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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-25 · Heft 39 (25.9.1912) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
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war Lassar durchaus nicht angenehm; er zerbrach, sich auch den Kopf darüber, was sein Meister damit bezwecke. . Denn so gelobt hatte er ihn noch niemals. Aus seinen Betrachtungen wurde er durch seinen Chef gerissen. „Bitte, Herr Malkin, begrüßen Sie meine Tochter; ich sehe, Sie haben ihr eine Kleinigkeit mitgebracht", — Lassar verbeugte sich zustimmend und, indem er sich mit einer neuen Verbeugung verabschiedete, ging er zu Fräulein Rosa hinüber, welche von ihren Freundinnen umgeben, sich in dem Nebenzimmer befand. Auch Frau Borowitsch, eine stattliche Vierzigerin, welche ihrer Tochter sehr ähnelte, saß bei den jungen Damen. Unbefangen begrüßte Lassar die Prinzipalin, dann gratulierte er dem Geburtstagskind und überreichte das Buch. Freudig überrascht nahm Rosa es entgegen, schlug es auf, und fand aus der ersten Seite eine Widmung des Gebers. Sie dankte sehr, zeigte es ihren Freundinnen und zog dann Lassar mit in die Unterhaltung. Inzwischen wurde zum Essen gerufen. Lassar reichte Frau Borowitsch den Arm, und, gefolgt von den jungen Damen, verfügte man sich in den Speisesaal. Die reich mit kostbarem Silber, seinem Porzellan und glänzendem Damast gedeckte, blumengeschmückte und von einem silbernen Kronleuchter mit facettierten Kristallgehängen bestrahlte Tafel gewährte einen höchst festlichen Anblick. Lassars Platz war dem von Fräulein Rosa gegenüber. Die Unterhaltung war sehr animiert. Nachdem der Herr Sacks auf seinen Freund Borowitsch getoastet, brachte Herr Rüben, der Sozius, einen Toast auf die Frau des Gastgebers aus. Ein anderer Gast ließ Fräulein Rosa hochleben — und schließlich erhob sich Lassar, um in gereimter, humorvoller Rede den Chef und seine Familie zu feiern. Die sehr witzige und hübsche Improvisation fand allgemeinen Beifall, und-die Aufmerksamkeit der Gäste richtete sich zuletzt in nicht zu verkennender Weise aus Lassar Malkin und Fräulein Rosa Borowitsch. Dies siel sogar Lassar aus.. . Als nach dem Essen die junge Welt sich in ein anderes Zimmer zurückzog, um dort Gesellschaftsspiele zu arrangieren, mußte Lassar notgedrungen, wollte er anders nicht als Spielverderber erscheinen, mitgehen. Die bekannten Psandspiele wurden von den Anwesenden vorgeschlagen. . Zufällig geriet sowohl Rosa wie Lassar oftmals in die heikle Lage, das Pfand gemeinsam auslösen zu müssen. Fräulein Rosa war ein wenig erregt, ünd als eine Pause im Spiel eintrat, bat sie Lassar, ihr ein Glas Limonade zu holen. Er eilte, das Begehrte herbeizuholen. Inzwischen hatten sich die anderen entfernt. Lassar fand Fräulein Rosa ein wenig erschöpft aus dem Sofa sitzend. Er reichte ihr die Limonade. „Vielen Dank, Herr Malkin," sagte Rosa mit einem schüchternen Augenausschlag. „Sie sind immer so gefällig und-—" sie stockte. Lassar fühlte sich ein wenig unbehaglich. Die Situation war nicht nach seinem Geschmack. Ehe er noch weiteren Gedanken nachhängen konnte, ries Frau Borowitsch nach ihrer Tochter. Rosa meldete sich. Frau Borowitsch'trat in das Zimmer und sah ein wenig befremdet aus, als sie nur ihre Tochter und Lassar erblickte. Letzterer . beeilte sich, der Frau seines Chefs zu sagen, daß Fräulein Rosa sich nur hier zurückgezogen, weil sie unter der Hitze im Saale gelitten. Rosa hängte sich in den Arm der Mutter und ging hinaus. Lassar folgte ihnen. Am Abend wurde noch getanzt. Auch hierin zeigte sich Lassar geschickt. Fräulein Rosa hatte ihm zwei Tänze freigehalten. Als er die Tochter