Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
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ihrer Söhne — imbfie kann sich nicht weniger großer Söhne rühmen — von nun ab heilig halten und ihn zum Bewußtsein der Spanier bringen. ■m Der Besuch des russischen Ministers Sasonow in London hat auch in den jüdischen Kreisen Englands Interesse hervorgerusen. Lord Rothschild hat einem Interviewer gegenüber die Erklärung abgegeben, daß, falls Sasonow die Absicht hat, seine Anwesenheit in London mit der' Entrierung einer russischen Anleihe zu verbinden, so werde er unter keinen Umständen sich an einer solchen Anleihe beteiligen. Von diesem seinem festen Entschluß würde er nur in dem Falle abkommen, wenn Sasonow in der Lage sein wird, Garantien dafür zu bieten, daß mit der systematischen unmenschlichen Verfolgung der jüdischen Bürger Rußlands ein Ende gemacht wird. Inzwischen hat sich auch die Londoner B'ne B'rith Loge an die Spitze der Aktion behufs Anerkennung der englischen Pässe im Besitze von Juden seitens der russischen Regierung gestellt. # Aus Kiew wird der „N. I. K." geschrieben: Die Komödie der „erneuten Untersuchung" naht ihrem Ende. Man hat freilich im Lause dieser „Untersuchung" sehr interessante Details an den Tag gefördert. So hat zum Beispiel Frau Diakonowa, die Hanptzeugin Brasul-Bruschkowskis, die bekanntlich Rudsinskh, den Bruder der Tschebirjak, und Latyschew als die Mörder des Knaben Juschtschinski bezeichnete, diese dunklen Ehrenmänner erkannt. Untersuchungsrichter Maschkewitsch ließ die Diakonowa nach dem Gefängnis kommen, wo sie Rudsinskh, der dort irgendein Verbrechen abbüßt, unter elf Sträflingen sofort erkannte. Dieselbe Probe wurde mit Latyschew im Kerker gemacht, und Frau Diakonowa erkannte auch ihn unter fünfzehn anderen. Trotzdem diese Tatsache in Gerichtskreisen großen Eindruck machte, sollte man sich doch bald überzeugen, daß alles beim alten bleiben dürfte. Sehr verblüffend wirkte die Tatsache, daß Fürst Karajew und der Student Malachin, die zu den wichtigsten Zeugen Brasul- Bruschkowskis gehören, kurz darauf wegen angeblicher anarchistischer Umtriebe verhaftet wurden. Die überzeugenden Aussagen Brasul-Bruschkowskis und Krassowskys hatten den Verteidiger Beilis', Rechtsanwalt Grusenberg, zu einem neuen Versuch zugunsten seines Klienten ermutigt. Vor kurzem richtete er an Untersuchungsrichter Maschkewitsch ein Gesuch um Haftentlassung Beilis' gegen Kaution. Dieses Gesuch wurde nun abschlägig beschieden. Das arme Opfer des böswilligen- Ritualmordwahns wird voraussichtlich noch lange im Gefängnis schmachten. Wie die gut unterrichtete „Nowoje Wremja" zu melden weiß, sollen die Verhandlungen gegen Beilis im Lause des Jahres 1912 nicht mehr stattsinden. Es hat auch keine Eile damit. Vorläufig ist ja die Affäre ein trefflicher Bisten für unsere Patrioten. Namentlich wird sie in der gegenwärtigeu Wahlkampagne reichlich ausgenutzt. Die Wahllosung der „patriotischen Parteien", speziell im Südbezirk, läutet: „Ritualmord". Und man muß es unseren Behörden lassen: sie wissen den Grundsatz der Wahlsreiheit hochzuhalten — wenn es sich um die „Rechte" handelt. Ein Beispiel für viele. Während die unschuldigsten Vorträge über literarische und wissenschaftliche Gegenstände sehr' häufig „mit Rücksicht auf die öffentliche Ordnung" verboten werden, wurde es dieser Tage dem berüchtigten Pogromhüuptling, Student Golubew aus Kiew, gestattet, in Jekaterinoslaw einen öffentlichen Vortrag über „die rituelle Ermordung Juschtschinskis in Kiew" abzuhalten> Der Vertrag von 1832. Von Max F. Wolfs, Redaktionsmitglied des N.