Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr. Anfänglich besorgte der Prinz seine Münzeinkäuse bei seinem Hofbankier, der, wie man weiß, ein trefflicher Kenner von alten Münzen war. Später verwandte er ihn bei allen Wechselgeschäften und gab ihm auch andere Aufträge, wie z. B. die Zinserhebung ausländischer Kapitalien. Wichtiger und jedenfalls auch einträglicher gestaltete sich die Vermittlerrolle bei den mannigfachen Anleihegeschäften, die der Landgraf betrieb und wodurch er allmählich der Gläubiger von halb. Mitteleuropa wurde. Seit 1801 war Rothschild bei diesen Geschäften sehr eifrig beteiligt. Er vermittelte Anleihen für Hessen-Darmstadt, sür die Landstände in der Pfalz und schließlich auch für Dänemark. Namentlich bei der letzteren Negoziation machte er ein glänzendes Geschäft, wobei nicht nur er, sondern auch sein hoher Gönner, der Kurfürst von Hessen, auf ihre Kosten kamen. Diese Anleihen wurden von 1801-^1806 vermittelt. Rothschild handelte dabei sehr anständig und reell, denn er hätte bei häufigeren Darlehen aus kurze Zeit viel mehr an Provisionen verdienen können. Eine dieser alten dänischen Staatsobligationen, wie sie der Kurfürst damals erhielt, liegt noch jetzt nebst den dazu gehörigen Zinscoupons im Archiv zu Kopenhagen, die Coupons mit folgendem Wortlaut: „Den 1. Februar 1806 zahlt der Chur-Hessische Oberhofagent Mayer Amschel Rothschild in Frankfurt a. M. für die Obligation Nr. . . . auf Tausend Reichstaler in Louisdor lautend, datiert den 1. Februar 1805, die Zinsen,., das letzte verflossene Jahr mit 45 Neichstaler in Louisdor, jeden Louisdor zu 5 Reichstaler gerechnet. Königliches Finanzkollegium zu Kopenhagen,, den 1. Februar 1805." Die Verdienste, die sich Rothschild zur Zeit Napoleons I. um das kurfürstliche Privatvermögen erwarb, sind wohl hin-, länglich bekannt. Als nämlich der Kurfürst 1806 bei der Annäherung der Franzosen aus seinem Lande flüchten mußte, übertrug er seinem Oberhofbankier die Sorge um seinen Besitz, nämlich um vier Millionen Taler in bar, und es gelang dem ebenso ehrlichen und rechtschaffenen wie geschickten Bankier, nicht ohne eigene Gefahr, durch Mut und Klugheit das Geld zu retten, gewissenhaft zu verwalten ^nd es sogar bedeutend zu vermehren. Es gehen die rührendsten Erzählungen um, wie der Kurfürst vor seiner Flucht seine Geldkisten zu Rothschild nach Frankfurt brachte und ihm seinen ganzen Goldschatz bedingungslos anvertraute und wie der alte Mayer Amschel auf Ehre und Gewissen versprach, dieses Vertrauens sich würdig zu erweisen, eher sein eigenes Geld zu verlieren, als das Depot seines Herrn zu verraten. Auch berichtet die Legende, daß die Franzosen, von dem Vorgefallenen unterrichtet, die Bank durchforschten und Rothschild in der Tat sein ganzes Vermögen verloren — aber den wohlverwahrten Schatz des Kurfürsten gerettet habe. Hier ist Dichtung mit Wahrheit gemischt. Allerdings hatte Frankfurt damals an den französischen Marschall Augerau eine Kriegskontribution von 4 Millionen Frank aushändigen müssen, die der Stadt unter dem Vorwände „häufigen Vertrags mit englischen Waren und heilloser Begünstigung britischer Agenturen" erpreßt worden war. Doch sah sich Rothschild dadurch nicht mehr als jeder andere Frankfurter Bürger in seiner Lage betroffen. In ähnlichem Sinne urteilt auch der bekannte Geschichtsschreiber und Geschichtsforscher Friedrich Christoph Schlosser, der damals in Frankfurt lebte und über die Vorgänge jener Zeit sehr gut unterrichtet war, in seiner „Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts" u. a.: „Wir alle, die wir damals (1806) in Frankfurt auf Preußen hofften und das Manifest desselben vortrefflich fanden, freuten uns, als dem Kurfürsten schon nach vierzehn Tagen, nachdem er sich neutral und nicht am Kampfe gegen Napoleon Anteil zu nehmen erklärt