Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
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dieser 'Leute steht es auch lange nicht so schlecht. Ich kenne Männer unter denselben von so hochpoetischem Gemüte, und wieder andere von so hochphilosophischem Geiste, welche von solch unbegrenztem Wissenstriebe beseelt sind und dabei die hebräische Sprache in Prosa-und Versen so geschickt zu handhaben verstehen, daß so mancher deutsche Svldschreiber und Lohndiener der Wissenschaft wie Pygmäen zu ihnen ausschauen sollten/ Gegen Schluß des Jahres, am 1. Dezember 1868, erläßt Dr. Rülf wieder folgenden Ausruf, „Rettungsruf!" überschrieben: „Ihr Glaubensbrüder beider Weltteile! Verschließet nicht Herz und Hand dem Rufe nach Lebensrettung, welchen die dem Hunger und der Seuche erliegenden Brüder in Westrußland durch uns an Euch ergehen lassen. Die Hoffnung, unsere Tätigkeit in diesem Winter, nicht /wieder aufnehmen zu brauchen, hat sich als trügerisch erwiesen. Fortwährende Dürre im verflossenen Sommer hat die Ernte daselbst eine höchst dürftige werden lassen, und dieser Gegend, die sonst durch bedeutende Getreideausfuhr sich auszeichnete, kann nicht genug Getreide zum notdürftigen Unterhalt zugeführt werden. Die leiblichen und pekuniären Kräfte sind aber ganz und gar durch das verflossene Notjahr erschöpft. Durch Not und Geschäftslosigkeit herbeigeführt, hat eine solche Verarmung Platz gegriffen, daß es israelitische Städte bis zu 8000 Seelen gibt, darin kaum noch acht bis zehn Personen vorhanden sind, die zur Unterstützung der Armen am Orte herangezogen werden. Kaum ist nun der Winter in nordischer Strenge hereingebrochen, als sich eine noch viel bedeutendere Not kundgibt als im verflossenen Jahre, und iü ihrem Gefolge die Krankheit, eine Art Typhus. Aerzte behaupten, daß ohne schleunige nachdrückliche Hilfe im Laufe des Winters ganze Städte nussterben können! „Sehet, der Klageruf der Volkstochter ergehet aus dem Lande der Fernen: Unser Leben und Tod ist in Eure Hand gelegt, erwählet für uns das Leben, damit auch Ihr lebet, Ihr und Eure Kinder!" In dem ersten Rechenschaftsbericht der neuen Folge unter dem 14. März 1869 führt Rülf , mit größter Objektivität sechs Gründe an — meist wirtschaftlicher und politischer Natur —, die den Notstand verschuldet haben; sie waren meist akuter Art, so daß sie heute nicht mehr aufgeführt zu werden brauchen. Damals waren sie geboten, die Lage der Notleidenden vor den westlichen edlen Spendern zu erläutern und zu klären. Rülfts Aufrufe und Erläuterungen haben große Erfolge erzielt, wie nie zuvor, und er entwickelte eine präzise Arbeitsdisposition, eine seltene Gewissenhaftigkeit und Akkuratesse. In wöchentlichen Raten wurden die Unterstützungen bis an 230 Ortschaften in Westrußland versandt; zu jedem Rechenschaftsbericht war eine spezifizierte Verteilungsliste beigedruckt. Mit Schluß des Jahres 1869 konnte Dr. Rülf sein großes Unterstützungswerk, sein reiches Arbeitsquantum abschließen, nachdem den Notleidenden geholfen war und durch die neue gute Ernte die Hungersnot beseitigt wurde. Ein gelungenes Hilfswerk, das vollbracht ward. Nach fernen Angaben sollen es etwa 600 000 Mark gewesen sein, womit in den beiden Jahren unterstützt worden ist. Eine übriggebliebene Summe von 1733 Tlr. 6 Sgr. war die erste