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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-25 · Heft 39 (25.9.1912) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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> Und. dieses „Urteil der Tat" aus. der- „großen Masse" sagt deutlicher und markanter als meine Ausführungen,- daß . die Themastellung falsch ist, daß.die Einzelleistüng unbekümmert um das zustimmende oder verneinende Urteil allzu kritischer „Zeitgenossen" das umstrittene Prädikat „deutsch" von der „Nachwelt", erhalten wird, wenn sie deutscher Empfindungs- und Gedankenwelt angehört — ganz gleich wer ihr Urheber ist. v-: Aus Münch e n wird uns geschrieben: Zur Frage der Revision des Judenedikts in Bayern betonte der liberale Abgeordnete Dr. Casselmann bei der Beratung der Kirchengemeindsordnung durch die Kammer der Abgeordneten am 11. September 1912, daß die Notwendigkeit der Revision von beiden Kammern bejaht sei und besonders Reichsrat Gras Crailsheim die Unhaltbarkeit der derzeitigen Rechtsnormen aus diesem Gebiete.'dargetan habe; er begrüße daher die Erklärung des Ministers in der Reichsratskammer, daß eine Revision des Judenedikts kommen werde. Nur bitte, er die Vertreter der verschiedenen religiösen Richtungen unter den Israeliten Bayerns, sich über die Grundzüge der Reform endlich zu verständigen, damit die Negierung nicht gezwungen sei, über die Köpfe der Interessenten hinweg aus dem Ver ordnungsw ege eine Neuregelung, zu. treffen. Diese Absicht habe ich bereits im Oktober 1910 in diesen Blättern zum Ausdruck gebracht und neuerlich sei darauf hingewiesen, daß es im Interesse der jüdischen Gesamtheit liegen würde, wenn endlich diese Angelegenheit zur Regelung gebracht wäre. Aber Einigkeit der beiden in der bayrischen jüdischen Glaubensgesellschast bestehenden verschiedenen religiösen Richtungen — eine Reformrichtung, wie sie in Berlin schon besteht, haben wir glücklicherweise noch nicht — tut dringend not; denn es darf nicht verkannt werden, daß der derzeitige Ministerpräsident Bayerns auch schon zur Frage. Stellung genommen hat (vgl. die Ausführungen aus Seite 3 der Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Oktober 1911). Wenn Minister v. Hertling aber als Referent zur Kirchengemeindeordnüng damals erklärte, daß die Vereinigung der beiden religiösen Richtungen zu einer einheitlichen jüdischen Kultusgemeinde in Bayern nur zu leicht zu einer Vergewaltigung der Miyderheitsrichtung führen und dadurch zu einer Quelle arger Gewissensbedrängnis derselben werden würde, so ist daraus zu schließen, was derzeit eine, im Sinne der Worte des Abgeordneten Dr. Casselmann über die Köpfe der Interessenten hinweg erlassene Regierungsverordnung bringen könnte, vielleicht sogar manches, was als Gewissensbedrängnis von der Mehrheitsrichtung empfunden werden würde. Es muß aber auf dem Gebiete der Religionsausübung beiden Richtungen mindestens aus Billigkeitsrücksichten schon Rechnung getragen werden. Und aus einer Reihe von Gebieten (Besteuerungsrecht, Notlage der kleineren Kultusgemeinden, Fürsorge für die Angestellten der Gemeinden) muß im Interesse beider Richtungen, und damit - der gesamten Judenheit Bayerns, Klarheit geschaffen werden. Deshalb sollte noch einmal an die Vertreter beider Richtungen, welche an der Revision des Judenedikts arbeiten, die Mahnung gerichtet sein, daß baldigst der. Regierung die Möglichkeit gegeben würde, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der den einheitlich vorgetragenen Wünschen und Anträgen der beiden bestehenden Richtungen Rechnung trägt. . * Aus dem Bureau der „Agudas Jisroel" wird uns geschrieben: Bekanntlich hatte das provisorische Komitee' der „Agudas Jisroel" die beiden aus gesetzestreuem Boden stehenden deutschen Rabbinerverbände ersucht, Delegierte in das Komitee zu entsenden. Diesem Ersuchen ist nunmehr Folge gegeben, worden, und es sind folgende Herren als Delegierte in das Komitee eingetreten: Von seiten der „Vereinigung traditionell gesetzestreuer Rabbiner" die Herren Rektor Dr. Ho ffm a nn - Ber lin, R ab b in er Dr. Go h n - R a - witsch, Rabbiner Dr. E. Weill-Buch s w eiler, von seiten des „Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands." die Herren Rabbiner