Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-25 · Heft 39 (25.9.1912) · p. Seite 467

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229055--68827-3281106
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

In den weichen Zügen Lassars arbeitete es mächtig. Er sah sein Weib in fremde Häuser gehen, um Arbeit bitten— . und eine tiefe Nöte-färbte seine Stirn. Er stammte aus einer Gelehrtenfamilie. Der 'Tradition folgend, hatte seine früh verwitwete Mutter auch ihn einem Rebben übergeben. Lassar war ein; aufgewecktes Kind-, und bei seiner Barmizwah hielt er einen gelehrten Vortrag, der das Staunen aller erregte. Im Talmud war er firm. Nun bettelte er feiner Mutter die Zustimmung ab) auch Profane Wissenschaften treiben zu dürfen. Lassar ließ sich von Bekannten Lateinbücher, Werke über Mathematik, griechische, englische und französische Grammatiken mitbringen — wenn sie 'in die nahe große Stadt, nach Riga fuhren. . ' - So eignete er sich aus autodidaktischem Wege genügende , Kentnisse in den alten und neuen Sprachen an. Es war ihm nun möglich, nicht nur Homer, Tücitus, nein, auch Virgil, die Ilias, den Phädon in der Ursprache zu lesen. .Ebenso las er Byron, Longfellow, Shakespeare wie Müsset, Rousseau, Zola im Original. Sein Wissensdurst war unersättlich. Die deutschen Klassiker hatte er schon als CH ederjunge verschlungen; nun wandte er sich der zeitgenössischen Literatur-zu. Er kaufte von seinem Taschengeld alle Neuerscheinungen des deutschen Büchermarktes, soweit sie ihm erreichbar, und hier und da auch einen ausländischen Autor. Nach und nach hatte 2t eine ganz stattliche Bibliothek beisammen. Lassar besaß auch ein hübsches kleines Reimtalent, das er bei Gelegenheiten gern sehen ließ. So galt dieser vielversprechende Jüngling, dem auch äußere Schönheit zuteil geworden, als eine glänzende Partie — nach dortigen Begriffen! Seine Mutter hoffte, daß er in eine reiche, angesehene Familie hineinheiraten werde. Das Gegenteil geschah. Wir haben gesehen, wie es ihm erging. Er verliebte sich in ein.Nachbarskind; das Mädchen war nicht hübsch, aber klug und gut unterrichtet. Ihr Vater chatte Frachtsuhrwerke zu vermieten und! war ein zwar braver, abervöllig ungebildeter Mann. Trotz aller Gegenvorstellungen von seiten der Mutter, Onkel und Tanten führte Lassar seine „Liebe" unter die „Chuppe." — ' An einem stürmischen Nachmittag, es herbstelte schon — der Regen Peitschte wuchtig an die Scheiben des kleinen Zimmers, und der Wind spielte mit dem reichlich gefallenen Laub Fangball, — es mutwillig bald in die Höhe, bald hier- und dorthin wirbelnd — stand Lassar abschiednehmend vor seiner Frau. Das Kind schlief. Er drückte mehrere Küsse auf die rosigen Bäckchen seines Knaben und umarmte seine Sara zum. letztenmal. „Gott beschütze dich und unser Kind", murmelte er mit tränenerstickter Stimme. . „Lebe wohl, Geliebter, kehre gesund wieder und schreibe oft!" — Sara reichte ihm den gepackten Koffer, gab ihm noch ein verschnürtes Päckchen Mundvorrat in die Hand und geleitete ihn bis zum nahen Gasthaus, wo der Reisewagen, ein Frachtfuhrwerk mit großem Leinenplan drüber, zur Abfahrt bereit stand. Darum standen Männer und Frauen, welche ihr Gepäck verstauten; es ging nach Riga. Von dortaüs wollte Lassar zusehen, ob er dableiben oder weiterziehen müsse. Noch ein Händedruck, dann setzte der Wagen sich in Bewegung. — — Mit Tränen in den Augen blickte die verlassene junge Frau dem Gefährt nach. — Drei Jahre sind verflossen. Nach' langen Irrfahrten über Odessa, Bukarest ist Lassar nach Jassy gekommen. Dort fand er bei einem Goldarbeiter und Juwelier eine Stelle als Lehrling. Ueber zwei Jahre schon arbeitet er bei diesem Meister. Micha Borowitsch ist ein tüchtiger Mann. Es ist eine Freude, bei ihm zu lernen. Dazu ist er wohlhabend, angesehen