Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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der schon, wenn auch nicht in so reichem Maße wie seine Söhne, ein „'König der Gläubiger und ein Gläubiger der Könige" war, diesen antiken Charakter anstaunten und ihn in Heller Begeisterung priesen? Und wie der Alte war, so auch seine Gattin Guttle (Gudulla), geb. Schnapper, die Tochter des Frankfurter Handelsmannes Salomon Schnapper, mit der er sich am 29. August 1770 vermählt hatte. Beide betrachteten die Judengasse als ihre Muttererde, die ihnen, wie dem Antäus in der griechischen Fabel, Kraft und Stärke verlieh. Man erzählt sich, daß, als man der Frau Guttle Rothschild nahe legte, daß es für sie und ihren Mann schicklich sei, endlich das Getto zu meiden, sie die Ratschläge mit den Worten von sich wies: „Hier habe ich meine Söhne reich und mächtig werden sehen, und ich will jetzt, indem ich mich in meinem Alter nicht überhebe, ihnen ihr Glück lassen, das gewiß von ihnen weichen würde, wenn ich aus Stolz meine niedrige Hütte verließe." Bei der Enge der Straße konnte bis zu ihrer Wohnung kein Wagen gelangen und so fuhren denn die Equipagen ihrer Söhne bis zum Eingang der Gasse. Man kennt die Auslassungen Ludwig Börnes Heinrich Heine gegenüber über die Stammeltern der Dynastie Rothschild: „In diesem kleinen Hause wohnt die alte Frau, die Lätitia, die so viele Finanzbonaparten geboren hat, die große Mutter aller Anleihen, die aber trotz der Weltherrschaft ihrer königlichen Söhne noch immer ihr kleines Stammschlößchen in der Judengasse nicht verlassen will und heute wegen des großen Freudenfestes ihre Fenster mit weißen Vorhängen geziert hat. Wie vergnügt funkeln die Lämpchen, die sie mit eigenen Händen anzündete, um jenen 18. Oktober der Juden, der, mehr als zwei Jahrtausende alt, noch immer gefeiert wird, statt den Leipziger 18. Oktober, der noch nicht das 15. Jahr erreicht hat und bereits in Vergessenheit geraten ish zu feiern, wo Judas Makkabäus und seine Brüder ebenso tapfer und heldenmütig das Vaterland befreiten, wie in unseren Tagen Friedrich Wilhelm, Alexander und Franz. Wenn die gute Frau diese Lämpchen betrachtet, treten ihr die Tränen in die alten Augen und sie erinnert sich mit wehmütiger Wonne jener jüngeren Zeit, wo der selige Mayer Amschel, ihr teurer Gatte, das Lampensest noch mitfeierte und ihre Söhne noch kleine Bübchen waren und kleine Lichtchen auf den Boden pflanzten und in kindlicher Lust darüber hin- und hersprangen, wie es Brauch und Sitte ist in Israel. Der alte Rothschild, der Stammvater der Dynastie, war ein braver Mann, die Frömmigkeit und Gutherzigkeit selbst. Es war ein mildtätiges Gesicht mit einem spitzigen Bärtchen, auf dem Kopf ein dreieckig gehörnter Hut und die Kleidung mehr als bescheiden, fast ärmlich. So ging er in Frankfurt herum, und beständig umgab ihn wie ein Hofstaat ein Haufen armer Leute, denen er Almosen gab oder mit gutem Rat zusprach; wenn man auf der Straße eine Reihe von Bettlern antraf mit getrösteten und vergnügten Mienen, so wußte man, daß hier eben der alte Rothschild seinen Durchzug gehalten." Auch darin, war Mayer Amschel Rothschild der Typus eines echten Juden aus der alten guten Zeit, daß er Wohltätigkeit im edelsten Sinne des Wortes und in großzügiger Weise übte. Sein jüdisches Herz, voll Mitleid und Barmherzigkeit, fühlte innig mit den Armen und Elenden, mit den Kranken und Unglücklichen. Einen nicht unbeträchtlichen Teil seines großen Vermögens, das er sich durch seine außerordentliche Intelligenz und seinen Geschäftssinn aus eigener Kraft erwarb, verwandte er zu mildtätigen Zwecken, sich sehr von späteren Millionären und Multimillionären auch dadurch auszeichnend, daß er es verschmähte, seine Wohltaten an die große Glocke zu hängen. Er tat unendlich viel Gutes, aber im