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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-25 · Heft 39 (25.9.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 25. September 1912 76. Jahrgang Nr. 39 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. | Handel oder die Post (in Berlin und Vorortendurch unsere vertriebsstellen) bezogen > vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Sr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Sr. Ludwig Geiger Verlag: Kuciolk viiosse, verUn» Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: .Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46f49, zu richien. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Unfy&lt Die ^Aufrichtung der verfallen eg Hütte. Von Rabbiner Dr. Salomonski-Frankfurt a. O. — Die Woche. — Der Vertrag von 1832. Von Max F. Wolfs. — Lelia bellet Torre. Von Ludwig Geiger. — Die Emanzipation der Inden in Preußen. Von Dr. Jsmar freund. — Der Begründer der Dynastie.Rothschild. Von Dr. Adolph Kvhut. — Ein Jubeltag im goldenen Mainz. Von Dr. Salomonski. — Feuilleton: Frei — doch treu. Dem Leben nacherzählt von F. Cohn. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Juden tums"). Berlin, Tilsit, Hohensalza, Posen, Breslau, Dessau, Köln, Seesen a. H., Kassel, Bayreuth. Göppingen, Wien, Budapest, Bukarest, Jerusalem. — Bon Nah und Fern. Die Mkrichtung der mrksllenen Hütte. Von Rabbiner Dr. Salomonski-Frankfurt a. O. ^ty aum hatte mit dem Klang des Schofar der Versöhnungstag Abschied genommen und das Nachtgebet zum elften Tischri hinübergeleitet, da begann auch schon der Hüttenbau, die Vorbereitung des nahen Sukkotfestes. Beim Schein des wachsenden Mondes rammten die Ahnen die Pflöcke ein,'die eine volle Woche ihres Hauses Mauern bildeten. Sie reihten aber auch mit den Bauhölzern zwei sonst entfernte Empfindungen aneinander: die Verklärung der Neilahstunde und irdische Fröhlichkeit; Erntejubel, der im Himmelsgeschenk der Verzeihung wurzelte, durch sie nur Anlaß und Berechtigung erhielt. Heute ist die Herbstwallfahrt in der Judenheit leider nicht so sehr lebendig, aber nirgends ist das Welken einer Festidee begreiflicher, entschuldbarer als beim Sukkot. Die einst fördernde Nachbarschaft der großen Bußseier wirkt jetzt hinderlich. Dem religiösen Durchschnittsgesühl erscheint mit den vorausgegangenen ernsten Tagen zuviel zugemutet, als daß eine weitere Feier recht aufkommen könnte. So ist die Klage über den Verfall des Hüttensestes nicht unberechtigt, und der Not zu steuern unerläßlich. Es ist ja nicht zu erreichen, noch zu verlangen, daß Sukkot die gleiche Beachtung findet wie die Tage der Erinnerung und der Sabbat der Sabbate. Aber selbst am Beispiele der beiden Frühlingsseste gemessen bleibt es bedenklich zurück. Diese liegen nicht nur günstiger, am Ende der festelosen Winterszeit, „gute Boten" des ersehnten Lenzes, Mahner bedeutendster Geschehnisse. Nein, sie sind auch glücklicher gestaltet. Pessach hat packende Bräuche, Schabuot die ewigen Gedanken. Doch Sukkot hat nur die öde Wüstenwanderung Israels zum Vorwurf, an seinem Feststrauß hastet nicht der Heimatgruß, der heiligen Erde würziger Dust. Die arme geschlossene Palme friert, Paradiesapfel, Myrte und Weide sind nur symbolisch zu deuten. Und ist die Hütte,'die dem Fest den Namen gab, anders zu verstehen? In alter Zeit war man ihr näher, fühlte noch des Hauses Wert, in das .wir hineingeboren werden. Woher soll echte Freude selbst bei gutem Willen kommen, in herbstlichem Düster, das Palästinas Sonnenlachen schlecht ersetzt, uns melancholisch stimmt und mehr mitnimmt als der Winter? — Und doch muß aus der Hütte der sterbende Feftgedanke neu entstehen. Im Schatten der Synagoge errichtet ist sie ihr verwandt, aber auch dem Hause. Sie kann die Basis werden zu wertvollster Einsicht in des Judentums Vergangenheit und Zukunft. So unbeständig wie die Hütte war unser Glück, so schlicht unser Leben, so natürlich unser Verlangen, so anheimelnd unsere Andacht. Der Tempel war unsere Wohnung, jedes Heim ein Gotteshaus. Wie gut, daß wir das ohne Deutung begreifen, daß wenigstens die Hütte noch keine leere Form ist. Wahrlich, es wäre nicht recht, das daniederliegende Fest ganz zu mißachten, schnell die Hütte zu verlassen. Besser ist es, den verfallenen Bau auszurichten, auszuhelfen dem wankenden Israel. Das morsche Gebälk unserer Religion ist noch zu-ersetzen durch kraftvoll frische Stützen. Die Grundpfeiler wahrer Frömmigkeit der Tat sollen, aus der Hütte emporstreben. So wenig unserem Bekenntnis Menschenliebe ‘ und brüderliches Empfinden fremd find, so sehr ist ein ganzes Fest geeignet, diese Forderungen zu beleben; welches aber mehr als Sukkot, der Nachbar des Versöhnungstages, wo unser Sinn so willig, so geneigt ist, das Gute zu tun! Und weiter! Kann es nicht auch als Mahner des dräuenden Winters ähnliche Gefühle wachrusen? Wir dürfen uns nicht mit dem eigenen Wohlbehagen begnügen, an unserem Glücke sättigen; die Not, die so vernehmlich wie der Wind an Fenster und Wände bläst, muß unser Erbarmen wecken, den Willen zur Mitarbeit anfeuern für der Enterbten Gedeihen, der Hungernden Labung. Der Segen unseres Schaffens kam nicht zufällig zustande, die Vorsehung hat uns mit ihm Dankespslichten aus-- erlegt gegen alle, die ihre Sache nicht führen können, in uns Anwalt, Arzt und Ernährer sehen. Solche Einsicht kommt uns auch sonst, aber niemals überzeugender als durch den Hinweis des Urgrundes der Nächstenliebe: die gemeinsame Hütte, der wir entstammen. Die gleichartige Herkunft unserer Reichen und Bedürftigen beweist doch schlagend, daß wir zusammen gehören, daß nicht nur die Armen aus ihre erstarkten Brüder angewiesen sind, sondern daß diesen auch viel gelegen sein muß an der Linderung der jüdischen Not, der Verringerung des großen Proletariats und seiner Schrecken. Wer die Hütte betritt und sonst im Palaste wohnt, höre diesen Ruf. Dann fällt es in die Herzen der Beladenen wie Himmelstau, wie tröstender Sternenglanz durch der Hütte Laubdach. Mag der Menschen Wohnung nimmer festungsgleich verschlossen sein. Mögen Wall und Graben schwinden, aber auch des Herzens Mauern. Dann wird Israels Herbst zum Frühling, dem ein ewiger Sommer folgt, und jede Hütte birgt köstlichste Ernte, reichen Ertrag an Menschengut.

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