Grundlage zur Errichtung eines segensreichen Instituts, „d e s j ü d i s ch e n K r a nke n ha uses i n Memel", das nunmehr 42 Jahre eine Heilstätte für jüdische Kranke aus dem benachbarten Rußland ist:- Die wohltätige Wirksamkeit Dr. Rülsts war lange nicht mit Schluß der ersten großen Hilfsaktion beendet. Er blieb immer auf der Warte, -in jeder Not den russischen Juden Hilfe zu leisten, und Notstände gab es häufig genug in Rußland. In einem Aufruf aus dem Jahre 1888 beginnt er sein Anliegen: „Nie haben wir erfolglos Eure Mildtätigkeit angerusen, nie aber auch haben wir das ohne die dringendste Not, und nur wenn Blut und Leben-von Tausenden auf dem Spiele stand, zu tun gewagt." In diesen Worten legt Rülf ein herrliches Zeugnis der Mildtätigkeit der deutschen Glaubensbrüder ab und-unbewußt auch für sich selbst. Hat auch Rülf selbst seinen Aufrufen und Berichten kaum einen bleibenden literarischen Wert beigemessen, so ist es gerade ihre zweckmäßige ungekünstelte Art, das Unmittelbare, das uns diese Publikationen wertvoll und denkwürdig macht. Der Erfolg hat es bewiesen. Rabbiner Dr. Rülf ist der anerkannte Veteran vorbildlicher Wohltätigkeit im Judentums gewesen. Aommerzienrat Jakob Gallinger. | Jakob Gallinger. | /£§ givt Männer, deren Persönlichkeil, deren Wirken und Schaffen sich weit von dem Rahmen der Alltäglichkeit abhebt und deren Hinscheiden infolgedessen einen schmerzlichen Verlust bedeutet und eine große Lücke hinterläßt. Einen solchen Mann hat die Nürnberger Gemeinde und darüber hinaus die ganze Judenschast verloren mit dem Hinscheiden von Kommerzienrat Jakob Gallinger, welcher am 9. September an den Folgen einer, schweren Operation starb. Jakob Gallinger war im Jahre 1842 in Wittelshofen in Mittelfranken geboren. Aus bescheidenen Verhältnissen entstammend , hat er es verstanden, sich aus eigener Kraft zu' einer be- ' deutenden Persönlichkeit nicht nur im geschäftlichen, sondern vor allen Dingen im öffentlichen Leben emporzuarbeiten. Er war 20 Jahre lang Armenpflegschäftsrat der Stadt Nürnberg und galt als einer der fähigsten und bedeutendsten Mitglieder des Kollegiums. Eine vor Jahren Gallinger angetragene Kandidatur für den Magistrat hat er wegen geschäftlicher Ueberlastung abgelehnt. Die bayerische Regierung hat die rastlose Tätigkeit des Genannten um das Zustandekommen der bayerischen Landesausstellung im Jahre 1896 durch die Ernennung zum „Kommerzienrat" anerkannt. Im Verein für Ferienkolonien hat Gallinger als Schatzmeister eine hervorragende Tätigkeit entfaltet und diesem Verein immer neue Hilfsquellen erschlossen, um die kranken und schwächlichen Kinder in möglichst großer Zahl im Sommer hinaus in die frische Natur und in stärkende Solbäder schicken zu können. Aus eigener Kraft bat er ein Hilsswerk organisiert zu dem Zwecke, um Hunderten von armen Schulkindern im Winter die Wohltat eines warmen Mittagessens zu gewähren. So war Kommerzienrat Gallinger überall arbeitend, helfend, schützend und sürsorgend tätig. Am meisten aber im Dienste des Judentums. Für dieses zu arbeiten war ihm keine Stunde zu früh und zu spät, und kein Opfer zu groß, es war ihm Herzensbedürfnis und gewährte ihm hohe Befriedigung, seine Tatkraft hier entfalten zu können.. Er war zweiter Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde, deren Verwaltung