Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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auf. neue Einnahmequellen bedacht zu seinJ. Bei diesem ewigen Suchen nach Geld und neuen Steuern erschienen die Juden als geeignetes Finanzobjekt, an dessen Ergiebigkeit man besonders hohe Anforderungen stellen zu können meinte"). Trotz alledem blieb die Lage der Juden unter der Regierung Friedrichs I. noch eine verhältnismäßig günstige. Eine wesentliche Verschlimmerung trat erst unter seinem Nachfolger ein. Nicht sofort. Denn das Bestätigungsedikt, das Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1714 kurz nach seinem Regierungsantritt erließt, knüpfte unmittelbar und ausdrücklich an das Aufnahmeedikt des Großen Kurfürsten an und trug darüber hinaus nur den Verhältnissen Rechnung, wie sie sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt hatten. In der Folge jedoch zog ein Geist der Feindseligkeit und tiefer Abneigung in die Gesetzgebung ein. Der König war an sich Gegner der Juden, die ihm Persönlich unsympathisch waren. Für ihre religiöse Sonderheit fehlte ihm jedes Verständnis*). Verschiedene Vorkommnisses kamen hinzu, seine Abneigung noch zu vergrößern und in ihm die Ueberzeugung zu wecken, daß die Juden ein Uebel für den Staat, ein Schädling am Volksganzen seien. Auf dem Grunde dieser Ueberzeugung wurzelte seine Judenpolitik. Sie gipfelte in dem Satze, daß die Juden aussterben müßten"), und verfolgte das Ziel, auf der einen Seite sie zu fesseln und einzuschnüren, bis sie unschädlich würden, aus der anderen Seite ihre Lasten zu erhöhen, um sie wenigstens als Steuerquelle für den Staat möglichst nutzbar zu machen. Das ist der Geist, der die ganze spätere Judengesetzgebung Friedrich Wilhelms I. durchweht, das insbesondere auch der Geist des unter seiner Regierung ergangenen Hauptgesetzes, des Generalprivilegiums und Reglements vom 29. September 1730*). Friedrich II. folgte in seiner Judenpolitik durchaus den Spuren seines Vorgängers. Auch er war im Grunde seines Wesens den Juden abhold. Auch er war von ihrer Schädlichkeit durchdrungen. Auch er betrachtete es als die Ausgabe feiner Politik, ihre Zahl möglichst herunterzudrücken, zum mindesten aber jeder Vermehrung der selbständigen Existenzen unter ihnen mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Auch er war bestrebt, ihren Nutzen zu erhöhen, indem er ihre Lasten weiter vermehrte, und ihre vermeintliche Schädlichkeit einzudämmen, indem er ihre Fesseln noch enger schnürte"). Aus diesem Geiste heraus ist das Hauptjudengesetz Friedrichs des Großen geboren, das Generaljudenreglement vom 17. April 1750"). Es lehnte sich an das Generalreglement von 1730 an und baute sich auf ihm auf; es verfolgte nur noch energischer und strenger das beiden gemeinsame Ziel und verschlimmerte damit die Lage der Juden noch weiter. Das Generalreglement von 1750 ist im weiteren Verlauf der Negierung Friedrichs II. in einigen Punkten modifiziert worden. Im großen und ganzen aber blieb es bis zur Emanzipation in Geltung und bestimmte die Verhältnisse dieser Epoche. *) lieber das Steuerwesen unter Friedrich I. cf. Stenzel a. a. £>., insbesondere S. 169 ff. u. 200 ff.; Förster a. a. O., insbesondere I., S. 312 u. 329 f. 2) Für die Erneuerung des Schutzes: 1688 20 000, 1689 16 000, 1690 20 000 Taler; erhöhte Heranziehung zu den Generalkopfsteuern, lieber die Erhöhung der regelmäßigen Schutzgelder s. u. Kp. 2. ' * 2 3 * 5 6 7) Nrkundenband S. 6 ff. *) Faßmann, Leben Friedrich Wilhelms I., II., 8. 913. 