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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-02 · Heft 40 (2.10.1912) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 40 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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Präsidium der jüdischen Gemeinde von Venedig hat ineinem Telegramm seiner Freude darüber Ausdruck gegeben, an den wohlverdienten Ehren eines heldenmütigen Sohnes Israels teilnehmen zu können. Anti-Sem. n konservativen Träumen spukt der Gedanke von einer \ Renaissance des Antisemitismus. Eines „veredelten" Antisemitismus natürlich, denn die Herren „von, zu und auf" geben sich ungern nur mit profanen Dingen ab, was sie zuletzt wieder bei der neuen Steuergesetzgebung vor allem Volke erwiesen haben. Als nach den vergangenen Januarwahlen Herr v. Hehdebrand sah, welche wenig erfreulichen Früchte die von ihm eingeleitete Liebschaft der Konservativen mit dem Zentrum gezeitigt hatte, wurde im konservativen Hauptquartier der Beschluß gefaßt, die künftige Politik in konsequentere Bahnen zu leiten. Aus dem Konservativen ins Deutsche übersetzt, hieß das, nach dem Rezept des Ruprecht- Ransern zu Verfahren: „Wir müssen schreien, schreien, daß man es bis zum Throne hört". Und wie schon häufig, wenn der Konservativismus „konsequent" werden wollte, schrie er antisemitisch. Schon im April d. I. sind an dieser Stelle Andeutungen gemacht worden, die sich im Lause der Zeit ausnahmslos erfüllt haben. Die gegen den Kaiser gerichtete konservative Fronde ist in Wirksamkeit getreten, und zwar unter der Flagge des entschiedenen Antisemitismus, die von einem ehedem sehr liberal gesonnenen Generalsekretär fleißig geschwungen wird, der seit kurzem auch den Wert konservativen Geldes schätzen lernte und seine frühere „Ueberzeugung" dementsprechend revidierte. Lange vor den Januarwahlen hatte die „Kreuzzeitung" in der Erinnerung, daß der Gründer der konservativen Partei der Jude Stahl gewesen ist, dem Gedanken öffentlich Aus-' druck gegeben, den das Judentum betreffenden Passus des sogenannten „Tivoli"-Programms zu streichen. Das war — ausnahmsweise — mal ein vernünftiger Gedanke, denn gerade im modernen Judentums steckt mehr gesunder und praktischer Konservativismus, als die Herren Konservativen auch nur im Gedanken auszubringen vermögen. Herr Dr. Oertel freilich, der Leiter des - agrarischen Bündlerblattes, hatte für die politische Sentimentalität der „Kreuzzeitung" keinen Sinn, und flugs pfiff er in seinem Leiborgan das konservative Bruderblatt hinter die Front zurück. Im Wahlkampf enthielt man sich — in den Städten wenigstens — antisemitischer Tendenzen. Den Bauern aus dem Lande aber gab man in jeder Versammlung mindestens einen Juden zu fressen. Trotzdem stiegen die konservativen Aktien am Wahltage nicht um einen Deut, und so kündigten denn der Herr v. Wangenheim und andere die Rückkehr zur alten Liebe, zum Antisemitismus an. Der heutige Konservativismus kämpft um seine Existenzberechtigung. Er weiß nichts davon, daß seine gegenwärtige äußere Form den Forderungen der Zeit nicht mehr entspricht, und in diesem Bewußtseinsmangel führt er seine Mißerfolge auf den „Einfluß des jüdischen Kapitals" zurück. Diesem Phantom galt also die konservative Mobilmachung nach den letzten Wahlen, und schon anfangs Juli entpuppte sich die „Staatsbürgerzeitung", zu deren Finanzierung der erwähnte jetzt konservativ bezahlte Generalsekretär ein paar Gesinnungsgenossen überedet hatte, als Sprachrohr der konservativen Fronde gegen den Kaiser. Bon Ballin bis Katzenstein wurde der „jüdische Einfluß" am Kaiserhofe nachgewiesen, und wer das Gruseln lernen wollte, der sah schon in nicht mehr ferner Zeit das