Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Sephardim — die spanischen...Juden —, jene, die sich nach dem Dekret vom 31. März 1492, in welchem Juden' jedes Alters und Geschlechts bei 'Todesstrafe und Konfiskation der Güter befohlen ward, das Reich zu verlassen, an .deu. Küsten des mittelländischen Meeres niedergelaffen hatten, hingen*mit der Zähigkeit ihrer Rasse an einer Sprachweise, wie sie zur. Zeit Ferdinands und Jsabellas 'geübt-, wie siedamals ümtäg-' lichen Leben und in der Dichtung die herrschende' war..' Auf welcher Erde ihre Nachkommen auch heute ümhergehen mögen, ihre Stimme erklingt in kastilianischen Lauten, und ihre Zunge weiß die Romanzen, die in der Epoche ritterlicher Poesie populär gewesen, mit der Selbstverständlichkeit der Gewöhnung wiederzugeben. Mit dem "Verlöschen der jüdischen Bevölkerung auf der dazumal weltenbesiegenden Halbinsel ging es in. allen Zweigen der Finanz? rchd Verwaltung bedenklich bergab, das ist längst unbestreitbare historische Tatsache. Weniger bekannt ist die Liebe zur Kunst/ welche die fest und frohgemut Schaffenden'augenscheinlich besaßen. Als Goldschmiede, Juweliere, Maler, Bildschnitzers erfreuten sie sich guten Rufes.- Erfänden-sie in einem Lande-'das so wenig Schutz bot, auch keine neuen Lieder, so-erkannten-sie : doch mit feinem Verständnis deren Wert. Sie nahmen sie'mit und wurden zu Rettern eines seltenen Schatzes der Volkspoesie. ' '• ' Das Phänomen einer solchen Erbschaft konnte nicht unbeachtet bleiben; die geistige Hinterlassenschaft einer anders- > gläubigen Nation, gehütet von jenen, die bei den Ränken der Inquisition mit dem Leben davongekommen, ward bereits; Gegenstand. verschiedener Publikationen. Eine Sammlung; von Romanzen, wie sie unter den .spanischen Juden der Türkei; immer wieder austauchen, hat Abraham DänoU in der Revue des Etudes duives bekannt gemacht. Aehnliches findet ' sich in der Revue Hispanique; Abraham Galante, Halevy, Professor an der Ecöle des Hautes Etudes; Kayserling, Bernstein- Menendez Pelayo, kurzum Forscher verschiedener Nationen haben historische, literarische und philologische Arbeiten über dieses Thema veröffentlicht. . Wenn man bedenkt, daß im Jahre.1490 zu Salamanca nicht nur hebräische Bibeln verbrannt wurden, sondern..die vandalische Proskription der Literatur, wie sie ein Torquemada geübt, so weit ging, daß in einem Autodafe Mehr als 6000 für gefährlich erklärte Bände vernichtet wurden, so muß man die Sammlung des Rodolso Gil, welche 66 Romanzen enthält, eine jede in verschiedener Lesart und mit Beifügung des Herkunftsortes, mit besonderer Freude begrüßen. Düs hübsch ausgestattete Buch mit der unzerstörbaren Schönheit seines Inhaltes hat denn auch in dem Lande/das heute die Sünden der Väter bitter bereut, eine äußerst anerkennende Kritik gefunden. So steht in einem führenden Blatte' geschrieben: „Das Interesse, das diese Romanzen erwecken, liegt in ihrer lebendigen Altertümlichkeit, es ist sozusagen alte Poesie, die in mündlicher Form unsterblichen Glanz bewahrt hat. Es handelt' sich um altkastilianische Romanzen, durch Juden erhalten, modifiziert durch deren Mundart und in einigen Fällen auch durch ihre Tradition und ihren ureigensten Geist, denn weder Stoff noch Inspiration.haben mit dem Judentum irgend etwas zu tun. Vom philosophischen Standpunkt aus sind diese altkastilianischen Texte beachtenswert, weil sie sich in der Mehrzahl den archaistischen Typus erhalten habenauch in der zuweilen veränderten und verunstalteten Form, wie er durch die vielen fremdartigen Einflüsse unmöglich zu vermeiden gewesen ist. Vom literarhistorischen Standpunkt aus interessieren die Strophen als neue Beweise von