5) cf. Königs Annalen, S. 259 ff. 6) Mhlius a. a. O., Nr. 51. 7) Urkundenband S. 15 ff. s) Das Nähere siehe im folgenden Kapitel. ") Urkundenband S. 22 ff. Das Generalreglement von 1750 mit den Aenderungen und Ergänzungen, die es bis zum Tode Friedrichs II. erfahren, bildet demnach den rechtlichen Hintergrund, von dem die Emanzipationsbewegung sich abrollt. Der Legründer der Dynaltie kothlchild. Von Dr. Adolph Kohut. (Nachdruck verboten) I. as jüdische Wams wird uns zu enge, wenn wir an den alten, vor gerade einem Jahrhundert (am 19. September 1812) verstorbenen MayerAmschelNothschild aus der Frankfurter Judengasse denken. Während gar viele Vertreter der Hochfinanz, die durch eigene Kraft oder durch eine Verkettung günstiger Umstände es zu großem Reichtum brachten, den Glauben ihrer Väter abschwuren, hat Mayer Amschel und' haben seine fünf Söhne, die „5 Frankfurter", bis zu ihrem letzten Atemhauch fest und treu am Glauben ihrer Väter festgehalten, ohne ihre Religion zu „changieren". Den Rothschilds gebührt aber unsere Sympathie auch aus dem Grunde, weil sie stets für Juden und Judentum und jüdische Interessen Sinn und Verständnis hatten, gegen die Verfolgung und die Verfolger ihrer Glaubensgenossen aufs Entschiedenste sich erklärten und nach Kräften alle Bestrebungen und Einrichtungen, die Israel von Nutzen sein konnten, förderten. Ist doch noch jetzt Lord Rothschild, der Chef des Welthauses in London, Vorsteher der Londoner Synagogengemeinde und erachtet es trotz seiner ungeheuren Beschäftigung und seiner zahllosen Aemter nicht unter seiner Würde, die vielfachen und verzweigten Angelegenheiten der Londoner Israeliten mit starker Hand wahrzunehmen. Ich brauche wohl nicht erst ausdrücklich hervorzuheben, wie aus das Selbstgefühl und die Selbstachtung der Londoner bzw. englischen Juden dieses charakterfeste und glaubenstreue Verhalten des edlen Lord wirken muß. Es wäre sehr zu wünschen, wenn auch an der Spitze der deutschen Gemeinden Männer ständen, die trotz ihres enormen Reichtums und ihrer hochgeachteten sozialen Stellung sich nicht scheuen würden, sich nicht bloß als Juden zu bekennen, sondern auch die geistigen, kulturellen und materiellen Interessen Israels mit Eifer wahrzunehmen. Der im Jahre 1743 in der Frankfurter Judengasse geborene Mayer Amschel (Anselm) Rothschild, der den Grund zu dem Reichtum, zu dem Einfluß und der Weltmacht des Hauses Rothschild legte, war noch ein Jude von . altem Schrot und Korn, mit all den edlen und glänzenden Eigenschaften eines solchen. Er strebte nie nach Aemtern und Würden, nach Auszeichnungen und Charakter-Verleihungen. Wenn seine fünf Söhne später in den erblichen Freiherrnstand erhoben wurden, wenn sie als Generalkonsuln, Hosbankiers, Herrenhausmitglieder usw. eine große Rolle spielten und zu den „Edlen, Rittern und Getreuen" zählten, so hatte jedenfalls der alte Mayer Amschel mit diesen äußeren Huldbeweisen der Großen dieser Erde nichts zu tun. Es war für ihn bezeichnend, daß er sein so bescheidenes und einfaches Haus im Getto zu Frankfurt a. M., wo er geboren wurde, bis an sein Lebensende nicht verlassen und sich geweigert hat, einen Prunkpalast in der den Juden schon lange sreigegebenen Stadt selbst zu beziehen. Als kluger und scharfsinniger Mann wußte er sehr wohl, daß man die Juden nur ihres Vermögens wegen umschmeichelte, und der Tanz um das goldene Kalb war ihm in tiefster Seele widerwärtig. War es da nicht natürlich, daß die Zeitgenossen Mayer Amschel Rothschilds, vor dem jedermann den Hut zog und