Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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hat dieses fromme Blatt überhaupt noch' nie ausgeheckt. — Eine andere Leistung des „Deutschen Volksblattes" besteht in der Verschweigung der Namen der jüdischen Wohltäter und ihrer Wohltaten. Bekanntlich nimmt die Wiener Kommune Spenden an ohne Unterschied der Religion und Konfession. Ihre Wohlfahrtseinrichtungen werden alljährlich mit hochherzigen Spenden bedacht, und Christen und Juden geben mit der gleichen Liebe und Uneigennützigkeit, wenn sich nur ein Anlaß zur Wohltätigkeit bietet. Von Zeit zu Zeit werden dann in öffentlicher Gemeindesitzung die Namen' der Spender und die Höhe der einzelnen Zuwendungen bekanntgegeben, und die objektiven Zeitungsberichte reproduzieren die Liste. Nur das „Deutsche Volksblatt" ist hyperobjektiv. Es trifft eine sorgfältige Auswahl und unterschlägt die Namen der jüdischen Spender. Das letzte Referat in der Gemeinderatssitzung vom 6. September verzeichnete Spenden der Herren Gomperz, Auspitz, Geitler usw. in nicht unbeträchtlichen Höhen, aber das „Deutsche Volksblatt" verweigerte ihnen die Auszeichnung, in seinen Spalten sich gedruckt zu sehen. Vermutlich geschieht es ebenfalls, „weil die Juden den konfessionellen Haß schüren." — Der Kaiser hat dem Redakteur, kaiserlichen Rat Emcmuel Singer in Wien den Adelsstand mit Nachsicht der Taxe verliehen. Ministerpräsident Gras Stürgkh übersandte Herrn v. Singer' feine Photographie mit einer sehr schmeichelhaften Widmung. Die außerordentliche Auszeichnung des Kaiserlichen Rates v. Singer wird nicht nur in feinen Berufskreisen sympathisch begrüßt, sondern von allen, die Herrn v. Singer kennen und sein segensreiches und uneigennütziges Wirken anerkennen. A. H. Brrdapest, 19. September. In Rozsahegy — Lipto Rosenberg — starb vor einigen Tagen im Alter von 82 Jahren der hochwürdigt, von allen Kreisen hochverehrte Rabbiner Emanuel Elsaß. Derselbe war -ein sehr bedeutender Kenner des Talmuds, dessen Wissen er sich noch in der Jugend auf verschiedenen Jeschiboth aneignete. Er gehörte noch zur alten konservativen Garde, wiewohl er schon in seiner Jugend unter den: Bach-ischen Regime zu Preßburg maturierte und in Prag, wo er beim Oberrabbiner Rap-paport seine theologischen Studien absolvierte, -auch die philosophische Fakultät der dortigen Universität besuchte. Bon dort heim-gekehrt, heiratete er eine Tochter des hochberühmten Komitats-Oberrabbiners Bernat Nikolaws zu Lipto-St. Millos. Zur Zeit des israelitischen Kongresses in Ungarn wurde er vermöge seines anerkannten großen Wissens und bedeutender jüdischer Gelehrsamkeit — er war noch kein funktionierender Rabbiner — vom Bezirk Ersekujvar und Lurany zum Abgeordneten gewählt. Nachher, 1872 wurde er nach Lipto Rosenberg berufen, wo -er in Liebe, -Frieden niid Eintracht zum Segen der Schule, der Gemeinde und -aller Mitmenschen 40 Jahre wirkte, sein Leben unverdrossen nur der Schwule und dem Tempel weihte. Wo immer Not oder Dürftigkeit war, eilte -er hin, zu lindern und Hilfe zu reichen. Er war fromm, gottessürcht-ig, edel, -gutmütig, wohlwollend jedermann -gegenüber, bescheiden für sich, bescheiden und anspruchslos, aber freigebig und mildtätig für -alle Welt. Sein Wirken, sein Leben war nur Güte und di-e reine, -lautere Ethik. Dieses bestätigte -am -glänzendsten di-e Trauer, welche di-e Nachricht über sein Hins-cheiden inder ganzen Stadt und Bevölkerungohne Unterschied der Religion und der Nation erfüllte. Zu allererst wurde am Stadthaus -die Trauersahne ausgesteckt, selbstredend -auch -am jüdischen Tempel und an der Schule. Von vielen -israelitischen Nachbarsgem-einden kamen Delegationen, -um zu kondolieren. Die Stadt ließ durch den Magistrat mit -dein Bürgermeister Herrn Bela Kron-er an der. -Spitze der Familie kondolieren; diese Deputation verblieb während der Feierlichkeit -im Tempel und begleitete den Verblichenen hinaus bis zum Friedhof. Der königlichungarische Gerichtshof wurde durch den Herrn Gerichtshofpräsidenten Geza von- Chudovszky mit mehreren Richtern vertreten. Die evangelische Kirchengemeind-e sandte eine zahlreiche Deputation, an der Spitze ihren ehrwürdigen -Seelsorger Herrn Bella Method und Kirchenvorsteher Herrn- Vl-adimir Makovitzky. Das Piaristen-Obergym-naftum wurde d-eputativ durch -drei geistliche Professoren vertreten, überdies unzähli-g-e jüdische -Gemeinden durch ihre Vorsteher und Rabbiner. Die -erste Trauerrede hielt der Liptoretnikloser Oberrabbiner, Herr Dr. Wilhelm Singen. Er würdigte in schwungvoller, tief ergreifender Trauerrede die hohen Verdienste und