Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-25 · Heft 39 (25.9.1912) · p. Seite 462

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229055--68822-3281101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Institut zur Beförderung der jüdischen Literatur und steuerte der Allgemeinen Zeitung des Judentums, Ben chananjah, sowie französischen und italienischen Zeitschriften eine große Anzahl von Beiträgen bei: Biographien, wohl abgewogene gerechte Nekrologe- Miszellen, Rezensionen, Polemische Aufsätze, Abhandlungen über, biblische und talmudische Bibelsprüche; in einem dieser Aufsätze wies er nach, daß der Gebrauch, Selbstmörder an gesonderten Stellen zu begraben, weder durch die Bibel noch durch den Talmud sanktioniert sei. -■ Lelio della Torre war und blieb Italiener, obgleich er den größten Teil seines Lebens in einer zwar italienischsprechenden, aber dem österreichischen Kaisertum zugehörenden Stadt lehrte. Er vermied es daher möglichst in seinen Reden, den Namen des österreichischen Kaisers zu nennen und tat dies einmal 1853 in folgender Fassung: „Die Statuten schreiben vor — und ich füge mich dieser Pflicht — die Studenten daran zu erinnern, daß die Majestät des höchsten Souveräns einen gütigen Blick werfen möge auf euer Leben, euren Fleiß und eure Fortschritte" (freilich sind diese Behauptungen der Herausgeber einigermaßen zu beschränken, denn sie teilen selbst italienische und hebräische Reden zum Geburtstage des Kaisers, aus die Errettung von einem Attentat und andere mit): Diese politische Gesinnung brachte ihn auch dazu, obgleich er viel mehr Beziehungen zu deutschen als zu französischen Gelehrten hatte, in dem deutsch-französischen Kriege 1870/71 auf Frankreichs Seite zu stehen und die Niederlagen des französischen Volkes zu beklagen. In religiösen Dingen war Lelio della Torre ein höchst gemäßigter Mann. Er war ein Gegner allgemeiner Synoden, wünschte vielmehr Provinzialrabbinerversammlungen, deren Teilnehmer sich indessen nur über allgemeine religiöse Angelegenheiten besprechen sollten, ohne entscheidende Beschlüsse zu fassen. Er billigte es nicht, daß einzelne Gemeinden ihren Kultus von Grund aus änderten, sondern wollte die Entscheidung der Gemeinde von den Gutachten des Rabbiners abhängig machen, der aber seinerseits die Entscheidung nur dann fällen sollte, nachdem er seine Kollegen befragt hatte. Er stand durchaus auf konservativem Standpunkt. Das geschriebene Gesetz und die Tradition galt ihm als unverrückbar; der Talmud war ihm eine Autorität, gegen die es keine Appellation gab. Selbst in Kleinigkeiten war er äußerst streng. Die Ehe eines Cohen mit einer Geschiedenen gab er durchaus nicht zu. Den späteren, nachtalmudischen Beschränkungen dagegen stimmte er nicht unbedingt zu. In den Kultusfragen war er für gewisse Abkürzungen und besonders für die Einrichtung einer Predigt an jedem Festtage. Er wünschte eine möglichste Einheit des Ritus in allen Synagogen, befürwortete die Abschaffung der Piutim, konnte aber mit dieser Forderung nicht durchdringen. Er vertrat ferner den Standpunkt, daß beim Gottesdienst unbedingt Stille herrschen müßte und betonte ausdrücklich den Satz, daß unser Kultus der des Gedankens, der Idee und nicht der Form sein müßte. Lebhaft befürwortete er eine religiöse Erziehung und religiösen Unterricht der Jugend, der Hebräisch, Religion, Geschichte und Literatur umfassen sollte. Er war ein tüchtiger Redner, wohl der erste hervorragende geistliche jüdische Redner in Italien, der die moderne Predigt belehrend und erbauend, mit beständiger