Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fonft so schönen Ozeanfahrt zu blicken gezwungen werden. Längeres Nachdenken darübermuß zu einer größeren Zerknirschung führen, als alle stäatlichen Zurücksetzungen es vermögen. Das Judentum, wenigstens das deutsche, verarmt an Charakteren, das ist das traurige Ergebnis einer auf dieser Reise gewonnenen Erkenntnis. ' ' Hoffen wir aus tröstreichere Eindrücke in Amerika, welchem unser Schiff sich jetzt nähert! ' -' . ,; . Sanitätsrat Dr. Steinthal.. Srilebnrk. Von Ludwig Geiger. I. ' ' ach einem arbeitsreichen Sommer fuhr ich über'Frankfurt, Paris nach Rom. In Frankfurt besuchte ich am Versöhnungstage den Gottesdienst in der Neuen Synagoge (Königsteiner Straße). Dem Fremden fällt zunächst sehr aus, daß die Frauen nicht in die Ränge verwiesen sind, sondern auch unten in der linken Abteilung sitzen, während den Männern die rechte reserviert ist. Ausfällig ist auch, daß die Männer trotz des höchsten Feiertags nur im schwarzen Gehrock und hohen Hüten erscheinen. Man sieht keine Käppchen, keiner trägt einen Tallis. (Dagegen tragen die Rabbiner und Vertreter zu Ehren des Tages Weiße Talare mit weißen Käppchen). Die zur Thora Ausgerufenen erhalten vom Schammes einen Tallis gereicht. Sie setzen sich in die allererste Reihe nebeneinander, bis sie an der Vorlesung teilzunehmen haben. Während des.Gottesdienstes herrscht feierliche Ruhe und eine ganz ausgezeichnete Ordnung. . Aufstehen und Niedersetzen vollzieht, sich in musterhafter Regelmäßigkeit, ohne daß die Synagogendiener nötig haben, ihre Kommandorufe zu erteilen. ‘ Die Gebetordnung des neuen Tempels ist schon einmal in diesen' Blättern berührtworden und soll von berufener Seite, kritisch gewürdigt werden. Den deutschen Gebeten ist ein angemessener Platz eingeräumt. Doch erschallen sehr viele hebräische Gebete und Gesänge. Bei letzteren ist die Gemeinde fast völlig teilnahmslos; der treffliche Chor führt . sie gut wie ausschließlich aus. Gar häufig erklingen auch die in Norddeutschland rezipierten Gesänge; manches war mir fremd; alles klang wohlklingend und angenehm, Der Gottesdienst beginnt erst um 10 Uhr und schließt zur Abendzeit. Bei den vielen Kürzungen und Auslassungen reicht die Zeit völlig aus. Ein Teil der Nachmittagsstunden. wird stillen, sinnigen religiösen Betrachtungen gewidmet. Die. Leistungen des Kantors und Rabbiners (ich hörte Herrn Dr. Lazarus) , befriedigen völlig. Jener hat eine wohlgeschulte, angenehme Stimme;, dieser hielt eine gedankenreiche, gutgegliederte, in schöner Sprache ausgebaute Predigt. Man vermißt vielleicht bei beiden das Fortreißende, Erschütternde, Herz und Gemüt Aufrüttelnde, das diesem Tage angemessen wäre, aber man empfindet, ästhetische Erquickung und fromme Weihe. '. Die Frankfurter Gemeinde, die . aus das neue herrliche Gotteshaus mit Recht stolz ist und stolz sein kann, darf mit voller Befriedigung aus diesen ihren Gottesdienst. Hinblicken. Das jüdische Leben Frankfurts im einzelnen, zu studieren, war mein Zweck nicht; ich mache eine Erholungs-, keine Studienreise. Der Zufall verschaffte.mir den Einblick in das wüste antisemitische