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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-02 · Heft 40 (2.10.1912) · p. Seite 479

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 40 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
Seite 479 (sequence 11)
Language
German
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Die Wundertzur. - Eine wahre Begebenheit aus den Erinnerungen eines Arztes. . - war im Jahre 1874. -Nach kurz vorher bestandenem Staatsexamen war ich als , Assistentarzt am städtischen Krankenhäuse in D — dt tätig, eifrig bemüht, meine ärztlichen Kenntnisse zu vertiefen. Den Sommer d. I. nahm ich meine Ferien und reiste zu meinen Eltern nach P—n. Diese waren eifrig bemüht, ihrem neugebackenen Doktor den.'Aufenthalt "so angenehm, als möglich zu gestalten. Die Sabbat- und Festtage, die nach altem Ritus bei uns gehalten wurden, waren im wahren Sinne des Wortes bei uns Festtage. . Mein Vater, der die Synagoge fleißig besuchte, brachte hin und wieder einen fremden Gast mit, der zur großen Befriedigung meiner Mutter ihrer Küche stets Ehre antat. So erschien auch an einem Sabbat während meines Ferienaufenthaltes ein sehr sauber angekleideter Russe, der sich angeblich in Geschäften in P — n aufhielt — ein bescheidener ruhiger Mann., - ■ ■; Bei Tisch drehte sich das Gespräch, wie in den meisten jüdischen Häusern um die Kinder, und mein Vater erzählte mit einer gewissen Freude, daß fein zu Besuch weilender Aeltester Arzt geworden wäre.; > Als unser Gast das Wort „Arzt" hörte, erschien er plötzlich wie verwandelt. Sein bisher ruhiges Wesen wich einer auffallenden Erregung. Er trat auf mich zu mit einer unterwürfigen aber ebenso dringenden Bitte. „Herr Doktor, Sie müssen mir helfen. Ich habe zu Hause eine fchwerkranke Frau und Tochter, Sie müssen mir etwas verschreiben!" Natürlich lehnte ich dieses Ansinnen ab, indem ich ihm erklärte, ich könne unmöglich einem Patienten, den ich nicht gesehen habe, etwas verordnen. Unser Gast ließ sich aber nicht abweisen. Er wurde immer dringlicher mit seiner Bitte, und da er das Unvernünftige seines Begehrens nicht einsäh, spielte ich folgenden Trumps aus. „Sie sind doch ein frommer Mann und können doch unmöglich wollendaß ich am Schabbes eine Sünde Ihretwegen begehe, indem ich ein Rezept schreibe!" Aber auch dieser Trumpf half nicht. Die Erregung des Mannes wuchs bedenklich, er warf sich zu Boden, umklammerte meine' Knie und schrie weinend: „Herr Doktor, ich lasse Sie nicht. Sie müssen mir etwas für meine Frau und Töchter verschreiben." Was blieb mir anderes übrig, als daß ich dem erregten Manne seine Bitte erfüllte? Ich erkundigte mich nach den Krankheitssymptomen der beiden Kranken und glaubte aus den Angben zu entnehmen, daß es sich um eine schwere nervöse Störung bei beiden handle und übergab ihm eine dementsprechende, natürlich indifferente schriftliche- Verordnung. Freudestrahlend und mit übertriebenen .Dankesworten nahm unser Freund das Rezept an sich. Es vergingen seit meinem Besuch in P — n mehrere Monate.' Ich war auf meinem Posten in D —dt tätig und hätte die kleine, eben erzählte Episode fast vergessen, als mich ein Brief meines Vaters wieder daran erinnerte. Der Brief lautete folgendermaßen: „Du wirst Dich, lieber Sohn, wohl noch unseres Sabbatgastes während Deines Ferienaufenthaltes erinnern, der Dich so flehentlich mir Deinen, ärztlichen Rat bat. Von diesem erhielt ich aus Rußland dieser Tage einen mit glühenden Dankesworten erfüllten Brief, in dem er mir mitteilt, daß seine , jahrelang kranke Frau wie Tochter, durch Deine.Verordnung vollkommen geheilt seien, daß er jetzt flach so langer. Zeit wieder ein glücklicher Mensch sei usw." „Du darfst Dir aber nicht einbilden" --. fährt mein Vater fort —, daß diese Wunderkur Dei n Verdienst ist, denn die Sache hängt anders zusammen. Sein Brief klärt diesen Zusammenhang auf. Nachdem nämlich alle angewandte