des Hauses im Arm hielt, hörte man unter den Gästen hie und da ein leises Flüstern. — Am nächsten Morgen, als Lassar wie gewöhnlich an seinem Tisch mit allerlei Arbeiten tätig war, .trät gegen die Mittagszeit Herr Borowitsch zu Lassar heran. „Ihnen ist der gestrige ' Abend gut bekommen, Malkin?" „Ausgezeichnet, Herr Borowitsch!" „Hm, wollen Sie nicht, bevor Sie sich entfernen, noch einen Moment in mein Kabinett kommen, Malkin?" ),Gern", sagte Lassar. Als die Mittagsstunde nahte, wusch Lassar sich die Hände, nahm seinen Ueberrock und Stock Und verfügte sich' in das „Allerheiligste", wie er das Kabinett nannte. Borowitsch saß in einem Ledersessel vor seinem Schreibtisch, den Kops in die Hand gestützt. „Nehmen Sie hier Platz, lieber Malkin, und Wundern Sie sich nicht, daß ich Sie hier ein wenig aufhalte." Lassar wunderte sich zwar sehr, ließ jedoch klugerweise nichts davon merken. Er sah vielmehr seinem Chef mit einem verbindlichen Blick ins Auge. ° ■ „Sie haben bemerkt, lieber Malkin, daß meine Frau und ich Sie gebührend" — Herr Borowitsch räusperte sich ein wenig — „schätzen und bemüht waren. Ihnen hier Ihre Lehrzeit und nachher als Mitarbeiter so angenehm als möglich zu gestalten. Mir persönlich sind Sie als fleißiger, pflichttreuer Arbeiter wert; meiner Familie noch durch Ihren Charakter, Ihre Vielseitigkeit und — ich muß es hervorheben — ihre Bescheidenheit wert geworden. Meine pekuniären Verhältnisse . sind gut, wie Sie wissen — ich gehe jetzt geradeswegs aus das Ziel los, dem diese Unterredung zugrunde liegt — also ich beabsichtige zuerst. Sie zu meinem Sozius zu machen. Dann, als ich gewahr wurde, daß meine Tochter" — Herr Borowitsch zögerte ein wenig, Lassar war bleich, äußerlich ruhig und unterbrach ihn nicht, — „meine Tochter", wiederholte der Chef, „Sie gern sieht, möchte ich wissen, wie Sie zu der Angelegenheit stehen. Sie haben sich stets korrekt benommen — nun aber reden Sie, Malkin." Herr Borowitsch lehnte sich Kes 'atmend in seinen Sessel zurück. — Eine Pause entstand, Lassar war aufgestanden. Sehr bleich; aber gefaßt kam die Antwort: „Ich bin verheiratet und Vater eines siebenjährigen Söhnchens." Zuerst sprachlos, dann zornig sprang Borowitsch aus. „Wie, das sagen Sie mir erst jetzt?!" „Sie haben mich nicht danach gefragt und hätten mich, wenn ich es erzählte, wohl nicht dabehalten." „Nein, auf keinen Fall! Aber das ist kein Grund, um die - etwas eigentümliche Rolle, welche Sie hier gespielt, zu erklären." Traurig erwiderte Lassar: „Sehr trübe Erfahrungen, welche ich beim Suchen nach einem Meister gemacht, ließen es mir rütlich erscheinen, meinen Stand als Familienvater zu verheimlichen, wenn ich nicht direkt danach gefragt wurde. Wen schädigte ich damit? Niemand. Meine liebe Frau war sogar so zartfühlend, mich vor der Abreise völlig sreizugeben. Sie wolle mir und meiner Zukunft nicht mehr im Wege stehen, sagte sie, als für lange Jahre das Schicksal uns eine Trennung auserlegte. Um so mehr fühle ich mich jedoch gebunden. Ich liebe meine tapfere Frau, mein süßes Kind über alle Maßen — und werde sie niemals ausgeben! Schon lange hegte ich die Absicht, wieder heimzukehren. Allein meine Frau schrieb, daß es ihr gelungen sei, sich eine auskömmliche Existenz zu erringen. So blieb ich, um meine geringen Ersparnisse zu vermehren." „Sie können nicht mehr bei mir bleiben", sagte Herr Borowitsch kurz und wandte sich ab. Hu unter* Mitarbeiter! Ich bin von heute ab bis Anfang November verreist und bitte eilige Sachen an Herrn A l b e r t K a tz, Berlin-Pankow, Florastraße 58 senden zu wollen. Berlin, 19. September 1912. L u d w i g G e i g e r.

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