Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
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<Her braudenbuogische Staat. lag abseits Dom Gold'strom des Weltverkehrs. Sein Handel war kleinlich, krämerhaft, an die Schollegebunden, nur den nächsten Bedürfnissen dienend. Seine Träger waren die Zünfte und Kaufmannsgildeü, und zwarün einer Periode ihrer Entwicklung,- in dek fie, . insbesondere die Zünfte, ihren Höhepunkt allenthalben in Deutschland längst überschritten hatten^). Was von der einstigen Blüte der Zünfte übriggeblieben, war eine kleinliche, von egoistischen Interessen diktierte, engherzige, tausendfältig reglementierte Monopolwirtschäft. Eine peinliche und kleinliche Abgrenzung der Interessensphären, ein ängstliches Aus-der- Hut-fein gegen die Uebergriffe von anderen Seiten, ein Kampf der Zünfte mit der Kaufmannschaft und der einen Zunft mit der änderen, ein stetes gegenseitiges Auf-der-Lauer-liegen, ein argwöhnisches, mißtrauisches Wachen über den verbrieften Gerechtsamen, ein Auslösen des gesamten Wirtschaftslebens in Atome. Da fanden sich nebeneinander, streng gesondertem eigener Zunft: der Weißbäcker, der Schwarzbäcker, der Kuchenbäcker und 'der Zwiebackbäcker: der Großmetzger, der Kleinmetzger, der Schweinemetzger, der Wildbretmetzger, der Knochenhauer (Fleischverkäufer), Küter (Schlächter), Garbrater (Speisenverkä'user) und Hauschlächter; der Harnischpolierer, Schwertfeger, Knausschmied, Klingenschmied, Messerschmied, Hufschmied und Grobschmied; der Schlossernder Zeugschmied, der Spohrer usw. Und jede Zunft bildete eine Welt für sich, und jede wachte mit Argusaugen darüber, daß der Nachbar nicht ihre Wege kreuzte, kein Unzünftiger ihr Monopol durchbrach. Und nicht nur nach außen waren die Grenzen scharf gezogen. Auch innerhalb der Zunft waren die Interessen der einzelnen Genossen nach Satzung und Norm streng gegeneinander abgegrenzt: die freie Konkurrenz unter den Zunftgenossen war ausgeschlossen, Absatz und Produktion, Einkaufs- und Verkaufspreis, die tägliche Arbeitszeit . des einzelnen und die Höchstzahl seiner Hilfskräfte — alles war normiert und reglementiert. Alles in allem: Verhältnisse, im einzelnen nicht ohne Wert und Vorzug, in ihrer Ganzheit aber, wie sie sich allmählich entwickelt hatten, ängstliche und kleinliche Maßnahmen zum Schutze der Einzelinteressen, doch keine Grundlage, um einem armen Lande zu Blüte und Wohlstand zu verhelfen. ' Hierin eine Aenderung herbeizuführen, Handel und Wandel aus seiner Kleinlichkeit und örtlichen Gebundenheit zu befreien, war das Streben des Großen Kurfürsten. Aus diesem Bestreben erklärt sich sein — der Zeit weit vorauseilendes — Mühen um kolonialen Besitz und die Schaffung einer Flotte. Aus diesem Streben auch seine Stellung zu den Zünften, deren Aushebung er — auch hierin seiner Zeit weit vorauseilend — durch seinen Vertreter aus dem Reichstage von 1669 beantragen ließ'); aus diesem Streben endlich auch seine Stellung zu den Juden. Ueberall waren sie sichtbare Träger eines ' schwunghaften, vorwärtsstrebenden, von Unternehmungsgeist 'getragenen Handels. Holland, das wirtschaftliche Vorbild des Großen Kurfürsten, dankte nicht zuletzt ihnen seinen Wohlstand und seinen blühenden Kommerz. So sollten sie auch dem „Handel und Wandel" der Mark Brandenburg zur Förderung dienen'): das Edikt vom 21. April 1671 gestattete fünfzig *) Vgl. hierzu W. Stieda, Art, „Zunftwesen" in Conrad Elster, Handwörterbuch der Staatswissenschaften, II. Ausl., 6. Bd., S. 1012 ff. und die daselbst aufgeführte umfängliche Literatur. 