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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-20 · Heft 38 (20.9.1912) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
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artigen -Juden aller Länder übten.- Seine Ausrufe haben das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl der Westeuropäer für die notleidenden. Stammesbrüder erweckt und entfacht, und enthalten auch heute noch, nach 44-Jahren, manches aktuelle Interesse, manche nachwirkende Denkwürdigkeit. : Aus den bereits vergilbten Blättern der Jahrgänge 1868 bis 1869 der „Allgem. Ztg. des Judentums" und des „Israelit" — wo in den Beilagen die Aufrufe und Rechenschaftsberichte Dr. Rülf-s vor Vergessenheit aufbewahrt sind —, führen wir eine Auswahl Auszüge vor: Erster Rechenschaftsbericht vom 28. April 1868: ,)Ein schmaler StPch Landes, von der Ostsee beginnend, nach Süden hin sich mehr und mehr ausbreitend und längs der deutschen Grenze hmlausenid, ist derjenige, wo die größte.-jüdische Bevölkerung in Europa, ja in der ganzen Welt anzutreffen ist. Am dichtesten ist sie jedoch in dem Teile zusammengedrängt, welcher von der Ostsee bis zum Narew und Bug etwa 40—50 Meilen breit sich hinzieht; 80 bis 90% der Städtebevölkerung. sind daselbst Juden, und gerade dieser Teil ist es, welcher vom Notstände betroffen ist. Vom Leben und Treiben dieser jüdischen Städte hat der Deutsche so wenig Kenntnis und Vorstellung, wie vom Leben und Treiben jenseits des Sambathion. Er kennt und beurteilt sie nur nach den wenigen sogenannten Schnorrern, welche von diesen Gegenden bis zu ihm hinkommen. Aber so wenig wie man nach den einzelnen, mausefallenverkausenden, drehorgel- .spielenden Savoyarden die Italiener beurteilen kann, ebensowenig die Juden dieser Gegenden nach jenen verlaufenen und oft verkommenen Menschen. Die Unduldsamkeit und Verfolgungssucht weiter gen Osten und weiter gen Westen ließen sie besonders in diesen Gegenden Schutz suchen und -finden; und indem sie von da aus den Verkehr zwischen dem Osten und Westen zu vermitteln begannen, haben sie sich daselbst immer mehr zusammengedrängt. Jeder sand daselbst sein Stückchen Brot als Geschäftsmann, .Handwerker oder Diener der Religion und ihrer Gesetzlichkeit. Seitdem aber durch die modernen Verhältnisse, Verkehrsmittel und Wege das Geschäft ganz andere Bahnen eingeschlagen und eine ganz .andere Gestaltung angenommen, ist diese Gegend immer mehr verarmt: seit 15—20 Jahren hat der Notstand daselbst seinen permanenten Sitz, und in diesem Jahre -hat ihn Mißernte, Geschästslosigkeit und ein Steuerdruck ohnegleichen zu immensen Dimensionen anwachsen lassen. Die Juden bilden die Städte-, die Christen die Landbevölkerung; Handel und' Handwerk sind in der Hand' der Juden, der Ackerbau in der Hand der Christen, nämlich vorzüglich in der Hand der großen Grundbesitzer und ihrer Hörigen. War die Ernte gut, so haben Händler und Handwerker vollauf Beschäftigung, die Produkte, die ihnen der Bauer bringt, zu verwerten und ihm dafür alle Gegenstände seines Verbrauchs zu liefern und zu verfertigen. Alle Gewerbe und Gewerke liegen brach und viele Juden haben in diesem Jahre nicht ein Stückchen Brot verdienen können, und diese sind es, welche am meisten leiden und wovon viele Hungers gestorben sind. Und wisset, Ihr Brüder, was may. von diesen Leuten hört und sieht, ist wohl geeignet, Respekt vor ihnen einzuslößen. Des Morgens, vielleicht schon um 5 Uhr, sammeln sie sich im Vethhamidrasch und verweilen dort, um zu beten und zu lernen, oft bis 9 Uhr; abends