gesamte männliche Deutschland mit dem rituellen äußeren Merkmal des mosaischen Gesetzes versehen. Fürchterlich zählte bereits der „Semi-Gotha" die Tropfen „jüdischen" Bluts in deutschen Adern und der „Hammerbund" dräute mit schrecklicher Gebärde. Seitdem habe ich mein wöchentliches Witzblatt abbestellt und — da ich zuweilen lustige Lektüre brauche — mich dem Dutzend Abonnenten der „Staatsbürgerzeitung" zugesellt, die ich einst, als noch der tapfere Dr. Bachler das Blatt in vornehmen Bahnen hielt, eine Zeitlang liebgewonnen hatte. Das war damals, als Ahlwardt grassierte und gemeinschaftlich mit dem inzwischen in den Hintergrund getretenen Dr. Böckel Berlin mit dem „Deutschen Volksrecht" beglückte. Damals stand Berlin im amüsanten Zeichen antisemitischer Zweigroschen-Versammlungen, in denen Herr Ahlwardt und sein Schwiegersohn, der „deutsche Gastwirt" Bodeck, dem fröhlichen Publikum vorgeführt wurden. Ebenso wie heute, sollte damals mit dem „arischen Prinzip" ein Geschäft gemacht werden, und die G. m. b. H., die sich zu diesem Zwecke Zusammenfand, flößte jedermann alle Schattierungen von „Vertrauen" ein. Das Geschäft ging denn auch so gut, daß Herr Böckel sein Gehalt sich talerweise von Ahlwardt und Bodeck erkämpfen mußte. Die einzelnen Redakteure des „Volksrechts" durften ihr Gehalt bei Herrn Bodeck abessen und abschlasen. Einem der Herren, der heute zuweilen noch in dem Blatte Dr. Oertels auftaucht und seinen unverfälscht tschechischen Namen der Zweckmäßigkeit halber hinter dem stolzesten Namen aus Wagners „Meistersingern" verbürgt, spendierte Herr Bodeck, weills dringend nottat, a conto Gehalt einen neuen Havelock nebst Stiefeln. Wenn man den Antisemitismus mit derlei Reminiszenzen schmücken darf, dann braucht man sich über die sogenannte „jüdische Gefahr" wahrlich nicht aufzuregen. Solange der Antisemitismus mit den Erinnerungen an die Ahlwardt, Leuß, Pickenbach usw. zu rechnen hat, sollte er lieber erst einmal den eigenen Tempel säubern. Die Boxerbewegung in China und die antisemitische Bewegung in Deutschland sind geistesverwandte Erscheinungen. Verdammt man die eine, so kann man die andere nicht gutheißen. Wir meinen, der Tüchtige muß das Recht haben, im Vordergründe zu stehen, gleichviel ob Christ oder Jude. Wer kann dafür, daß so wenig Antisemiten im Vordergründe zu finden sind? Der „Berliner Kritiker." Orot. D. S. Sslkrld. ie wir bereits berichtet haben, ist dem Rabbiner Dr. S. Salfeld in Mainz anläßlich der Einweihung der dortigen Synagoge der Charakter als Professor vom Großherzog von Hessen verliehen worden. Diese Ehrung ist überall freudig begrüßt worden, weil sie ein Zeichen ist, daß jüdisches Verdienst in gleicher Weife bewertet ward wie das von Nichtisraeliten, sie ist aber auch eine berechtigte Anerkennung der seelsorgerischen und wissenschaftlichen Tätigkeit des Geehrten. Darüber etwas zu erfahren, dürfte unsere Leser sicherlich interessieren. Wir geben deshalb nach einer Biographie in der Jewish Encyclopedia und nach uns zur Verfügung gestellten Ergänzungen einige biographische und bibliographische Notizen, die gleichzeitig irrige Angaben anderer Blätter berichtigen. Salfeld, der 1843 in Stadthagen (Schaumburg-LiPPe) geboren ist, hat in Berlin Philosophie, Orientalia und jüdische Theologie studiert, und ist besonders durch Steinschneider und Berliner zu literarischer Betätigung angeeifert worden, so daß er schon 1869 eine umfassende Bibliographie der Hohelied-Exegese veröffentlichen konnte. 1870 wurde er nach Dessau und 1880 nach Mainz als Rabbiner berufen. In der anhaltischen Residenz hat er sich neben seinem Amte auch sozial hervorgetan, so daß er zum Stadtverord-

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