Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kriksterlkgen. ist der Priestersegen, so rein, so wahr, so mild — ****' In seiner stillen Größe des echten Glaubens Bild! — ' „Es segne dich der Ew'ge, und er behüte dich!" Wie klinget das so lieblich und gar so inniglich. Wie eine Mutter segnet ihr Kind zum Abschied wohl, Das draußen in der Fremde den Weg selbst finden soll! — Und wenn nun aus dem Kinde der Segen Gottes ruht. Und auch der Jüngling wahret des Herzens heillge Glut, Da strebt er immer weiter, kein Berg scheint ihm zu steil, Wemüs -gilt, sich zu erwerben der ew'gen Wahrheit Heil. Doch ganz darf keiner schauen des Ew'gen Angesicht; Des Menschen Aug' ertrüge ein solches Leuchten nicht. — „Es lasse wohl der Ew'ge sein Antlitz leuchten dir, Er schenk' dir seine Gnade, und schütz" dich für und für. Daß dich beim Schau"n des Höchsten nicht jäher Taumel faßt Und du den Weg zur Erde zurück verloren hast! — Und wenn du einst voll Wehmut denkst au die Zeit zurück. Da nur auf Gott gerichtet dein reiner Kinderblick, Und nun die Kraft dir fehlet, zu schwingen dich empor, Wie tönt es da so milde und trostreich an dein Ohr: „Es wende dir der Ew'ge sein Antlitz wieder zu Und gebe dir den Frieden, die langersehnte Ruh'!" — Wie ist der Priestersegen, so rein so wahr, so mild — In seiner stillen Größe des echten Glaubens Bild! —. . . Sophie Jacobsolm. war steil, das. Geländern umngelhast,' das Kind - war . auf den abgenutzten-Stufen ausgeglitten, gestürzt. Gottfried, sein Bub! . . . Ihm war -es) als-sähe - er den Tod wie schon einmal-auf der Schwelle des Zimmers stehen, den-Todwie er grinsend aus das Kommen des. kleinen Kameraden lauerte, den er sich-heute zum Spiel auserkoren, wie vor wenigen Jahren sein holdes blondlockiges Schwesterchen. Zurück! Noch war er ihm nicht verfallen! Er will ihn ihm schon streitig machen, .er, Gerhard- Schwarz... und bis zum äußersten! „Was hat der Doktor gesagt?", fragte er hastig und-wandte sich zu seiner Frau, die am Fußende des Lagers, das Taschentuch an die Lippen gedrückt, abgebrochene Gebetsworte vor sich hinmurmelte. Sie fuhr erschrocken auf und stammelte: „DoktorMüller war oben bei Frau Sabine, er ist sofort heruntergekommen und hat ihn untersucht. . Es seien nur leichte Quetschungen vorhanden ... Er sprach von innerlichen Verletzungen, Blutandrang zum Gehirn . . „Ich verstehe schon: Tod oder Blödsinn!", warf der Manu bitter ein. „Er sagte noch^ daß nervöse Erschütterungen oft diese todesähnliche Erstarrung herbeiführen; er hätte schon einige solche .Fälle erlebt. Man müsse abwarten" — und leiser fügte sie. hinzu: „und beten, Gerhard, beten!" , Ein höhnischer Ausruf entfuhr ihm: „Nun, und zu wem? Schlafen denn die Schutzengel, während die Kinder auf dem Pflaster verenden?" „Bete zu Gott, dem Allmächtigen! Denke, Gerhard, es ist Jom Kippur! Lasse dieses Zimmer zum Gotteshause werden! Neue, Wohltun und Gebet wenden das böse Verhängnis ab! „Kehret zurück zu mir, aus daß ich zu euch zurückkehre", so lautete der Text im vorigen Jahre zu den wunderbar ergrei-' kehret zurück?u mir, suk dsh ich?u euch?urückkehre. Eine Jomkipvurgefchichte von Regina Reißer, as Kind lag seit dem Morgen in todesähnlicher Erstarrung. Durch die fest zusammengepreßten Zähnchen zog nur ein