Gebahren eines dortigen Gasthofs, des Hotels ,-Kölner Hof". Üeberall liegt dort eine Reklame in Form einer Eisenbahnkarte aus, die das Haus als „einzig judenfreieß. Hotel" - preist und mit den fettgedruckten - Worten beginnt: „An Juden nicht übertragbar". Auf der Rückseite der Karte ist folgendes.zu lesen: . „Der Jude hat -nicht ausgehört, das Geld zu monopolisieren, ja er ist soweit gegangen, ein Land in.der Stunde der Gefahr zu erwürgen, indem er die Schnüre , des Geldbeutels mit. gutem Vorbedacht öffnete oder zuzog. Franz.Liszt (Die Zigeuner und ihre Musik, 1861). Ich will nicht untersuchen, ob Liszt wirklich vor, 50 Jahren einmal diesen Ausspruch getan hat, aber ich will nicht unterlassen, meine Leser auf dieses völligunwürdige Gebahren eines Gasthofs hinzuweisen und sie nachdrücklich vor dem Betreten des Hotels zu warnen. .. - Eine, sehr erquickliche'Begegnung, war mir in Frankfurt bereitet. Ich stehe seit einiger Zeit mit dem berühmten Kirchenhistoriker F r.. N i p p o l d in Verbindung, . dessen Bild diese Blätter demnächst bringen sollen. Schon am ersten Tage meines kurzen Frankfurter Aufenthaltes hatte ich seinen Besuch, der Sonntag war. ihm gewidmet. Ich brachte einige Stunden in seiner Villa zu Oberursel zu; nachmittags suchte er uns im Taunus auf und machte mit mir und den Meinigen eine schöne Wanderung.Es war eine Freude, diesen kräftigen Greis (von 74 Jahren) rüstig ausschreiten zu sehen; eine Erquickung, sein Gespräch über Menschen und Dinge zu hören. Denn es bleibt mit ihm nicht bei einem flüchtigen Streifen von, Äußerlichkeiten, sondern man gelangt schnell zum; tiefem Durchdringen großer Probleme. Und der Hauptgedanke, der diesen vortrefflichen Mann durchlebt, ist die gemeinsame Arbeit aller Religionen zu e in e m Endziel, die Vereinigung der Forschenden, in friedlichem Wetteifer, die gegenseitige Duldung, das. Geltenlassen jeder ernsten Anschauung, das Bemühen, von einander zu lernen, sich gegenseitig zu erkennen. . Das war ein 'glückverheißender Anfang einer größeren Reise. Denn der Reisende will ja nicht seine engen Anschaunungen in die: Ferne tragen; er will seinen Gesichtskreis erweitern, Neues anschauen, vernehmen und erfahren, daß es auch anderwärts Menschen gibt, die, in ihrer Lebensanschauung befestigt, gemeinsam mit. anderen streben und arbeiten wollen zu hohem, edlen Ziele!. mm Wr Huche. ■ C/JYein Schulweg ging durch Wald und Felder, X/lY Und jeder Baum war mir vertraut; Doch Hab ich wie nach einem Freunde ‘ - Nach einer Buche stets geschaut. Nicht war^s die stärkste, nicht die höchste, . Ich weiß nicht mehr, wie so's gescheht Ob Regen, ob Gewitter drohte - . : Bei meiner Puche blieb ich stehn. Ich lehnt an ihren Stamm mich traulich, * Ich sah zur Kröne hoch hinauf. Und still in heiligem Erschauern . Ging mir die ganze Seele auf.- Nun drängt und zerrt so Freund wie Gegner: „Du bist und bleibst ein Fremdling hier. 'Da, wo des Jordans Fluten rauschen, :. Ist deine Heimat,, fort zu ihr!" : : . O meiner Jugend stille Träume! Mein- Wa!ld, mein Baum und mein Altar! Nie kann wir eine Zeder geben, Was mir die deutsche Buche-war. ' " - ' " Jakob Loew enberg.