Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-02 · Heft 40 (2.10.1912) · p. Seite 477

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 40 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
Seite 477 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229056--68844-3281124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Amschel Rothschild, auch leistete er mit den unter Einwilligung des Eigentümers erhobenen landgräslichen Fonds die geforderte Kaution, bei der niemand sein eigenes Vermögen wagen wollte. Das Glück begünstigte Rothschilds Unternehmen, die Geldsendung kam unversehrt an. Man erzählt sich, daß Rothschild diese Gelder durch Frankreich befördert habe; der Kaiser Napoleon soll dazu seine Erlaubnis erteilt haben, nachdem man ihm vorgestellt hatte, daß er, wenn viel Geld nach Spanien befördert werde, nachher um so größere Schätze erobern könne. Die Kaution ging also nicht verloren, und Rothschild verdiente während der Dauer des spanischen Feldzuges, also während acht Jahren, jährlich 3 bis 4 Millionen. Die Möglichkeit, eine so hohe Kaution zu leisten und die pünktliche Geschäftsbeförderung veranlaßen hieraus die englische Regierung, den europäischen Fürsten die außerordentlichen Hilfsquellen während des Kontinentalkrieges durch das Haus Rothschilds zu übermitteln, wodurch dessen Ansehen und Reichtum zusehends wuchsen, und durch die späteren Staatsanleihen den späteren Umsang erreichten. Der alte Mayer Amschel zog sich seit 1806 immer mehr von den Geschäften zurück. Er hatte damals bereits ein sehr bedeutendes Vermögen erworben, wenn es auch wohl nicht, wie einige Zeitgenossen wissen wollen, bei seinem Tode etwa 12 Millionen Gulden betragen hat. Er scheute augenscheinlich die Last größerer Unternehmen. Seit 1810 und 1811 ließ er sich nach außen hin durch seine Söhne vertreten und die Firma zeichnete seitdem „Mayep Amschel Rothschild & Söhne." * : ' Der Begründer der Rochschildschen Weltmacht war ein gebildeter und belesener Mann, der ein verhältnismäßig korrektes Deutsch schrieb. Sein wohltätiger Sinn wird nicht allein von Ludwig Börne, sondern auch von dem bereits erwähnten Historiker Kriegk sehr gerühmt. Dieser erzählt u. a., daß Mayer Amschel seine immer mehr wachsenden enormen Mittel nicht nur zur Vermehrung seines Besitzes angewandt habe, sondern daß er auch, je älter er geworden sei, um so bereitwilliger den ihm angeborenen Hang zur Mildtätigkeit betätigt habe. Daher seien auch die von ihm ausgegangenen Wohltaten in seiner Vaterstadt unvergessen. Er sei zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine bekannte Frankfurter Persönlichkeit gewesen, dieser alte Mayer Amschel Rothschild aus der Judengasse, wie er mit dem charakteristischen Hütchen auf dem kahlen Scheitel bei seinen Gängen durch die Stadt Gaben und Almosen bald hier bald dort gespendet habe. In dieser Beziehung existieren viele Anekdoten. Die eine ist besonders bezeichnend, sie wird bald von ihm, bald von seinem Sohne Mayer Amschel von Rothschild erzählt, also lautend: Rothschild wurde auf seinen Spaziergängen sehr oft von jüdischen Bettlern um Almosen angesprochen, und hatte für sie stets eine offene Hand. Einmal aber sah der betreffende Schnorrer derartig unsauber aus, daß dem alten Rothschild direkt übel wurde. Rasch ging er weiter, indem er dem Manne zuries: „Schreibt mir einen Brief, an mich persönlich adressiert, worin Ihr mich an diese Begegnung erinnert, dann sollt Ihr eine Unterstützung haben." Am anderen Morgen brachte man Rothschild wie gewöhnlich einen ganzen Stoß Bettelbriefe. Mt kühnem Griff und ohne die Briese zu öffnen, hatte Rothschild sofort das Schreiben seines Schützlings heraus. Auf einem Kuvert' stand nänrlich: „An