Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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«Wrjr-" AZ'ä&Lii&ix: .Jsi^ftÄV:! er .nahezu: ein. Vierteljahrhundert..angehörte?: Er wari in' fast - Men Koinitees der jüdisch-sozialen Vereinigungen, sowohl 5M ex, am.Platze, als auch - in', den : großen deutschen Organisationen tätig. Im. „G'e- , meindebund", im „Hilfsverein der deutschen Juden", in der „Alliance", - im ,Lentralverein deutscher Staatsbürger", überall stand GMinger in vorderster Linie, wenn es galt zu helfen, zu werben und zu'organisieren. Er.war ein Helfer in Not und Vedrängnis, ein tatkräftiger / und unerschrockener Kämpfer, wo es galt die Rechte und das Ansehen der Judenschast gegen Angriffe zu verteidigen. In den zahlreichen Kollekten, die in den letzten Jahren die Not der Juden im Osten erforderte, war Gallinger immer als treibende Kraft an der Spitze ' aller Veranstaltungen. Er verstand nicht nur selbst zu arbeiten und zu organisieren, er wußte auch die anderen durch sein Beispiel und', durch die belebende und überzeugende Kraft feines Wortes anzuspornen. Bei der am Tage vor dem Neujahrsfeste stattgefundenen Beerdigung, konnte die riesige Halle des neuen Friedhofs die zahlreichen Personen aus allen Schichten der Bevölkerung und aus allen Konfessionen kaum fassen, welche gekommen waren, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Herr Rabbiner Dr. Freudentha l,. wlcher selbst dem Entschlafenen in inniger Freundschaft nahegestanden, schilderte mit ergreifenden Worten den Lebensgang und die trefflichen Eigenschaften des Herzens und Charakters, wie Gallinger bescheiden und selbstlos für seine Person, aber um so besorgter und hilfsbereiter für ändere gewesen war. Seine Tätigkeit war der Allgemeinheit, der notleidenden Menschheit und in erster Linie dem Judentum geweiht, eine Tätigkeit, die nicht nur nebenhergingsondern die Kraft und Zeit des hervorragenden Mannes ganz absorbierte. „Wahrlich", so sprach Dr. Freudenthal bei Beginn seiner Rede, „es hätte, uns keine schlimmere Botschaft zum Abschluß des alten Jahres treffen können als das Hinscheiden des allverehrten Mannes". Herr Justizrat Dr. Held, erster Vorstand der Kultusgemeinde, welcher, eigens von seinem Sommerurlaub zu dem Begräbnis hergeeilt, widmete dem unermüdlichen.Berater und Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung tief empfundene Worte des Dankes und des Gedächtnisses. Herr Justizrak Held sagte, daß Jakob Gallinger das dienstälteste und zugleich verdienstvollste Mitglied der Verwaltung gewesen sei, daß der Verstorbene nicht allein feine Tätigkeit hier im Rat der Gemeinde entfaltet habe, sondern, daß derselbe in zahllosen Fällen die Gemeinde nach außen - bei den Tagungen der großen jüdischen Organisation in würdiger und tatkräftiger Weise vertreten habe, wodurch der Name Gallinger weik über die Grenzen der Stadt hinaus mit Achtung und Verehrung genannt wurde. Herr Armenpflegschaftsrat Jonas Vamberger gedachte der Tätigkeit des Entschlafenen um den „Verein israelitischer Kranken-- Pflegerinnen" und dessen eifrigen erfolgreichen Bemühungen zur Schaffung eines eigenen Heims für die Schwestern. Herr Hofrat Dr. Goldschmidt legte namens der Vvrständsschaft des Vereins „Ferienkolonien für arme Schulkinder" einen Kranz nieder und rühmte die rastlosen Bemühungen Gallingers, zahlreichen armen Kindern eine Erholungsstätte zu gewähren. Herr Justizrat Josephs-' th al widmete dem Entschlafenen einen warmen Nachruf im Auftrag des „Zentralvereins deutscher Saatsbürger". Herr Hofrat Dr. Fr amkenbur ger legte im Auftrag des „Vereins für Tuberkulose". einen Kanz nieder, unter Dankeserstattung an. das rührige Ausschußmitglied. Herr Direktor G.ombrich sprach im Namen der hiesigen jüdischen Wohlfahrtsvereine, des „Hilfsvereins", „Wöhltätigkcitsvereins", „Frauenvereins", „Waisenvereins", ferner für den „Gemeindebund", den „Hilssverein deutscher Juden", und die „Alliance Israelite“. Alle die zahlreichen hiesigen und auswärtigen Organisationen verlieren in dem Verstorbenen einen treuen, tatkräftigen und nie versagenden Mitarbeiter, für den ein Ersatz nicht leichterdings wieder zu finden ist. Herr Direktor Gombrich erwähnte noch, wie Jakob Gallinger es verstanden hat, ein guter Jude und zugleich' ein guter Deutscher zu sein, und wie er noch in