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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-11 · Heft 41 (11.10.1912) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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Genosse Cohn gewiß ausgezeichnete Eigenschaften, aber daß er sich nun besonders dafür eignet/ die Antisemiten und Kriegervereine für sich leinzunehmen, das scheint mir doch über seine Kraft zu gehen. Er hat es trotzdem fertig gebracht. Mit wahrer Begeisterung haben'die Kriegervereine die Parole für Cohn ausgegeben. (Stürmische Heiterkeit.). Aus der einen Seite stand der.freisinnige Dr. Meiner, an dem jeder Zoll ein Kriegervereinsmitglied ist, und auf der anderen Seite stand Dr. Cohn. Nun wünschte der Antisemit einen Kuhhandel zwischen Eschwege und Nordhäusen. In Eschwege sollte der Antisemit mit freisinniger Hilfe gewählt werden, und in Nordhausen Dr. Meiner mit antisemitischer Hilfe herausgehauen werden. Daraus wurde nichts. In Eschwege würde Genösse Thöne mit freisinniger Hilfe gewählt, und nun dächten die Antisemiten in Nordhausen „Rache ist Blutwurfcht". (Stürmische Heiterkeit.) Die Kriegervereine gerieten in schwere Kalamität, was sie nun machen sollten. - Sie gingen - zu einem Amtsvorsteher, Rittmeister a. D., nnd fragten, was sie nun tun sollten. Der Rittmeister war. ein Diplomat und sagte: „Ich habe heute meinen roten Dag, macht ihr, was ihr wollt." (Stürmische Heiterkeit.) Ein anderer Führer der Kriegervereine wurde vor eine kitzlichere Frage gestellt; Als der Kriegerverein die Parole für Cohn * bekommen hatte, erklärten einige Mitglieder-: Sagen Sie einmal. Sie wissen doch, daß wir bei früheren Wahlen deshalb kein Fahnenband bekommen haben, weil man annahm, wir hätten einen Sozialdemokraten gewählt. Darauf erwiderte er: Wählt den Cohn, dann kriegt ihr das Fahnenband. (Stürmische Heiterkeit.) Also die Parole hatte sich vollständig gewendet. Bei den Haupßvahlen hieß es: „Mit Gott für König und Vaterland", und bei den Stichwahlen hieß es: „Mit Gott für Cohn und Vaterland, ohne Cohn kein Fahnenband." (Minutenlange stürmische Heiterkeit.); Wie übrigens aus den Mitteilungen Scheidemanns hervorgeht, hat sich der Reichstagsabgeordnete Lohn um antisemitische Unterstützung bei der Stichwahl in keinerlei Weise bemüht, was ihm nur zur Ehre gereicht. Wenn die Antisemiten ihn trotzdem gewählt haben, so haben sie dadurch nur das alte Wort bestätigt, daß der Antisemitismus in seinem Grundcharakter nichts anderes als der Sozialismus der geistig Zurückgebliebenen ist. * '■ Aus Oesterreich kommt soeben eine'Nachricht, die das größte süddeutsche Tageblatt, die keineswegs einseitig judenfreundlichen „Münchener Neuesten Nachrichten", für so wichtig halten, daß sie sie in ihrer Nummer 497 vom 29. September , 1912 unter die bedeutsamsten Neuigkeiten vom 28. September mittags stellt: „Der noch immer auf dem Baron Schönbergschen Schloß bei Vvixen weilende päpstliche Kardinallegat v a n R o f f u m einpfing heute den Inn s b r u ck er R ab-' b i n e r D r. Sag h e r und besprach mit ihm religiöse Angelegenheiten." Es lohnt sich immerhin diese Meldung zu verzeichnen, obwohl über ihren Verschiedentlich seltsam anmuten-- den Inhalt noch keinerlei genauerer Bericht zu erlangen ist. Höchst. auffällig berühren muß es allerdings, daß der, Innsbrucker Rabbiner, der einzige jüdische Geistliche Tirols, eigens die Fahrt nach Südtirol unternehmen soll, um von dem auf der langsamen Heimreise vom großartig pomphaften Gucharistischen Kongreß zu Wien befindlichen Vertreter des Papstes - „empfangen" zu werden und mit ihm „religiöse Angelegenheiten zu besprechen"! ' ' * Aus Wien wird uns geschrieben: Während am Horizonte der äußeren Politik drohende Kriegswolken aufsteigen und an der südöstlichen Grenze unserer Monarchie die Balkanvölker zum Wäffentanz mit der Türkei aufzuspielen beginnen, bietet der Ausblick auf die innere-Politik auch wenig Erfreuliches. Schwarz ist dermalen Trumpf in.Oesterreich, und unter dem Schutze dieser in den höchsten Kreisen favorisierten Richtung hat die christlichsoziale Partei in Wien manche Avancen zu verzeichnen. Vereint mit den deütschnationalen Wotananbetern ist es ihnen in den letzten Tagen gelungen, ein Gemeinderats- und mehrere Bezirksmandate wiederzuerobern, und es ist fast als ein Wunder zu bezeichnen, daß sie bei der Reichsratsersatzwahl im III.