-A. Herold und der New Yorker Revue. elten wohl hat das Judentum ein ähnlich großes Interesse um politischen Leben zweier Staaten genommen wie momentan, wo die Paßfrage, die zwischen der Bundesregierung: der Vereinigten- Staaten und zwischen Rußland akut geworden ist, die ganze Welt in Spannung hält. Rußland habe, das ist so ziemlich die einstimmige Meinung des freien amerikanischen Volkes und feiner Vertreter, .sich seit einem halben Jahrhundert geweigert, seine Vertragspflichten zu erfüllen und die Pässe amerikanischer Bürger ohne Rücksicht aus Rasse oder Religion anzüerkennen. Wenn Rußland derartige Unterschiede macht, so begeht es damit eine un-, freundliche Haltung gegen das Volk der Verewigten Staaten, und diese dürfen diese Ungerechtigkeit, welche einigen ihrer Mitbürger angetan wird, diese Verletzungen ihrer Vertragsrechte nicht dulden. Dies würde den Fundamental-Jdeen der freien Institutionen Amerikas zuwiderlausen und steht allem entgegen, wofür die zivilisierte Welt beim Anbruch des 20. Jahrhunderts einzutreten hat. Es ist schließlich für Amerika keine jüdische Frage, es ist vielmehr eine amerikanische Frage, die sich um ein . großes Prinzip dreht. Sie berührt die Rechte aller amerikanischen Bürger. Rußland weigert sich nicht nur, amerikanische Pässe anzuerkennen, welche Leute mosaischen Glaubens gewährt wurden, sondern weigert sich auch, amerikanische Pässe anzuerkennen, welche Baptistenmissionaren, katholischen Priestern und presbyterianischen Geistlichen ausgestellt wurden, und zwar wegen ihres religiösen Glaubens. Die Amerikaner haben darum in einer Reihe großer Protestversammlungen zu erkennen gegeben, daß sie nicht dulden, daß die Rechte ihrer Bürger daheim oder im Auslande wegen ihrer Rasse oder ihrer Religion verkürzt werden. Die Ansicht ganz Amerikas läßt sich dahin resümieren : Rußland muß amerikanische Pässe anerkennen, oder der Vertrag mit Rußland muß annulliert werden. Für die Vereinigten Staaten ist kein anderer Weg offen. Kürzlich erst sagte Repräsentant Sulzer: Wollte unsere Regierung länger der Vertragsverletzung seitens Rußlands zusehen, so wird das eine Erniedrigung sein, welche von jedem patriotischen Amerikaner verdammt werden müßte. Die Auffassung des russischen Ministers des Aeußern, Sergius Sasonow, die am 14. Dezember v. I. in der „Nowoje Wremja" erschienen ist, erhellt von neuem, daß Rußland entweder die Sache nicht versteht oder nicht verstehen will. In der Erklärung sagt der Minister. der ganze Fall gehe nicht eigentlich das russische auswärtige Amt an. Weder der russische Minister des Innern noch die russischen Konsuln hätten gegen die Zulassung amerikanischer Finanziers oder Geschäftsleute jüdischen Glaubens irgendwelche Einwendungen erhoben. Die augenblickliche Agitation richte sich auch gar nicht gegen diese. Klassen. Es handle sich vielmehr um Agitatoren, Revolutionäre und Anarchisten, die dem jüdischen Glauben angehören, und die während der jüngsten Mißhelligkeiten aus Rußland nach Amerika ausgewandert seien. Man könne Rußland nicht zu muten, daß es diese zur Rückkehr nach Rußlandermutige. Wer nur einigermaßen mit amerikanischem Verwaltungswesen vertraut ist, erkennt sofort, daß diese Erklärung absolut bedeutungslos, an - den Fingern herbeigezogen und in sich selbst zusammenfallend ist. Der Paß wird in Amerika nur solchen Personen gewährt, die hier auch naturalisiert sind, und eine Naturalisation kann in keinem Falle vor fünfjährigem Aufenthalte im Lande erfolgen. Der Krebsschaden liegt einfach darin, daß Rußland entgegen allen zivilisierten Völkern das Recht einer in seinem Lande geborenen. Person, in anderem Lande Bürgerrecht zu erwerben, bestreitet, daß ein geborener Russe, selbst wenn er in Amerika naturalisiert wurde, nach russischem Recht zeitlebens Russe bleibt. Damit zeigt sich aber gleichzeitig, daß Rußland einer Person, die aus russischer Erde geboren und nach russischen Staatsgesetzen russischer Nationalität geblieben, den Eingang in das eigene Land verwehrt. Der Schlüssel zur Lösung der Frage liegt auf der Hand. Es besteht wohl nur eine Möglichkeit in der Lösung dieser Frage, wenn diese nicht schwere Folgen für Rußland haben sollte. Und das ist ein Nachgeben Rußlands. Rußland stellt