hatte, die Nemesis erreichte, und bedauerten nichts mehrm als daß uns ein Pflichtgefühlverbot,- , den Franzosen zu sagen, daß sein übelerworbenes Geld in Amschel Rothschilds Keller liege. Dort lag es verborgen in Rothschilds Weinfässern, weil durch ein Dekretdes Kaiser Napoleon, die Kontinentalsperre gegen England ins Leben gerufen war, und letzteres dagegen Repressalien angeordnet hatte, wonach nichts von deutschen Häfen aus'nach England gebracht werden konnte." - Jedenfalls ruhte das Vermögen des Kurfürsten nicht sehr lange in „Rothschilds Weinfässern", denn es steht schon längst durch Urkunden fest, daß Rothschild die 4 Millionen sehr rasch fortschasfte und unterbrachte. Er wählte den für ihn bequemsten Weg, indem er die ganze Summe mit sicherer Gelegenheit nach London an seinen Sohn Nathan, den Begründer des englischen Welthauses, sandte. Dieser selbst hat darüber eine kurze und bündige Mitteilung hinterlassen: „Es war," so erklärte er: einmal,, „keine Zeit zu verlieren. Mein Vater sandte mir das Geld nach England. Ich erhielt plötzlich 600 000 Pfd. Sterl. mit der Post und verwaltete die Summe so gut, daß der Kurfürst mir später seine sämtlichen Vorräte an Wein und Leinen schenkte." , Mayer Amschel setzte es bei dem Kurfürsten durch, daß dieser Nathan Rothschild in London eine Generalvollmacht erteilte. Bald nach dem Eintreffen der Millionen aus Frankfurt machte dieser denn auch ein glänzendes Geschäft, über welches er sich einst seinem Freunde Vuxton gegenüber in nachstehender.Weise äußerte: „Als ich mich in London etabliert hatte, ließ die Ostind. Komp. 800 000 Pfd. Sterl. Gold verkaufen. Ich kaufte alles, denn ich wußte, daß der Herzog von Wellington es haben mußte; ich hatte eine große Menge seiner Wechsel billig gekauft. Die Regierung ließ mich holen und erklärte, sie müsse das Geld haben.' Als sie es hatte, wußte sie nicht, wie sie es nach Portugal senden sollte. Ich übernahm auch das und sandte es durch Frankreich, dies war das beste Geschäft, das ich je gemacht habe." Nachdem von Rothschild, Vater und Sohn, ein großer Teil des kurfürstlichen Vermögens in sicheren Papieren angelegt worden war, konnte Mayer Amschel, als Preußen bei dem als steinreichen Mann bekannten Kurfürsten einen Anleiheversuch machte, mit gutem Gewissen durch seine Vermittler erklären lassen, daß der Kurfürst zurzeit gar keine zu Darlehen verfügbare Gelder mehr im Besitz habe. Wie Wilhelm Berdrow in seinem „Buch berühmter Kaufleute" erzählt, brauchte die preußische Regierung damals, zurzeit der tiefsten Demütigung durch den Korsen, Geld um jeden Preis, und der König Friedrich Wilhelm III. selbst verschmähte es nicht, an den Kurfürsten deshalb zu schreiben. Es blieb aber alles vergeblich. Fürst Wittgenstein, der ebenfalls mit dieser Angelegenheit betraut wurde, schrieb an Friedrich Wilhelm III., die englische Regierung habe „aus Fürsorge für den Kurfürsten" das in England liegende Vermögen desselben mit Arrest belegt und ließe ihm wohl die Zinsen, aber nicht das Kapital zukommen. Hier war wohl die Hand Rothschilds mehr im Spiele als die der englischen Regierung, vielleicht war es über auch nur die von den Geldgebern bezweifelte Zahlungsfähigkeit Preußens, die das Zustandekommen der Anleihe verhinderten, denn Rothschild war jetzt wohl der Mann, trotz der schlechten Zeiten, und auch ohne Staatsschatz des Kurfürsten, einige 100 000 Taler aufzubringen, wenn er es eben.wollte. Wenigstens bot er Dänemark in den folgenden Jahren wiederholt größere Summen zu ganz außerordentlich günstigen Bedingungen an. Als die englische Regierung während der Empörung Spaniens gegen die Gewaltherrschaft Napoleons ihre Armee in Spanienzu unterhalten hatte und kein christlicher Bankier die Lieferung des Geldes von England nach dem Lande der Kastanien unternehmen wollte, da übernahm es Mayer