2) Stieda a. a. O. ') Introitus zu dem Aufnahmeedikt vom 21. Mai 1671: „Wir. . . bekennen hiermit öffentlich . . daß Wir aus sonderbaren Ursachen . . . bevöräb zu Beförderung Handels und Wandels bewogen worden, einige. . . Jüdische Familien. . . gnädigst auf- und anzunehmen . . .", f. Urkundenband S. 3; vgl. auch die' Antwort des Großen Kurfürsten an die Stände vom 22. März 1670: „daß sie an gewissen Oertern auf gewisses Maß geduldet werden sollen, weil dies bei jetzt entblößtem Zustand des Landes nicht für un-' dienlich erachtet, un£> von einigen Einwohnern selbst erbeten Familien der Wiener Emigranten, welche-glaubenswütige Verfolgung Don: der väterlichen Scholle getrieben, gastlich-, die Niederlassung in der Chur- und'Mark Brandenburg. Aus dem inneren Verhältnis des Großen Kurfürsten zu den Juden, aus dem Zweck insbesondere, den er mit ihrer Aufnahme verband, erklärt sich ohne weiteres der Charakter des Aüfnahmeedikts.; Es atmet Duldung und Wohlwollen. Es räumtdenAusgenommenen weitestgehende'Freiheiten und Rechte ein, insbesondere in bezug auf ihren Handel. Es ist milde und bescheiden in bezug auf die Gegenleistungen, die es . von ihnen fordert. Im wesentlichen bestehen sie in einem jährlichen -Schutzgeld, welches als außerordentlich mäßig zu bezeichnen ist. Es ist eben nicht Hauptzweck der Aufnahme, sondern kommt erst in zweiter Reihe. Der wesentlichste Nutzen, der von den Juden erwartet wird, ist die Förderung von Handel und WandelJ. Die Aufnahme der Juden trug, den Keim zu schweren Konflikten in sich. Ihre Tätigkeit mußte die Interessen des christlichen Handels, der Zünfte und Gilden empfindlich berühren. Sträubten diese sich schon im allgemeinen gegen jede Beeinträchtigung ihrer Privilegien und ihrer Interessen'), so kam bei den Juden noch ein Zweifaches hinzu, um den Konflikt zu verschärfen: einmal der Religionsunterschied, dann die Wesensverschiedenheit des jüdischen und christlichen Handels. Der christliche Handel war in der Regel stabil: beschränkte sich auf das Gewölbe, erwartete den Kunden und hatte die Tendenz, sich in bezug auf die Zahl der Handelsobjekte zu beschränken. Der Handel der Juden war beweglich, suchte den Kunden auf und hatte die Neigung, in seinen Kreis zu ziehen, was irgend Erfolg und Gewinn versprach. Der Handel der Christen hatte etwas Behaglich-Ruhiges, Verharrendes, Abwartendes. Der Handel der Juden war unternehmend, vorwärtsdrängend und immer darauf bedacht, sich den Verhältnissen und Bedürfnissen anzuschmiegen'). (§chlub folgt.) Lin rpsmlch-jüdilchkr Komsnrero. as Ergebnis fleißigen. Nachforschungen und eifrigen Quellenstudiums hat den spanischen Gelehrten Don Rodolso Gil zur Herausgabe eines Buches: „Romanen) judeo espanol“ (Madrid 1911) veranlaßt, das als Errungenfchaft der gesamten internationalen Literatur angesehen werden kann. Die Reste altspanischer Poesie, wie sich dieselbe unter den aus der iberischen Halbinsel vertriebenen, im Orient und in Marokko ansässigen Juden durch Ueberlieferung erhalten hat, werden nebst einem Aufsatz über Grammatik und Literatur, einem Vokabular und einem Schlußwort, das der Gegenwart und Zukunft des spanischen Idioms gedenkt, in dem Werke veröffentlicht. " ' worden. . ." (Orlich a. a. O., II. Teil, S. 479); vgl. ferner die Regierungsgrundsütze in dem Politischen Testament des Großen Kurfürsten vom 16. Mai 1667: „Ewere von Gott Untergebene Unterthancn müsset Ihr ohne a n s e h u n g d e r Religion als ein rechter Datier lieben, Ihren nutzen vndt bestes, in billigen Dingen alzeitt gerne zu befördern suchen, die c o m m e r c i a v b e r al l. i n aufnehmen bringen, Vndt aufs mehrer peuplirung insonderheit der Chur. Brandenburg gedenken ... (Ranke a. a. O., 1. u. 2. Bd., S. 499 ff. bes. S. 503). *) das Nähere s. im folgenden Kapitel. ■ .* *) Vgl. die Gegnerschaft gegen die französischen Refugies und den sonstigen ausländischen Zuzug. Stenzel a. a. O., S. 49. ') Besonders bezeichnend für diese Gegensätze ist die Beschwerde der Kauf- und Handelsleute zu Frankfurt a. O. im Jahre 1688, abgedruckt bei König, Annalen der Juden in den Preußischen Staaten, besonders in der Mark Brandenburg-, Berlin 1790, S. 106—117.