geheimen, alles mögliche aufbietend, damit ja nicht die Oeffentlichkeit sich mit seinen philanthropischen Handlungen beschäftigte. Er lebte in dem alt-jüdischen Glauben, daß Gott diejenigen Wohltaten am meisten belohne, für welche der Spender keinen Dank empfange. Deshalb ist er zuweilen im Abenddunkel durch die Judengasse gegangen und einem jeden ärmlich Aussehenden, der ihm begegnete, drückte er eine größere oder kleinere Summe in die Hand, woraus er dann rasch von dannen eilte. Die Armen und Elenden, die ihn umringten, nannte er seine „Hofbeamten". Wie das Unglück, so kannte seine Hilfe keinen Glaubensunterschied. Er unterstützte jedermann, ohne Rücksicht auf Glauben und Nationalität. Diesen, seinen jüdischen Wohltätigkeitssinn erbtqn, auch seine Nachkommen, es als ein nobile okkieium betrachtend, das Vermächtnis des Ahnen treu zu bewahren und auszuführen. Auch was die einzelnen Mitglieder der Dynastie Rothschild für die Literatur, Wissenschaft und Kunst getan haben, verdient einen Ehrenplatz im goldenen Buch der Humanität. Aus der Menge der Beispiele sei hier nur der Freifrau Betty v. Rothschild, der Witwe des am 15. November 1868 verstorbenen James v. Rothschild, Erwähnung getan, die durch die Herausgabe des von Salomon Munk neu bearbeiteten „More Nebuchim" von Moses Maimonides der Wissenschaft einen außerordentlichen Dienst erwiesen hat. Dieses monumentale Werk, das den korrekten arabischen Text, die hebräische Uebersetzung und zahlreiche erläuternde Noten umsaßt, an denen Salomon Munk 30 Jahre seines Lebens gearbeitet, wurde auf ihre Kosten gedruckt. In ihre Fußtapfen trat auch ihre Tochter Bettina und Freifrau Mathilde v. Rothschild, die Gemahlin des Freiherrn Wilhelm Carl v. Rothschild. Sie errichtete in Frankfurt a. M. mit einem Kapital von K Million' Mark eine Stiftung zur Förderung des Kunstgewerbes, die Jünglinge ohne Rücksicht des Religionsbekenntnisses unterstützt. Was der bekannte Publizist und Politiker Friedrich v. Gentz, der mit den Rothschilds vielfach liiert war, im Jahre 1826 von den Chefs der Gelddhnastie schrieb, das galt auch von dem Begründer des Welthauses Mayer Amschel Rothschild selbst: sein Grundsatz war stets, bei keinem Unternehmen nach übertriebenem Gewinn zu trachten, jeder finanziellen Operation bestimmte Schranken hinzuweisen und soviel menschliche Vorsicht und Klugheit es vermag, sich vom Spiel des Zufalls unabhängig zu machen. Maß halten und das Ziel nie aus dem Auge verlieren war eines der Hauptgeheimnisse seiner Stärke. Was andere durch sogenannte Hauptschläge, die-auf dem kaufmännischen wie auf dem militärischen Felde zu entscheidenden Siegen, oft aber auch zu großen Niederlagen führen, verstehen, war ihm durch glückliche Anwendung der besten Grundsätze kaufmännischer Strategie, nicht durch Verwegenheit, sondern durch Besonnenheit und Ausdauer gelungen. Der persönliche und moralische Charakter hatteaus den Erfolg seiner Unternehmungen großen Einfluß gehabt. Es ist nicht schwer, sich eine zahlreiche Partei zu schaffen, wenn man mächtig genug ist, viele in sein Interesse zu ziehen. Aber die Stimmen aller Parteien vereinigen, und, wie die Volkssprache es ausdrückt, bei groß und klein hochangesehen zu sein, setzt nicht bloß materielle Mittel, sondern auch Gemütseigenschaften voraus, die nicht immer mit Macht und Reichtum verbunden sind. Wohltaten um sich her zu verbreiten, keinem Notleidenden die Hand zu versagen, jedem Hilfesuchenden, zu welcher Klasse er auch gehöre, bereitwillig entgegenzukommen und die wesentlichsten Dienste in die gefälligsten Formen zu kleiden — diese Wege zur wahren und verdienten Volkstümlichkeit hatte Mayer Amschel nicht aus Berechnung,. sondern aus angeborener Menschlichkeit und Gutmütigkeit betreten. Er hatte dadurch auch erreicht, was nur wenigen Günstlingen der Vorsehung