. a., daß er an dem öffentlichen G o t t e s d i e n st e teilnimmt. Die Gemeinschaft, der er angehört, mit Recht, leidet darunter, daß manche tüchtige und ausgezeichnete Juden sich von den öffentlichen Religionsübungen zurückziehen. Von den Zeremonialgesetzen behandelt Montefiore mik größerer Ausführlichkeit die Speisegesetze. Nach gewissenhafter und sorgfältiger Prüfung des'Für und Wider erklärt er sich außerstande, den Bekennern des liberal e n I u d e n tu m s dieBeo Pachtung der Speisegesetze ans Herz zu legen. Er glaubt nicht daran, daß diese Gesetze als ein wichtiger Bestandteil unserer modernen Religion aufrechterhalten werden können, und er meint, die Zwecke, denen die -Speisegesetze nach dem Willen des Gesetzgebers dienen sollten, müssen wir mit weniger äußerlichen und wunderlichen Mitteln zu erreichen suchen. Um so größeren Nachdruck legt Montefiore auf diejenigen Zeremonien, denen auch in der Gegenwart noch religiöse Werbekrast innewohnt. Und da ist in allererster Reihe d (Sabbat zu nennen. „Wenn je ein Zeremonialgesetz in das Gebiet des Ethischen übergegangen ist, wenn je ein Zeremonialgesetz verdient hat, „göttlich" genannt zu werden, so trifft dies auf den Sabbat zu." Die Frage einer etwaigen Sabbatverlegung und die der Ein- I führung von Sonntagsgottesdiensten'will der Verfasser nicht Llauöe G. Htoutefioiw Nach einem Jugendbilde (1886) von Watt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.