den letzten Wochen seines Lebens, als er sich schon krank und elend fühlte, seine ganze Kraft aufbot, um die Differenzen innerhalb der „Alliance" einem friedlichen Ausgleich zuzusühren. Herr Gemeindebevollmächtigter Wertheim er legte noch namens des Lokalausschusfes der Fortschrittlichen Volkspartei einen Kranz an der Bahre des langjährigen Ausschußmitgliedes nieder. So hat die Nürnberger Gemeinde einen ihrer hervorragendsten Männer zur letzten Ruhe bestattet, dessen Andenken fortleben wird; als das eines treuen und unentwegten Förderers und Kämpfers für das Judentum und für soziale Wohlfahrtspflege- . J. A. ÄirLmsntzjpstllln rlerIudkn in Kreutzen? Von Dr. I s m a r Fre u n d. 0 . ill man die Emanzipation de?- -Preußischen..-Juden, ' ähre Bedeutung -undihre .Geschichte . - verstehen,- so muß man sich den Hintergrund vergegenwärtigen, von dem sie sich-loslöst, muß die Verhältnisse sich klar machen,, .die ihr vorangingen; muß den Zustand her Unfreiheit sich-vor Augen führen, -aus dem die Emanzipation den Juden die Befreiung brachte? -- . Die Emanzipation der Juden in Preußen ist. nicht auf einmal geworden. Der Bewegung, welche erfolgreich mit dein Edikt vom 11. März 1812 .abschloß, ist eine Reihe von Reformversuchen mehr oder minder umfassender Art vorangegangen: der erste in den Jahren 1787 bis 1793, der zweite 179.5 bis 1798, der dritte 1800 bis 1801. Man muß daher auf die Zeit unmittelbar nach dem Tode Friedrichs des Großen zürückgehen, um den - Ausgangspunkt für die Emanzipationsbewegung zu gewinnen. Aber auch hierbei kann man nicht stehenbleiben. Denn die Verhältnisse, auf die wir stoßen, stellen nichts Absolutes, von der Vergangenheit Loszülösendes dar. Sie stehen vielmehr mit ihr in einem inneren organischen Zusammenhang, .bilden den Abschluß einer längeren Entwicklung, deren Wurzeln bis in das Jahr 1671 zurückreichen. Dieses Jahr ist das Jahr der förmlichen Wiederaufnahme der Juden in der Mark Brandenburg nach ihrer im Jahre 1573 erfolgten Vertreibung, das Edikt vom 21. April 1671^), durch, welches der Große Kurfürst die Wiederaufnahme aussprach, der Ausgangspunkt der Rechtsentwicklung, die wir hier zu verfolgen haben. Will man dieses Edikt verstehen, so muß man sich, in kurzen Zügen wenigstens, die Persönlichkeit des Großen Kurfürsten und seine Gesamtpolitik vor Augen führen'). Der Große Kurfürst hatte bei seinem Regierungsantritt ein Land übernommen, das, durch die Stürme eines langen verheerenden Krieges ausgesaugt, wirtschaftlich daniederlag und politisch ohne Bedeutung war. Sein Streben ging dahin, aus dem armen, rückständigen Gebietskomplex ein wirtschaftlich kräftiges Land, aus . dem schwachen und im Völkerrat bedeutungslosen Staat einen kraftvollen und achtunggebietenden Faktor zu schaffen. * Zu den Mitteln, die diesem Zwecke dienen sollten, gehörte auch die Ausnahme der Juden. Der Große Kurfürst war sich klar darüber, daß zur wirtschaftlichen Kräftigung des Landes diesem neues Blut zugeführt*), seiner Entwicklung neue Bahnen gewiesen, insbesondere aber Handel und Verkehr auf neue Grundlagen gestellt werden müßten. *) Zur Erinnerung an die vor 100 Jahren begonnene Emanzipation der preußischen Juden erscheint in den nächsten Wochen in den. - Verlag von M. Poppelauer-Berlin unter obigem Titel ein zweibändiges Werk (erster Band: Darstellung, 4 M., Zweiter Band: Urkunden 12 M.), aus dem wir mit Erlaubnis des Verlags das erste Kapitel des ersten Bandes hier zum Abdruck bringen. Die Redaktion. 2) Urkundenband, Einleitung Nr. 1. 3) Vgl. hierzu: G. A. H. Stenzel, Geschichte des preußischen Staats, Hamburg, Gotha 1830—1854; L. v. O r l ich, Geschichte des preußischen Staates im XVII. Jahrhundert mit besonderer Beziehung auf das Leben Friedrich Wilhelms des Großen Kurfürsten, Th. 1—3, Berlin 1838; Fr. Förster, Preußens Helden im Krieg und Frieden. Bd. I. Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst.und feine Zeit, Berlin 1855; L. v. Ran ke, 12 Bücher Preußische Geschichte, Bd. 1—5, Leipzig 1874; Hans Prutz, Preußische Geschichte, Stuttgart 1906,: 1901; ' Martin P h i l i p P s o n , Der Große Kursürst. Friedrich -Wilhelm von Brandenburg, Berlin 1897—1903. 4) Man denke auch an die Aufnahme der französischen Refugiös (1685), die Ansiedlung von Holländern und Friedländern zur Hebung von Ackerbau und Viehzucht u. a. m.