und besitzt angenehme Formen. In religiösen Dingen indifferent, läßt er seiner zur Frömmigkeit neigenden Frau doch freie Hand. . Sie besitzen eine Tochter, ein gebildetes, nettes Mädchen von siebzehn Jahren.; ' Lassar, der nun zum Gehilfen aufgerückt ist, wird oftmals, besonders an Sonn- und Festtagen, von seinem Chef zu Tisch geladen. Auch Frau und Fräulein Borowitsch mögen ihn gern. Er. ist ein schöner Mann, hat ein ausgebreitetes Wissen und ist dabei doch bescheiden und zurückhaltend. Die Tochter steht aus besonders gutem Fuß mit Lassar. - Sie leiht ihm Bücher, fragt ihn um Rat und zeigt ein lebhaftes Interesse an seinen Fortschritten im Atelier ihres Vater. Es ist vor Gefchästsschluß. Lassar hat soeben eine in Silber getriebene Schüssel, welche er kunstvoll ziseliert hat, aus der Hand gelegt. Da tritt sein Chef zu ihm: „Zeigen Sie, Malkin. Wirklich sehr gelungen; diese Schüssel wird auf der Hochzeit von Kasimir Rüben, dem Sozius meines Freundes Sacks, Aufsehen erregen. Ein wahres Kunstwerk! Sie Machen meiner Werkstatt Ehre! Uebrigens bittet Sie meine Frau, heute abend bei uns zuzubr'ingen. Wir sehen eine kleine Gesellschast bei uns— auch mehrere junge Mädchen, die Freundinnen meiner Tochter Rosa. Sie ist heute Geburtstagskind." Ueberrascht entgegnete Lassar? „Ich bin doch gar nicht gerüstet und in kurzer Zeit —" „Ach was. Sie haben zwei und eine halbe Stunde Zeit, um sich umzukleiden", sagte Herr 'Borowitsch lächelnd „Keine Absage, wenn ich bitten darf!" Lassar sagte lächelnd zu. „Elijoh Hanowi weiß es, was die eigentlich mit meiner Einladung bezwecken", murmelt Lassar für sich, aber er eilte auf sein Zimmer und warf sich schnell in seinen Besuchsanzug. Dann überlegte er, was er der Tochter des Hauses schenken könne. Blumen? Nein, abends wären die nicht mit. Platz. „Halt", er griff hinter den Vorhang in seinen Büchervorrat und zog ein elegant gebundenes Bändchen: Firdusis Gedichte in der UebersetzUng von Friedrich Bodenstedt hervor. Lächelnd schlug er das Titelblatt auf: Aus Mirza Schaffys Nachlaß, stand darauf. „Eigentlich keine geeignete Lektüre für Fräulein Rosa Borowitsch. Nun, ich kann ihr ja später von dem berühmten persischen Dichter erzählen, vielleicht begeistert sie sich für ihn", sprach Lassar für sich hin. So stand er denn nach Verlauf einer Stunde vor dem Spiegel seines bescheidenen Zimmers. Er betrachtete sich und war mit seinem Aeußern soweit zufrieden. Das Spiegelbild zeigte Lassar einen schönen Mann mit gepflegtem Vollbart, in tadellos schwarzem Anzug. „So geht's, ich bin doch nicht menschenscheu", sagte er lächelnd zu dem Spiegelbild. „Ich werde ebenso Figur machen, wie andere Leute dort." Schnell band er noch eine Weiße. Krawatte um, nahm Helle Glacehandschuhe, feinen Zylinder — er befaß keinen Chapeau claque — und der Gentleman war fertig. In den glänzend erhellten Räumen der Wohnung feines Prinzipals bewegte sich bereits eine ansehnliche Gesellschaft. Juwelengeschmückte üppige Frauen; blühende, frische junge Damen und ältere und jüngere Herren. Ms Lassar eintrat, empfing ihn sein Herr mit einem warmen Händedruck. Wohlgefällig maß er Lassar von Kopf bis Fuß. Unstreitig war sein „Gehilfe" ein schöner, eleganter Mann — und unter der anwesenden männlichen Jugend die hervorragendste Erscheinung. Herr Borowitsch stellte Lassar den Anwesenden als seinen befähigsten Mitarbeiter vor. „Sie haben, meine verehrten Damen und Herren, bereits die künstlerische Arbeit des Herrn Malkin zu bewundern Gelegenheit gehabt; auch gesellige Talente sind ihm eigen; er besitzt eine kalligraphisch schöne Handschrift und steht auch mit den Musen im Bunde." . Herr Borowitsch zeigte sich gern von der gebildeten Seite, wenn er Gäste bei sich sah. Dieses Zurschaugestelltwerden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.