- Wiener Bezirke, die. am. Oktober ftättfand,,. gegenüber den Sozialdemokraten - unterlegen sind. Die treue Waffenbrüderschaft der Christlichfvziälen - mit den Deutsch-radikalen hat sich auch bei der Stichwahl in Neutitschein gezeigt, wo zum Schlüsse auch die Deutschfortfchrittlichen mittaten, um dem erklärten Judenfeind zuin Siege zu verhelfen. Da " ihr eigener Vorteil nicht mehr in Betracht kam, hatte natürlicherweise jede weitere Rücksichtnahme auf ihre politischen Gesinnungs- ' und Kampfgenossen jüdischer Konfession aufgehört.- So wird den' Juden in Böhmen und Mähren: der Dank für geleistete Dienste, quittiert. # Ueber die Ausschaltung der Juden aus der Duma wird dem über russische Verhältnisse gut unterrichteten „Memeler Dampfboot" aus Petersburg geschr-ieben: Bei den diesmaligen Wahlen zur Duma schienen die Chancen der Juden Rußlands wesentlich besser -zu sein. Noch vor kurzem ', glaubten sie, daß sie etwa 8 bis 10 Abgeordnete, also die Hälfte der ihnen prozentualiter zukommenden Zahl, stellen würden. Da er- . öffnete die Regierung eine spezielle Kampagne zur Abwendung dieser Gefahr. Zunächst kommentierte sie das Wahlrecht der Juden in solcher Weise, daß Zehntausende von ihnen ihres Rechtes verlustig gingen. Der größte Teil der außerhalb des Ansiedlungsrahons wohnenden /Juden wurde politisch rechtlos: die Massen der jüdischen Handwerker, der Kaufleute erster Gilde ufw. verloren dort als „temporäre" Insassen, und mochten sie daselbst zeitweise seßhaft sein, ihr Wahlrecht. Allein .in Kiew blieben so von über 5000 wahlberechtigten Juden nur einige-hundert in den Listen, und in geringerem Maße wiederholte sich dasselbe Bild in Petersburg, Riga, Smolensk, Charkow, Woronesch.-Saratow, Rostow ufw. Der Zweck,, dieser Maßnahme war ein doppelter: Schwächung der oppositionellen Elemente und Schwächung des jüdischen Einflusses innerhalb der Opposition. Die. Degradierung der Juden außerhalb des Ansiedlungsrahons machte sie auch in dem von ihnen dichter bewohnten Territorialghetto minderwertiger. Daran war es aber nicht genüge Die Gouverneure haben dort, wo eine „jüdische Gefahr" droht, zunt Mittel der nationalen Kurien gegriffen und sich nicht gescheut/ in Städten mit einer jüdischen Dreiviertelmajorität, wie Bobruisk, Berditschew und ändere, dieses System zur Anwendung zu bringen. . Am schlimmsten verfuhr man jedoch in Wilna. Ohne Durchführung der nationalen Kurien würden die Juden aus dem Gouvernement Wilna zwei Abgeordnete stellen können, da laut dem Wahlreglement aus der städtischen Bevölkerung dieser Provinz zwei Abgeordnete gewählt werden müssen; 'da aber hier sämtliche Wahlmänner aus den Städten Juden wären, so würde die Wahlmänuerversammlung. nolens-volens zwei von ihnen in die Duma entsenden müssen. Da hat nun der Gouverneur es durchgesetzt, daß die Stadt ..Wilna selbst in zwei Kurien, in eine jüdische, un>d eine polnische, eingeteilt wird, so daß damit die Chancen der Juden, in der Provinz Wilna minimale geworden sind. Im Gouvernement Kowno hingegen, wo die Juden dank ihrem Bündnis mit den Litauern einen Abge- ‘ ordneten durchbringen können, hat der Gouverneur den jüdischen Kandidaten-, den bekannten Rechtsanwalt Grusenberg, ohne jeden Rechtsgrund in den Listen gestrichen. In anderen Orten lassen bic Gouverneure die Juden es wissen, daß sie eine allzu eifrige Beteili- - gung an den Wahlen sehr bedauern würden. Was die Juden, die die Pogrome von 1905 und 1906 und die damalige Rolle der Behörden noch lebhaft in Erinnerung haben, wohl zu deuten wissen. Und ergänzt werden diese Andeutungen durch Drohungen der Judenhetzer. In Odessa zum Beispiel könnten die Juden bei einiger Anstrengung beide Abgeordnete aus ihrer Mitte wählen, aber sie wagen es gar nicht in der Pogrommetropole und begnügen sich freiwillig mit einem Mandat. Freiwillig verzichten sie auch in Warschau auf. die Ausstellung eines jüdischen ,Kandidaten, obwohl sie hier über die Majorität verfügen. Denn schon der Gedanke an diese Möglichkeit ruft seitens der polnischen Antisemiten die wütendsten Drohungen , hervor. So wird Warschau neben einem polnischen Abgeordneten auch einen von der belanglosen russischen Kurie stellen, während die drei- , hunderttausend Juden auch hier leer ausgehen werden. Man kann darum schon jetzt Voraussagen, daß die Juden Rußlands wiederum nur eine sehr schwache Vertretung in der Duma haben werden, die weder die Entrechtung der Juden bekämpfen, noch ihre so oft verletzte Würde zu wahren imstande sein dürste.

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