der hartnäckigen Kraft mündlicher Tradition. :: Besonderes Lob verdient der Autor für sein-fortwährendes -Erwähnen der. Quellen, aus denen er geschöpft. Auf diese Weise erleichtert er den Lesern, die in seinen Spuren wandeln wollenden Weg'der Forschung." - ' Eine Anregung zu geben, das war in der ' Tat des Verfassers Absicht. Er bekundet dieselbe im letzten Satz seiner Vorrede, indem er seine vorliegende Arbeit als den Stein bezeichnet, den andere als Basis fernerer Studien betrachten sollen. : / ’ -. ' ' , ■ ' Eine Anmerkung des Buches liefert beachtenswerte statistische. Daten: Allem in Aegypten sprechen 20 000 Nachkommen der .durch das heilige Offizium aus 'Spanien vertriebenen Jsraelitep ein. nur wenig deformiertes Kastilianisch. In Alexandrien wie in Kairo sind ganze Stadtteile von Juden bevölkert, sie alle.sprechen Spanisch,'aber in verschiedenen Dialekten/je nach'Geschlecht und Sippe, was dem großen Muttersprachgebiet eine noch farbigere Note verleiht. In Saloniki Pflegen 70 000, in. Konstantinopel 50 000, in Hadrianopel 15 000 spanische . Juden eme beträchtliche Anzahl von Synagogen. ' Am eigenartigsten erscheinen die Juden in Jerusalem, diese beherrschen gewöhnlich dasÄrabifche und Hebräische, aber sie reden unter sich reines Spanisch und lassen sich Bücher und Zeitungen aus dem lateinischen Amerika kommen, da solche, in ihrer Interessensphäre in Spanien nicht existieren. In. Palästina, wn'/etwa 35 000 Seelen den jüdisch-deutschen Dialekt sprechen, ist' gegenwärtig der Zionismus bemüht, das Hebräische zur Sprache der jüdischen Bevölkerung zu machen. Dies.entspricht einem Geiste, ist den ich mich nicht hineinzu- ' denken bermä^,' der aber bei dieser.Betrachtung nicht in Frage stritt/ Pur ui' hem Brachlegen einer Sprache, die ihre Bildsamkeit, allein / m " Vielseitiger Bearbeitung beweisen kann, würde ich eine' Verarmung erblicken. /' . ., Die Romanzen sind seltsam anziehendein inneres Leuchten geht von ihnen aus, in der Fremdartigkeit ihres Idioms haben sie sich .den kosmopolitischen Ton des Volkslieds zu er- . halten gewußt. Diese Blätter, die aus grauer Vergangenheit zu. uns herüberfliegen, erscheinen mir der Mühe verständnisvoller Uebersetzung wohl wert.. . Im Prado-Museum zu Madrid befindet sich eine wunder- . volle Tafel, die. spanische Kunstforscher für ein Originalwerk des Jan Van Eyck.erachten und „El triunfo de la Iglesia sobre Ja Sinagoga“ betiteln. Als der „Brunnen des Lebens" wird das schöne Bild von deutscher Seite bezeichnet. Unter einem gotischen Tabernakel: thront Christuslinks die Jungfrau, rechts Johannes der Evangelist. Aus dem Turm entströmt -eine Quelle,' und das Wasser, aus dem Hostien schwimmen, wird in einem Brünnenbecken äufgefangen. Links -davon knien die gläubigen Christen, rechts die zu. überführenden Männer des Judentums. Indessen überzeugt von dem eucharistischen Wunder erscheint die letztgenannte Gruppe nicht. In den Zügen des Hohenpriesters mit den verbundenen Äugen —- Zeichen der Blindheit — und des vor ihm'knienden Juden 'liegt vornehm verhaltener Schmerz; der Beschauer, fühlt sich angezogen und ergriffen. Noch enträtselte man.die hebräischen Spruchzettel nicht, da sie, wie Justi meint, von Kopisten, die der Sprache unkundig, herrühren und daher fehlerhaft wiedergegeben sind. Ihre Deutung mag dem Hebraisten erwünscht sein. Der Unbefangene begnügt sich mit dem. hohen Lied des Leides, das sich aus den ausdrucksvollen.Menen leicht ablesen läßt. Eine gemalte Romanze erscheint das Bild, und das karikierte Toben der geringeren Juden zur Seite ihres Führers erläutert mit ungewollter Klarheit den Hintergrund des mitleidslosen Mittelalters. ' Margarete Marasse.