Dr. Breuer-Frankfurt a. M., Großh erzo glich er - Rabbiner Dr. Marx -Dar m st ad t, P r o v i nzialr ab b i n e r Dr. Lahn-Fulda. Das Komitee hak die Herausgabe eines je nach Bedarf erscheinenden hebräischen Korrespondenzblattes beschlossen, dessen erste Nummer unter dem Titel „Haderech" im Lause dieser Woche zur Versendung gelangt. * Der „Neuen National-Zeitung" in Wien entnehmen wir folgende interessante Mitteilung: Der Präsident der neuerstandenen chinesischen Republik hat sich .aus Angehörigen verschiedener Staaten, lauter hervorragenden Fachmännern, ein Ministerium zusammengestellt. Wir finden darunter auch einen. Wiener Juden,- .Herrn Emil S.. F i f ch e r. Er ist iru. Jahre 1865 als der Sohn eines kleinen Geschäftsmannes geboren, der einige Jahre darauf nach Wien zog und sich in der Seitenstettengasse etablierte. Einer seiner Schulkollegen, Herr Ingenieur Geiringer, teilt einem Wiener Blatte folgendes über Herrn Ingenieur Emil S. Fischer mit: Fischer, dessen Eltern in bescheidenen Verhältnissen lebten, hatte keine rechte Neigung für das Gymnasialstudium. Er sagte immer, er wollte ein großer Kaufmann werden. Tatsächlich verließ er das Gymnasium und widmete sich dem Handelsstudium. Er kam zuerst zu einem Hutfabrikanten in Mariahilf in Stellung und ging zur Zeit der Weltausstellung als einer der Delegierten des Kaufmännischen Vereins nach Paris, wo er in - der österreichischen Abteilung sich in hervorragender Weise betätigte. Ebenso war er inder österreichischen Abteilung der Weltausstellung in Buenos Aires tätig und zog schließlich vor etwa -25 Jahren mit seiner Familie ganz nach Amerika, wo er zunächst bei der südamerikanischen Filiale der Deutsch-Asiatischen Bank Stellung fand. Dann wurde er nach Schanghai versetzt, später leitete er einige Jahre hindurch dst.. Exportabteilung der Deutsch-Asiatischen Bank in Berlin und etablierte sich vor einigen Jahren als selbständiger Importeur in Peking und Schanghai. Vor einigen Jahren hielt Herr Fischer in Wien einige sehr interessante Vorträge über die komplizierte Geldwährung Chinas. Vor etwa einem halben Jahre heiratete er in London die Tochter eines englischen Großindustriellen. Er weilte vor seiner Verheiratung , auch in Wien und besuchte Herrn Ingenieur Geiringer sowie dessen Bruder, den Kommissionär Herrn Leopold Geiringer, von dem er sich die Einrichtungen des St. Marxer Schlachthauses zeigen ließ. In Madrid ist dieser Tage ein sehr interessantes Buch des berühmten spanischen Schriftstellers Gomez Carilla erschienen. Es ist die farbenreiche Beschreibung einer Reise, die der Dichter durch den Orient gemacht hat. Vielleicht die schönste Stelle dieses Buches ist die Schilderung der Gefühle, die den Dichter an dem Grabe feines berühmten Landsmannes^ Rabbi Moses ben Maimon in Jerusalem erfüllt haben. Bitter beklagt sich Carilla darüber, daß die spanische Literaturgeschichte all die großen Geister, welche die spanischen Juden vor ihrer Vertreibung hervorgebracht haben, vollständig vergessen hat. Aber von all den zahllosen spanisch-jüdischen Gelehrten und Dichtern hat wohl keiner es verdient', gerade als Spanier deklariert . zu werden und sich seiner bis in alle Ewigkeit zu rühmen, als gerade-Maimonides, der mit Recht nächst Moses, dem Sohne Amrams, von den Juden am meisten gefeiert und geehrt wird. Nach einer Schilderung der Glanzepoche der spanischen Juden und nach Ausführung einer ganzen Reihe berühmter Namen aus jener Epoche schließt Carilla seine Betrachtung wie folgt: Man kann es noch begreifen, weshalb alle diese glänzenden Namen während der Jahrhunderte finsteren Glaubenshasses von uns vergessen wurden. Aber, welchen Vorwand haben wir heute und was hindert uns heute, sie unter unsere übrigen nationalen Größen einzureihen? Obenan in unserem Parnaß an der Spitze unserer Philosophen und Dichter gebührt ein Platz Maimonides. Und im Namen ganz Spaniens beuge, ich jetzt das Knie vor seinem Grabe und spreche: Du unser größter, forschender Geist vergib uns, daß wir deiner tausend Jahre lang vergaßen. Aber schon ist die Zeit gekömmen, da dein Andenken in uns emporsteigt und weithin glänzt. Cordova, das deiner heute gedenkt, wird deinen Namen als des größten

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