Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ich trage ihn spazieren," sagte der. Vater und nahm-seinen Gang wieder auf. * „Die Bewegung kann, heilsam sein. Ja, es gibt rätselhafte Fälle, wo die Wissenschaft nür 'staunend bewundern kann und schweigen! . . . Diese kleinen elastischen Wesen stecken voller Ueöerraschungen ... Da heißt es nur Gott und der guten Natur nicht ins Handwerk zu Pfuschen. Das sind die Meister, vor denen wir die Waffen strecken." Er legte sein Ohr aus die schwer arbeitende Brust des Kindes: „Ich glaube nicht mehr an innere Verletzungen, ich höre kein Blut. Ein Andrang zum Gehirn ist nicht mehr zu befürchten." — „Nur dies nicht! Besser Tod als Blödsinn!" „Nun, seid guten Mutes, beim ersten Ruf bin ich da! Ich werde die Nacht in meinem Arbeitszimmer verbringen. Adieu!" Geräuschlos trat er hinaus, man hörte ihn leise die Treppe hinuntersteigen. Gerhard Schwarz setzte seinen Gang in beschleunigtem Tempo fort. Jedesmal wenn er den Stuhl seiner verzweifelten Frau streifte, hielt sie ihn am Rockschoß fest, zwang ihn, seine Schritte zu mäßigen und flehte: „Bete, Gerhard!" Er zuckte ungeduldig die Achseln und schritt weiter, während sie eigensinnig wiederholte: „Er.allein könnte ihn retten . . . unser Gott, der Gott unserer Väter, unser Vater und König!" Sie warf ihm diese Worte wie ein Rettungstau hin, daß er es erfasse. — „Hörst dills?" Sie wollte ihn gleichsam zwingen, sich betend zu Gott zu wenden. Da bäumte sich der Körper des Kindes in seinen Armen empor und krampfhafte Zuckungen verzerrten sein Gesicht. Gerhard glaubte, es sei der letzte Todeskampf. Ein Schwindel erfaßte ihn. Philosophie und Gewisfensskrupel fielen von ihm ab, wie reife Früchte . . . Der Sturm der Verzweiflung rüttelte ihn wie einen morschen Baum, Hochmut und Eigendünkel stoben davon wie fahle Blätter . . . Die Seele schrie nach Hilfe. Aus ihren Tiefen rang sich ein Schrei, eine herrische Bitte, die wie ein Befehl klang: „Nein, nein, du wirst ihn mir nicht nehmen! Du allein kannst ihn retten, unser Gott, der Gott unserer Väter, unser Vater und König!" Es war ihm als hätte er mit Gott einen Vertrag geschlossen. Wie ein kecker Spieler warf er sein letztes Geldstück hin. Gewann er, so reichte der Glaube fürs Leben, verlor er den letzten Einsatz, so bedeutete es den Untergang. Unerbittlich ging die Zeit ihren Lauf. Nur die angstvollen Blicke der Mutter verfolgten jede Bewegung des unermüdlichen Wanderers. Der kleine Körper des Kindes erwärmte in der heißen Umschlingung des kraftvollen Mannes. Seine kleine Brust hob und senkte sich krampfhaft und rang nach Erlösung. * Er hatte gewacht. Am klaren Himmel erloschen die Sterne, hier unten schimmerte noch das flackernde Lebenslichtlein: Ueber die Dächer stieg Plötzlich aus einem nahen Garten ein jubilierender Amselruf. Gerhard unterbrach einen Augenblick seine Wanderung, um den Hoffnungstönen der erwachenden Erde zu lauschen. Er war die ganze Nacht gewandert hin und her. Stunde um Stunde. Seit er in seiner Not ausgeschrien hatte, war die folternde Angst langsam von ihm gewichen, und er hoffte mit ganzer Kraft, auf Erhörung. Stunde um Stunde verrann, mehr und mehr erblaßte das drohende Gespenst des grinsenden Todes, der seines Kameraden harrte, und als die Morgenhelle ins Zimmer drang, sah sie nichts als ein Phantom. In der Nacht wurde das Kind von Erbrechen befallen. Sein wirrer Blick erkannte den Vater nicht und nach der Anstrengung, die ihm das