glänzenden Tugenden -seines Kollegen. Ferner verabMedeie im Austrage -der Chevr-a K-adischa Herr Oberghmn-asialprof-essor Dr. B. Kohlbach, Nesse des Verblichenen, in ungarischer Sprache -denverdienstvollen Frommen. Zum Schlüsse sprach in ti-es er-greisender und Herz erschütternder Weise Herr Rabbiner Dr. Bernhard Elsaß aus Landsberg a. W , Sohn des teuren Verstorbenen, so daß kein Auge trocken blieb. Letzterer dankte der Gemeinde und allen Anwesenden für die Teilnahme. Lummnen. z. Bukarest, 17. September. Lange Zeit hörte, inan nichts von der Judensrage. Das „Fremdengesetz" funktionierte vorzüglich, .und die Regierenden wurden durch keinen Mißton aus ihrer Ruhe anfgestört . . . Nun beschäftigt sich seit einiger Zeit die rumänische Presse wieder auffallend viel mit der Judenfrage. Die antisemitischen Blätter tischen die alten unbegründeten Angaben gegen die Juden auf und fordern die Ausrechterhaltung des heutigen Zustandes, manche sogar verschärfte Maßregeln gegen die Juden. Gegen diese Anwürse richtet sich ein Artikel eines rumänischen Publizisten im „Adeverul", der diese Politik ein Unglück für das Land nennt, das sich früher oder später in sehr empfindlicher Weise fühlbar machen muß. Er plädiert nicht nur für die Zulassung der Naturalisierung der tatsächlich fremden Juden, sondern vertritt auch die Meinung, daß niemand das Recht habe, jenen Juden, die in Rumänien geboren, erzogen, und zum Militärdienste herangezogen wurden, das Bürgerrecht streitig zu machen. Diesen gegenüber sei der heutige Standpunkt ein Verbrechen, da man diese Juden zu Fremden stempelt, während sie in Wirklichkeit Rumänen siud, bessere Rumänen, als.mancher Deputierte oder-Senator, der unsere Gesetze schasst. In den Regierungskreisen lächelt man über das Gezünke der Zeitungsschreiber und arbeitet fleißig an der „Reinigung weiterer Gebiete von fremden Elementen." Türkei. 2. Jerusalem, 15. Septeniber. Ueber einen recht merkwürdigen Fall berichtet das hier erscheinende zionistische Arbeiterorgan „Hapoel Hazair". Vor vielen Jahren kaufte ein russischer Jude in der jüdischen Kolonie Chederah dreihundert Dunam Boden. Es war das eine jener vielen kontraktlosen Erwerbungen, wie sie in Palästina, wo den Juden die Erwerbung von Boden eigentlich noch immer verboten ist, durchgesührt zu werden pflegen. Der betreffende Käufer hat das Grundstück unkultiviert liegen lassen. Inzwischen hat er sich jedoch in Rußland taufen lassen, und auch seine Familie trat zum Christentum über. Nun erschien dieser getaufte Jude in der Kolonie, um von seinem erworbenen Boden Besitz zu ergreifen. Trotzdem fein Uebertritt zum Christentum den Leitern der Kolonie bekannt war, haben ihn dieselben bei der Uebertragung des Grundstückes auf seinen Namen mit allen Mitteln unterstützt. Mit Recht wirft nun das Blatt die Frage auf, was geschehen werde, wenn dieser getaufte Jude, dessen Kinder und künftige Erben schon eine streng russisch-orthodoxe Erziehung genießen, eines Tages den Einfall hat, aus feinem Grund und Boden mitten in der jüdischen Kolonie in Palästina etwa eine russische Gedächtniskapelle oder etwas Aehnliches zu errichten. Uebrigens ist dies nicht der erste Fall, daß getaufte Juden Grundbesitzer einer jüdischen Kolonie in Palästina sind. Vor mehreren Jahren war es, daß ein Jude, der in der jüdischen Kolonie ' Rischon le Zion einen Besitz hatte,' diesen, als er starb, seinen getauften Söhnen hinterließ. Damals haben die Kolonisten alle Mittel aufgewendet, und es ist ihnen auch gelungen, den Besitz von den Täuflingen zu erwerben, und dieses Ereignis hatte einen solch tiefen Eindruck auf die jüdischen Kolonisten gemacht, daß sie den Tag, an dem sie den jüdischen Boden von den getauften Juden Zurückerwarben, als einen Festtag feierten. Von Koh und Fern. — Ein bekannter Berliner Anwalt, Justizrat Dr. Julius G u h - rauer, ist am Dienstag voriger Woche in Norderney, wo er mit seiner Gattin weilte, infolge eines Herzschlages im Alter von 59 Jahren gestorben. Justizrat Guhrauer ließ sich im Jahre 1881 beim Landgericht I als Rechtsanwalt nieder und hat 31 Jahre lang bei den Berliner Gerichten die Anwaltspraxis ausgeübt. Die Leiche wurde von Norderney nach Berlin gebracht und am 22. d. M. unter großer Beteiligung auf dem Friedhof in Weißensee beigesetzt. — Der Verein der Schrimmer zu Berlin widmet dem durch ruchlose Mörderhand aus dem Leben geschiedenen Rentier I o s ep h Fuß folgenden Nachruf: Der Verblichene war uns nicht nur ein lieber Freund, ein treu ergebener Landsmann, sondern auch ein edler Charakter im wahren -Sinne des Wortes, der-stets hilfsbereit war, wo es galt, in Not und