sind sie wieder daselbst zu gleichem Zwecke. Schlichte Handwerker-und Arbeiter sind dadurch zu Talmudgelehrten geworden- und es'ist keine ungewöhnliche Erscheinung, daß Zimmerleute und Maurer hoch oben aus dem Gerüste über eine in der diskutieren und disputieren usw. Aber, kann man fragen, gehört denn das auch in einem Rechenschaftsbericht? Gewiß! Ihr wollt doch auch wissen, wem Ihr Eure Gaben spendet, und daß Ihr sie an keine Unwürdige wegwerset. Es handelt sich nicht allein darum, in Hunger und Elend verkommene Glaubensgenossen, sondern die Brüder zu unterstützen, welchen eine große Zukunft bevorsteht. Jetzt ist es noch das Weltgh ettö, einstens werdet Ihr aber daselbst des Glaubens und der Genossenschaft S t a m m h alter suchen und finden." Dieser Schlußsatz ist von einer Seite scharf angesochten worden; der Ansechter — ein Korrespondent aus Ostpreußen — schreibt unter anderem: „Sollen diese Leute in ihrer Verdumpfung und Anhänglichkeit an das Zeremoniale einzig und allein das Judentum erhalten und repräsentieren? Welches Armutszeugnis stellt damit Herr Dr. Rüls den Juden Deutschlands, Frankreichs und Italiens aus, daß sie solcher Rekrutierung bedürfen." Es lag gewiß Dr. Rüls fern, die Wertung der russischen Juden auf Kosten der Westjuden einzuschätzen, war er doch selbst aufgeklärter Westeuropäer und hatte wohl in jenem Schlußsatz im Sinn: die unverfälschte ursprüngliche jüdische Art, die allseitige Talmudgelehrsamkeit, wie sie in hohem Maße nur in Russisch- Polen damals heimisch war, würden für die Folge daselbst erhalten bleiben. Allerdings heute, nach etwa 45 Jahren, in denen die Entwicklung auch. in Rußland nicht stillstanö und' manche Umwälzungen stattfanden, hat auch dort die alte jüdische Art und Sitte manche Einbuße erlitten; anderseits ist nicht zu leugnen, daß hauptsächlich bei den deutschen Juden jetzt eine jüdisch-geschicht-- . liche mittlere Linie sich bemerkbar macht, „die Rückkehr zum historischen Judentum" immer mehr um sich greift. Die häßlichen Auslassungen gegen die russischen Juden jenes Anfechters hat Rüls unter dem 15. Mai 1868 in der Beilageder „Allg. Ztg. des Judentums" Nr. 25 mit folgender Erwiderung gehörig abgetan: „Gegen den Versuch, eine Bevölkerung von vielleicht einer Million Glaubensbrüder als unehrliche, unmoralische Menschen, als der Wohltaten unwürdig hinzustellen, dagegen muß ich protestieren mit aller Kraft und Entschiedenheit, und für diesen meinen Protest mit Leib und Leben einstehen. Es ergeht denselben, wie den deutschen Glaubensbrüdern überhaupt und wie es mir ergangen, als ich von ganz anderen Teilen Deutschlands nach diesen Gegenden gekommen bin. Ich hege den tiefsten Respekt vor jenem armseligen häßlichen Proletariat mit seiner asketischen Enthaltsamkeit und seiner gierigen Beflissenheit, Thora und Mizwa zu lernen und zu üben, mit seiner unergründlichen, unerschöpflichen Gesühlstiefe, der Liebe und Fürsorge für seine Familienangehörigen, mit seiner fast an Kommunismus grenzenden wechselseitigen Unterstützung. Schaue Dich um, mein lieber deutscher Leser, nach dem Proletariat Deiner hochgebildeten Stadt und vergleiche! — Nur die grenzenloseste Armut hat diese Menschen in Schmutz und Unkultur verkommen lassen können. Da, wo nur ein Körnchen Wohlhabenheit sich zeigt, da wird dieses sofort zur Glättung und Verfeinerung des Lebens angewendet. Und mit der Unwissenheit und Unbildung geb. am 10. Februar 1831 (27 Sch’bat 5591) in Rauisch Holzhausen, gest. am 18. September 1902 (16 Elul 5662) in Bonn.

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