Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bit Woche. V erli n , 23. September. eutschtum und Judentum lautet das Thema, das seit einiger Zeit -die sogenannte Oefsentlichkeit beschäftigt, insbesondere die antisemitischen Blätter, die dieses Thema in bekannter Vornehmheit breittreten und mit 'Genugtuung aus schreiblustige — man möchte säst sagen, „ihre Juden" Hinweisen, die gleich ihnen für eine' reinliche Scheidung zwischen; Deutschturn und Judentum Plädieren: Moritz .Goldstein in seinem vielbesprochenen Aussatz „Der deutsch-jüdische Parnaß" kommt zu dem Schluß:, Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines. Volkes, das uns die Berechtigung und Fähigkeit dazu, abspricht. Aber während er dem jüdischen Elemente in der deutschen Literatur und Kunst' eine hervorragende Stellung einräumt und nur darüber verbittert ist, daß die Juden ihren großen Einfluß und ihre Eigenart nicht zugeben und amliebsten darüber schweigen, bringt die „Kreuz-Zeitung" vom 12. d. M. eine Zuschrift von jüdisch er Seite, in der der Anteil der Juden an dem Ausbau der deutschen Kultur als „ein recht, recht geringer" bezeichnet wird. Zur Kennzeichnung des Jdeenganges dieses - jüdischen Skribenten lassen wir nur einige seiner Bemerkungen hier folgen: Das Maß der Selbstkritik auf jüdischer Seite war von je ein recht mäßiges, Kritik von der anderen Seite ist ebenfalls sehr.unbeliebt, und man Hilst sich einfach damit, daß man den anderen als Antisemiten, sich selbst aber als Märtyrer bezeichnet. Hätte man nur einen kleinen.Bruchteil des Temperaments, .das man in der jüdischen Presse fortdauernd gegen Staat, Krone und Institutionen aus den Kriegspsad sendet, im eigenen Hause verwandt, dann, wäre das unglaubliche Wahlrecht innerhalb der jüdischen Gemeinden — in Wahrheit das. elendeste der Welt — längst gefallen, dann würde man den Prediger Kohn (?) zum Mittelpunkt eines Feldzuges machen, nicht Jatho und Traub, dann würde man nicht mit einem widerlichen Tiefstand an Geschmack sich ein Urteil über die christlichen Kirchen herausnehmen. Die Position, die man in der Anwaltschaft, in der Presse, in der Finanz, im Theaterwe-sen erreicht Hat, gibt kein Recht, sich so zu gebärden, als vertrete man ganz allein und gegen unzählige Feinde das, was man Freiheit und Recht zu nennen beliebt. Man kann und muß fordern, daß jeder, der seine Bildung einer Kultur verdankt, die weder er noch seine Väter haben aufbauen helfen, sich loyal beträgt,, oder eben die scharfe Gegnerschaft auf sich nimmt, über die er fortwährend jammert. Wir glauben im Sinne der gesamten deutschen Judenheit zu sprechen, wenn wir sagen, wir halten es unter unserer Würde, Vorwürfe zu widerlegen, die ein Jude gegen seine Glaubensgenossen in einem antisemitischen Blatte, zum Ausdruck bringt. Wichtiger scheint uns die prinzipielle Klarstellung der Auffassung des Themas Deutschtum und Judentum, die allein zu einer Klärung der Meinungen führen kann. Das wird sehr treffend im „Berliner Börsen-Eourier" vom 13. ö. M. erörtert: Es gibt weder ein Thema: „Deutsch-jüdischer Parnaß", noch überhaupt ein Thema: „Deutschtum und Judentum" aus Gründen der Logik — weil nämlich im „Deutschtum" schon soundso viel Prozent „Judentum" enthalten sind — im Judentum soundso viel Prozent Deutschtum. Weil, es jüdische Deutsche oder deutsch» Juden gibt, ist der Einteilungsgrund, den das Thema bedingt, von vornherein hinfällig. Die deutsche Bevölkerung.setzt sich zusammen aus: Protestanten, Katholiken und Juden.oder wenn ich nach dem religiösen nun den politischen Einteilungsgrund nehme: aus Konservativen, Zentrumsanhängern, Liberalen und Sozialdemokraten — die Gesamtheit erst repräsentiert das deutsche Volk; weder eine Glaubenskaste noch eine Partei darf für sich allein das Recht beanspruchen, sich „deutsch" zu nennen. - - So erübrigt es sichauchden Anteil der Juden am „deutschen Geistesleben", an der „deutschen Kultur" überhaupt zu spezifizieren — genaü so wie es überflüssig wäre, festzustellen, welche politische Gesinnung etwa ein Bildhauer hat. Man wolle doch vorerst nicht vergessen, daß das .Menschheitsideal über die religiösen und politischen Differenzen hinwegragt, daß „Wahrheit, .Gerechtigkeit, Mut und Tatkraft",'Eigenschaften, auf die die deutsche--Nation besonderen Wert legt,, außerhalbr kirchliche^ und parteipolitischer Grenzen zu , erstreben sind,- n - ' _ . Und/nun überhaupt dieser ganze; Streit ium-des Kaisers Wckvt^ Juden Und Nrchtjuden — Philo-"'und'Antisemiten' sagen ,;der JirdeH und jeder meint etwas anderes -damit. Wo ist das Modell zu deE . Typ: „der, Jude"? Genau da, wo das Modell zum Typ: „das Weib" ist im-Kopfe jedeseinzelnen. Die'Differenzierungen vom Tiefstand zum Hochstand sind unendlich, - und der Durchschnitt wird/ aus diesen unfaßbaren mathematischen Möglichkeiten nun willkürlich von dem einzelnen nach seinen persönlichen Erfahrungen, -Beobachtungen oder ererbten Anschauungen angenommen. Die experimentelle Psychologie hat in ihrem jüngsten Kongreß festgelegt, / wie schwierig es beispielsweise ist, den Dürchschnittstyp einer Schulklasse, in der Kinder eines Alters und ungefähr einer -Entwicklungsstufe sind, zu bestimmen.- Wie ungeheuerlich demgegenüber^;das Unterfangen von „Shylock" bis zu „Nathan dem Weisen" alle- Nüan-' cierungen zu durchmessen und zu sagen: hier ist der Durchschnitt: das ist „der Jude". In der großen Polemik über „Deutschtum und Judentum" spricht jeder von einem anderen Typ, wie jeder, der da schreibt, einen anderen Typ verkörpert. Wenn deutsche, spanische, rumänische, russische, englische Juden I Zionistische Ziele verwirklichen und in Palästina zu einer „Nation" werden wollen, werden sie die großen Verschiedenheiten unter sich mit der „Nationalität" erklären, die sie im Laufe von Jahrhunderten erworben hatten. Sie werden zwischen „deutscher" und „englischer", Zwischen „spanischer" und „russischer" Eigenart zu unterscheiden haben - — trotz der „Nassengleichheit". Mag man über die Vererbungstheorien denken wie. man will — mag man sie selbst überschätzen '—, das Individuum ist doch in erster Linie immer das Produkt der eigenen Erfahrungen — die Summe eigener innerer und äußerer Erlebnisse. So allein ist es zu erklären, daß ein französisches.Adelsgeschlecht uns einen deutschen Dichter schenkte. Und wer wagt es, Adalbert v. Chamisso. „nicht deutsch" zu nennen — er repräsentiert sogar in der '„Schlichtheit", „Sinnigkeit" und „Tiefe" seiner Lieder eine spezifisch „deutsche Eigenart", die wir in unseren Volksliedern so gern betont sehen. Man hat es ihm niemals zum Vorwurf gemacht und als Charakterlosigkeit gebrandmarkt, daß er deutsch -.geworden" ist. Das Recht ' der. Hugenotten, die aus französischem Erdreich nach Deutschland verpflanzt wurden und jetzt „Deutsche" sind, das gleiche Recht machen die Juden sich zu eigen, seit sie ihren Ghettomauern vor 100 Jahren entrinnen und ungehindert „Wurzel schlagen" durften. Auch hier fragt es sich nicht, was ihre Vorfahren.gewesen, sondern was sie selbst jetzt sind — als was sie selbst sich fühlen —, welchen Ausdruck sie ihrem Fühlen'und Denken im Händeln geben.'. Das „Deutschtum", wie es jetzt ist, ist ja auch ein '„Gewordenes", und es wäre nicht schwer nachzuweisen, wie weit es sich sogar von „Urbegrisfen" germanischer Denkungsart in einigen Punkten entfernt hat — schon allein durch das Ausgeben heidnischer Gebrauche. Und selbst die Definition eines großen Antisemiten'(Wagner): „Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun", schließt ihren Kreis nicht nur um protestantische Deutsche — auch nicht einmal um alle protestantischen Deutschen —, es umfaßt eine Auslese des protestantischen, katholischen und jüdischen Deutschtums, eine Auslese, der deutschen Nation. Gerade Repliken, wie sie so heiß im Kunstwart entbrannt sind, reißen Schreiber und Leser zu gefährlichen Verallgemeinerungen hin, und gehen, über alle Individualität hinweg in die „Massenpsyche" hinein. Sicher hat keiner der Verfasser die „große Masse", zu deren Sprecher er sich macht, wirklich hinter sich. Diese „große Masse" setzt sich aus einer ungeheuren Zahl mehr oder minder fühlender und denkender Einzelwesen/ Zusammen Und läßt sich letzten Endes durch große Leistungen hervorragender Persönlichkeiten hinreißen. Diese „große Masse" kommt auf dem Gefühlswege zu ihren unbewußten Urteilen: Wenn abends aus den stillen Havelseen im Ruderboot oder aus dem Rheinstrom im stattlichen -Dampfer ein Deutscher in 'sentimentaler, inniger deutscher. Eigenart anstimmt: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", so ist er im innersten Herzen überzeugt, daß er dem Ausdruck gibt, was er selbst empfindet, daß er ein echt deutsches Lied singt. -