schwerer Atem röchelnd über die bläulichen, leicht hinausgezogenen Lippen. Niemand sprach, aus Furcht, den glimmenden Funken mit einem Hauche , auszulöschen. Fahle Dämmerungsschatten und stummeEestürzung krochen aus allen Ecken des Zimmers, während draußen die letzten Strahlen der sinkenden Sonne eines wunderbar klaren Herbsttages die Bekenner der Lehre Moses zur Andacht riesen, um den Ver- Mnungstag zu begehen. Der Vater, Gerhard Schwarz, saß aus einem Stuhl, unbeweglich, das Auge starr aus den Körper des Kindes gerichtet. Mit zuckenden Fingern wühlte er in seinem langen Barte und wiederholte wie von selbst: „Wie ist es nur möglich? Wie ist es nur möglich?" Die Hauswärterin, Frau Martin, begann immer von neuem mit mitfühlender Geschäftigkeit ihren Bericht: „'s ist zum Erbarmen! Meine kleine Tini hat zuerst den Schrei und den Fall gehört . ... „Lauf Mütterchen," so sagte sie zu mir, „da ist gewiß ein Kind die Treppe hinuntergestürzt." Sie zitterte förmlich. Ich lief, was ich konnte. . . . Und da lag ein Häuslein im schottischen Kleidchen mit blonden Locken. . . Ich hätte aufweinen mögen. Ihr Gottfried! Ihr Einziger! Nicht zu fassen! Aber da hilft kein Grübeln; man muß es hinnehmen, wie es kommt. Ich glaube immer,, unser lieber Herrgott gibt sie uns nur leihweise, die Kinder,- und wenn die Frist verfallen ist... da möchte man erst recht alles behalten. Aber warum frag ich auch nicht mehr, das nutzt ja auch nichts!" Gerhard Schwarz hörte nichb mehr zu. Man hatte ihm das Unglück bereits in allen Tonarten' erzählt. Die Treppe senden Predigten ..." „Wer glaubt, mag beten! Soll ich jetzt um eine Gnade betteln, da das Unglück uns hinterrücks anfällt.? Das wäre unmoralisch. Du weißt wohl, wie es mit mir steht." Er brach ab. Seine Frau hatte ihn verstanden. Seit dem unseligen Abende, da der Tod den Abgott ihrer Herzen, die kleine blonde Luise hinwegrasfte, hatte.er das Beten verlernt. Frau Martin hatte geräuschlos die Lampe angezündet und die Vorhänge der Fenster zugezogen. Das Licht der Lampe siel vom grünen Schirm gedämpft auf das Antlitz des sterbenden Kindes; keine Muskel hatte sich geregt. — „Ist er tot? . . . Gerhard, sieh doch hin . . . o, mein Gott!" klagte die Frau. In der Angst beugte er sich ungestüm zu dem Kinde herab, nahm es ohne Besinnen empor und legte es an seine Brust. „Nein, nein, mein kleiner Bub! So geht man nicht fort ohne Ade zu sagen. . . . Jetzt mußt du auswachen und lachen. Und wir spielen wieder Neitersmann . . ." Er ging im Zimmer aus und ab, mit langen aufgeregten Schritten. „Was machst Du? Um Gotteswillen . . . Du wirst ihn töten!" wimmerte die Frau und folgte ihm mit halbausgestreckten Armen, als könnte ihm die kostbare Bürde entfallen. „Nein, nein, Elise, er atmet sehr gut! . . . seine Wangen werden rosiger, es geht ihm besser, er schläft . . . mein lieber kleiner Gottfried!" Er sprach mit erzwungener Fröhlichkeit und berauschte sich an seinen hoffnungsvollen Worten. Es klopfte an die Tür. Der Arzt trat ein. Er war so jung, daß ein frischer Hauch von ihm ausging. — „Nuu?" Er beugte sich lauschend über die kleine Brust. Seine Miene drückte weder Besorgnis noch Freude aus, eher lächelndes Vertrauen. „Nicht schlimmer, gar nicht schlimmer . . . Stillstand. Das gefällt Mir." . J