Gesicht gerötet hatte, war es wieder aschfahl geworden unstim tiefen SchkumMeö^eDrlkM>-Äber Ne Lippen öffneten sich weich-und rosig, -und ein leichter Atem hob die Brust, der Körper verlor seine Starrheit und dehnte sich wohligin den Armen des Trägers. Der Gang des Vaters wurde elastisch, fast tänzelnd, die Lust zu pfeifen überkam ihn, wie in frohen Stunden. Schlaftrunken fiel der Mutter der Kops auf. die Brust, sie nickte ein, dann fuhr sie in jähem Schreck w.ieder auf und blickte den Mann verständnislos an. Er redete ihr zu: „Leg dich schlafen,, Elise ... Er wird genesen... in ein paar Stunden ist es so weit. Aber ihr fehlte das. Vertrauen trotz der Gebete, die ihr unaufhörlich auf die Lippen kamen. Das Leben erwachte in den Straßen. Gerhard öffnete das Fenster, um Morgenluft zu atmen, da fiel der erste Morgenstrahl in das Zimmer, und als nun dieser leuchtete, da bot er das kranke Kind der warmen Liebkosung des Lebens dar. In der blendenden Helle schlug Gottfried die Augen erstaunt auf, wie jeden Morgen, blinzelte die Sonne an, gähnte und streckte sich. Dann schlang er die Arme um den Hals des Vaters und fragte lächelnd: „Darf ich jetzt aufwachen, Vater?" „Aber natürlich, mein Bub! . . . erwache, erwache! Was ist denn meinem Bübchen geschehen?" Seine Stimme zitterte vor innerem Jubel. — „Bin gefallen." Diese kurzen Worte umfaßten die ganze kindliche Tragödie. „Ich Hab kein Wehweh mehr. Ich mag essen." „So, so, mein kleiner braver Bub hat keine Schmerzen mehr ... So wird er Milch bekommen und morgen werden wir spazieren gehen." Das Kind lachte hell auf und der Vater lachte mit. Im Nu stand das Zimmer voller Fröhlichkeit, von einer so lebensvollen, überschäumenden, lieblichen Fröhlichkeit, daß die Mutter verwirrt und bestürzt aufwachte. Gerhard eilte auf sein Weib zu und legte ihr den Genesenden in den Schoß. „Sieh da, Elise . . . unser Gott, der Gott unserer Väter, unser Vater und König hat geantwortet!" Er beugte dankbar sein Haupt vor der höheren Macht und fügte ernst und langsam, Weib und Kind umschlingend,., hinzu: „Kehret zurück zu mir, auf daß ich zu euch zurückkehre!" Gerhard Schwarz reckte feine steifen Glieder und öffnete alle Fenster. Die Morgenfrische strich kühlend über die ausgehellten Stirnen. Eine Lichtwelle flutete durch das Zimmer und befreit blickte er nach dem dunklen Winkel hin, wo der Tod so lange Posten gestanden hatte. Als der Arzt eine Stunde später eintrat, empfand er eine aufrichtige Freude, obwohl er feit seinem Besuche in der Nacht diesen Ausgang erwartet hatte. Er hob das Kind in die Höhe und sprach seine Befriedigung aus, die Genesung feststellen zu können. — „Ich gratuliere. Sie haben hier ein kleines Wesen, an dem große Gnade geschehen ist," fügte er hinzu. „Ich bin glücklich . . . sehr glücklich," gestand Gerhard Schwarz ohne falsche Scham, „stnd dem lieben Gott und Ihnen, Herr Doktor, Dank." Dieser entzog sich allen Dankesbezeugungen, denn er fühlte, daß Gott in diesem Hause Einkehr gehalten, um niemals mehr daraus zu weichen. Gerhard Schwarz und seine Gattin haben an diesem Jom Kippur das Gotteshaus nicht besucht, sie blieben daheim bei ihrem ihnen wiedergeschenkten Kinde. Das Zimmer' wurde ihnen zum Gotteshause und als die Schatten der Nacht herabsanken, rang es sich aus den glücklichen Elternherzen mit himmelwärts gerichteten Blicken: Lchema sisroel adonai elauhenu, adonai echod. Boruch schein kewaud malchussau leaulom woed. Adonai hu hoelauhim.