ärztliche-Hilfe bei den genannten Kranken sich als vergeblich bewiesen hatte, kam unserem Gast die Eingebung, den wundertätigen Row in G — tz — nahe, von P — n — um Rat zu fragen. - -Der Wundermann hörte die Leidensgeschichte, die der Bedrückte ihm vortrug, ruhig an und gab ihm den klugen Rat — den e r st e n A r z t z u b e f r a g e n. Unser Russe deutete den delphischen Spruch des Wunderrabbis so, daß er den ersten Arzt, dem er begegne, fragen müsse. Und das warst Dü! Deshalb bestand er so dringend aus Deine Verordnung! Natürlich ist diese glückliche Heilung ein Ruhmesblatt — des Wünderrabbis in G — tz." So schloß, der Brief meines Vaters. Vermag nicht der unerschütterliche Glaube Berge zu versetzen? Dr. Th. I. Literarische Mitteilungen. — D enk m ä l e r j ü d i s ch e n Geistes. Herausgegeben von Dr. B. May und I. B. L ev h. 1. Band: Moses Mendelssohn. Eine Auswahl aus seinen Schriften und Briefen. Frankfurt a. M., I. Kaufmann, Preis 0.90 Mark. Immer allgemeiner wird uns das Bewußtsein, daß wir uns weder unserer Religion noch unserer Geschichte, weder unserer Ahnen noch ihrer Leistungen zu schämen brauchen. Sie haben uns ein stattliches Erbe hinterlassen. Aber — „was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" Das ist -freilich nicht immer 'leicht, und darum erwerben sich diejenigen ein Verdienst, die uns diesen Besitz vermitteln. Es ist deshalb mit dankbarer Freude zu begrüßen, daß zwei Männer sich entschlossen haben, „Denkmäler jüdischen Geistes" herauszugeben. Es ist zwar nicht zu erkennen, warum sie gerade mit Mendelssohn begonnen haben, da sie viel weiter hätten Zurückgreifen können; doch soll das noch kein Äorwurf sein, 0a wir nicht wissen, welche „Denkmäler" weiter folgen werden. Der 1. . Band, Moses Mendelssohn, bringt eine Auswahl aus seinen Schriften und Briefen. Eine gedrängte Biographie Mendelssohns, und wäre sie auch nur zwei Seiten lang, hätte vorangeschickt werden sollen, da die Kenntnis derselben bei dem weiteren Kreise der Leserdoch -nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann. Und was Mendelssohn selbst in einem Briefe (S. 101) in einigen wenigen Zeilen über sich berichtet, genügt nicht für unfern Zweck. Was nun die Auswahl selbst anlangt, so zeigt sie uns Mendelssohn einerseits als den klassischen Popularphilosophen, anderseits als den Apologeten und Erzieher seiner Glaubensgenossen. Freilich nicht scharf geschieden/. Es wäre übersichtlicher gewesen, erst den Philosophen und dann den. Apologeten zu Worte kommen zu lassen. Vielleicht wäre auch ein kurzer Hinweis auf Mendelssohns -Bedeutung für die Philosophie und Literatur des. 18. Jahrhunderts nicht überflüssig gewesen. Und was den Apologeten Mendelssohn anlangt, so hätte seine Einleitung zur Uebersetzung der Schrift des Menasse beit Israel „Rettung der Juden" wohl nicht fehlen dürfen. Im übrigen ist die Auswahl aus Mendelssohns Schriften recht geschickt und zeigt uns immer wieder den sinnigen Wahrheitsforscher, den überzeugungstreuen Juden, den liebenswürdigen.Menschen, unwillkürlich liest man immer weiter, bis das schöne Büch zu Ende ist; und die jedem „Denkmal" vorangeschickte, orientierende Einleitung erleichtert das Verständnis. ' Eine seichte Unterhaltungslektüre bietet das Buch freilich nicht. Aber wer noch Sinn für wahrhaft „nährende" Lektüre hat, wer sittliche Förderung und wahre Bildung für sich und die Seinen sucht, der lese dieses vortrefflich ausgestattete Buch, diese „Denkmäler jüdischen Geistes", die, nach dem niedrigen Preise zu schließen, ein jüdisches Volksbuch werden wollen — und sollten. Frankfurt a. M. Prof. Kuttnor. S m Anschluß an die Anregung-des Herrn Puls, auf welchekdie in dieser Rubrik veröffentlichte Mitteilung des Herrn Rabbiner Grunwald einging, schickte mir Herr Max Wollsteiner in Charlottenburg eine:im Druck ausgegebene „Genealogische Uebersicht über einige

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