Hervorhebung biblischer Stellen, mit ständiger Hinweisung auf die Hagada gestalten wollte. In seinen eigenen Predigten behandelte er mit Vorliebe die Aufgabe des ^Predigers und Rabbiners, allgemeine moralische und religiöse Fragen, eiferte gegen die Lauheit, pries die Wohltätigkeit, gab anziehende Bilder aus der Vergangenheit und ging/ aus philosophische.Fragen ein; Polemik gegen das Christentum wünschte er dagegen von den Predigten ausgeschlossen, ■- ebenso wie Auseinandersetzungen in Fragen der Reform. Große gelehrte Werke hat Lelio della Torre nicht geschrieben; außer den schon angeführten Sammlungen, hauptsächlich Reden, Uebersetzungen und kleine Schriften, von denen die Veröffentlichung, auf Grund deren dieser Aufsatz geschrieben ist, eine genügende Auswahl gibt. Sie können nicht alle einzeln besprochen werden. Sie beziehen sich vielfach auf religiöse Fragen: Christentum, Mord aus Fanatismus, die Cohensrage, Rabbinerkongresse, die Zahl 13 und anderes. Die polemischen Arbeiten haben es mit der Intoleranz einiger Gelehrten zu tun, handeln ferner über Sklaverei bei den alten. Juden; einmal tritt er warm für Ludwig Philippsons Tätigkeit ein, der von L. Oelsner nicht genügend gewürdigt ward. Interessant sind zum Beispiel einige Briefe über eine hebräische Uebersetzung von Dantes Göttlicher Komödie. Einzelne theologische Abhandlungen behandeln ein paar Verse der Bibel und Stellen des Talmud. Formvollendet sind einige Uebersetzungen von Gebeten und von Stücken aus Nahum, Zephanja und dem Hohenliede. Eine besondere Abteilung bilden die Aufsätze über die jüdischen Frauen. Die mitgeteilten Reden und Ansprachen sind fast ausschließlich Seminarreden, in denen das allgemein Pädagogische und das speziell Jüdische gleichmäßig vertreten sind. Aus seinen literarischen Kritiken seien die Besprechungen der Schriften des Instituts von 1862 hervorgehoben sowie die der verschiedenen Jahrbücher, die seit 1869 in Deutschland erschienen sind. In seinen. geschichtlichen Studien beschäftigte er sich im wesentlichen mit der politischen und literarischen Geschichte der Juden in Italien, besonders wichtig ist eine große Studie, in der er nachwies, daß schon im 18. Jahrhundert von den Rabbinern Italienisch gepredigt wurde. Unter den Biographien hebe ich die von I. N. Mannheimer, unter den Leichenreden die auf S. D. Luzzatto hervor. Aehnlichen Inhalts sind auch seine gewandt geschriebenen hebräischen Abhandlungen, die vielfach kritischen, pädagogisches, politischen Inhalts sind. Auch eine praktische Wirksamkeit suchte er auszuüben, er beteiligte sich energisch an den Bestrebungen für die Emanzipation der Juden in Oesterreich. Lelio della Torre verdient keinen Platz unter den ganz großen Schriftstellern jüdischen Bekenntnisses, aber er war ein tüchtiger Gelehrter, ein vielseitig wirksamer Schriftsteller, ein tapferer Kämpfer, seinem Glauben innig ergeben, ein treuer Sohn seines Vaterlandes, ein guter, treuer Mensch. Es ist rührend zu lesen, was er in seinem Testamente niederschrieb, er verlange nur ein Lob, nämlich das, ein guter Vater und ein guter Gatte gewesen zu sein. Die LnmnMslion der Julien in Oreuhen. Von Dr. Ismar Freund. (Schluß.) ie Folge dieser Gegensätze waren heftige Beschwerden der Zünfte und Kausmannsgilden über die Juden. Schon bevor die Ausnahme der Juden erfolgt war, hatte die christliche Kaufmannschaft gegen die drohende Konkurrenz beim Kurfürsten Vorstellungen erhoben. Kaum daß die Niederlassung stattgefunden hatte, wurden die Klagen von neuem laut, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.