den hochwohlgeborenen Herrn von Rothschild zum persönlichen Erbrechen." Krilkbrikk. An Bord der „Cincinnati", 15. September 1912. I. ls Schreiber dieser Zeilen sich im Januar d. I. entschloß, an der ärztlichen Studienreise nach Amerika teilzunehmen, war es seine erste Sorge, darauf hinzuwirken, daß der Versöhnungstag kein Reisetag wäre. Dank dem Entgegenkommen der maßgebenden Persönlichkeit des deutschen Zentralkomitees für ärztliche Studienreisen wurde das Programm sofort gändert und die Zeit vom 20. bis 22. September als Aufenthalt in Philadelphia festgesetzt. Mit der Tatsache, das Neujahrsfest aus hoher See zu verbringen, mußten wir uns unter den gegebenen Umständen abfinden. Wider Erwarten hatten wir nun doch Gelegenheit, an Bord dieses schönen Schisses einem Gottesdienst, wenn auch nach ältestem Ritus, am Roschhaschanah beiwohnen zu können und sogar die Töne des Schofar zu vernehmen. Im Zwischendeck dieses Schiffes wurden nämlich zirka 50 Glaubensgenossen, aus Rußland und Oesterreich-Ungarn stammend, nach der neuen Welt befördert, zum größten Teile Auswanderer, zum kleineren Leute, die schon einigeZeit „drüben" leben und ihre Angehörigen in der Heimat besucht haben. Frauen und Kinder sind nur in geringer Anzahl darunter. Für die im Zwischendeck reisenden Juden besteht nun eine rituelle Küche, welcher ein süddeutscher Koch vorsteht, der neben rituell zubereiteten Konserven auch frisches koscheres Fleisch zur Verfügung hat, an dem er uns mit Stolz gezeigt hat, daß es auch der Adern beraubt ist. Das mitgenommene Palmin darf er nicht nur zum Kochen und Braten benutzen, sondern auch zum Backen eines Feiertagskuchens. Diesem Koch ist von einer Hamburger Gemeinde eine Thorarolle und ein Schofar mitgegeben worden. In das Amt des Vorbeters teilten sich ein Russe und ein Rumäne. Ersterer betete Schacharith in sehr verständiger und verständlicher Weise vor in dem uralten „Nigen" (Melodie) und entlockte auch jener uralten Posaune ohne allzugroße Anstrengung die bekannten Töne, welche uns nicht nur an den Tag 0es Gerichts denken lassen, sondern auch an so vieles erinnern, was uns seit der frühesten Kindheit zu Heiligtümern geworden ist, und gegen deren Verletzung durch Spott wir mit Recht so empfindlich sind. Dem konnte leider nicht ganz der das Mußafgebet Vortragende Rumäne entgehen, welcher — übrigens einer höheren sozialen Stufe angehörend, da er in der 2. Kajüte reist — einesteils selbständig Melodien komponierte, anderenteils zwischen einzelne Worte ein Surrogat von Orgelbegleitung einschob, die abwechselnd „num, num, num" und „euweh, euweh, euweh" lautete: Ein neben uns stehender Russe faßte seine Kritik in die Worte zusammen: er gibt Konzert. Der rumänische freiwillige Mußaf-Chasan lebt schon längere Zeit in Amerika: er verkörpert sozusagen die erste Amalgamierung der östlichen und westlichen Kultur. Von den Passagieren der 1. Kajüte haben nur sehr wenige, darunter zwei Damen, kurze Zeit an dem Gottesdienste teilgenommen; ein Hofrat aus Dresden wurde als „Dritter" zur Thora gerufen, und Schreiber dieser Zeilen erhielt den Auftrag, Maftir zu sagen, und muß gestehen, daß kaum in einer Berliner Synagoge die Erzählung von der betenden Hanna und von der Erhörung ihres Gebetes mit solcher Aufmerksamkeit angehört wird als in unserem Zwischendeck, von dessen Speiseraum ein Teil durch Plänen abgeschlagen war und als Betraum diente. Die Gründe, aus denen so wenige Teilnehmer an der ärzlichen Studienreise dem Gottesdienst % sernblieben, bilden ein trauriges Kapitel der Geschichte des modernen Judentums. Es ist ein wahrer Abgrund des religiösen Jndisferentismus und Abfalls, in den wir -aus dieser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.