Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite kämpfen zu müssen, von welcher man erwarten sollte, daß sie zur Besserung der Einkünfte der jüdischen Lehrer Schulter an Schulter mit diesen mitkämpse. Es sei das erstemal, daß man in diesem Kreise gegen einen Rabbiner so sprechen müsse, aber es handle sich hier um das tägliche Brot. Die von Tag zu Tag vordringlichere Privatbeamten-Versicherung in ihrer Anwendung aus die israelitischen Lehrer erörterte der Vorsitzende daraus im beifälligen Sinne und schloß seine mannhafte und sachkundige Rede, die von vollberechtigtem Standesbewußtsein getragen war, mit einem begeisterten Hoch aus den greisen Prinzregenten, diesen gleich allen, konstitutionellen Wittelsbacher Herrschern des 19. Jahrhunderts konfessionell musterhaft duldsamen und judensreundlichen Fürsten. Die Anwesenden stimmten laut in diese verdiente Huldigung ein. Sodann wurde die Erhöhung des Jahresbeitrages eines ordentlichen Mitgliedes von 10 aus 20 Mark nach eingehender Begründung des Schriftführers Mantelbaum (Würzburg) einstimmig genehmigt. Es folgte dann das Referat des Lehrers Rosenwald (Steinbach a. Glan in der Pfalz) über: „Die Stellung des Lehrers in der Gemeinde". Korreferent war Lehrer Heidenreich (Forchheim). Der erstere als Referent erklärte in Leitsätzen, die er seinen Ausführungen zugrunde legte, die heutige Stellung der jüdischen Lehrer Bayerns, besonders der Religionslehrer, im allgemeinen, vor allem aber die Stellung innerhalb der Gemeinde entspreche weder der Wichtigkeit und der Schwierigkeit seines Amtes, noch der Vorbildung des Lehrers. Solle der Lehrer den gesteigerten Aufgaben im Dienste der Gemeinden voll gerecht werden können, so habe die bayerische Judenheit die Pflicht, für baldigste Hebung der rechtlichen, materiellen und sozialen Lage des Lehrerstandes bemüht zu sein. Bei der ministeriell angekündigten bevorstehenden Revision des Judenedikts müsse die Berücksichtigung der Lehrerforderungen unbedingt gefordert werden. Der Korreferent Heidenreich führte u. a. in Leitsätzen, die er seinem Referat zugrunde legte, aus: Das Abfließen der jüdischen Bevölkerung vom Lande in die Stadt habe Zustände geschaffen, die in Bayern infolge des noch zu Recht bestehenden, längst veralteten „Judenedikts" völlig unhaltbar geworden seien. Unter dem Einflüsse der Großstadt mehre sich die religiöse Indolenz, die mit ihren Begleiterscheinungen, wie Mischehen, Taufen usw., in Bayern infolge des zu Recht bestehenden Judenedikts der Pflege religiösen Sinnes hemmend in den Weg trete. Die Staatsregierung solle auf Grund allgemeiner Proporzwahlen die Konstituierung eines Judentages in die Wege leiten, wobei insbesondere die Verhältnisse der jüdischen Landbevölkerung, die sich in hohem Maße gegen schädliche Einflüsse widerstandsfähig gezeigt habe, Berücksichtigung fände. Dieser Redner verlangte ferner ebenfalls eine alsbaldige Verbesserung der Verhältnisse der jüdischen Lehrer. Anschließend an die beiden mit großem Beifall ausgezeichneten Referate wurden einstimmig folgende Resolutionen angenommen: 1. Die Versammlung beauftragt die Verwaltung, bei dem Staatsministerium Vorstellung zu erheben gegen die von zwei Kreisregierungen kürzlich erlassene Prüfungsordnung für nicht seminaristisch vorgebildete Religionslehrer; 2. die Generalversammlung spricht dem Kultusministerium sowie den Parteien und ihren Referenten der beiden Kammern des Landtages den Dank für ihre Stellungnahme für die Revision des Judenediktes aus, sie wird dadurch in ihrer Hoffnung gestärkt, daß ihre berechtigten, unverjährbaren Wünsche in absehbarer Zeit erfüllt werden. — Die nächste Generalversammlung soll im Jahre 1913, und zwar am 25. August in Fürth stattfinden. F. ^5^ , Lrimierunsen an Sabknner Sr. HM (Iurrr 18. September, seinem zehrrjcihrigen Todestag.) Von Leon SchernHaus-Memel. eim Niederschreiben dieser Zeilen, die dem Andenken des heute vor zehn Jahren verschiedenen Rabbiners Dr. Rülf gewidmet sind, muß ich unwillkürlich an die warmen Scheidegrüße denken, die Oberrabbiner Dr. Frank-Köln im Namen des Deutschen Rabbinerverbandes dem Verewigten an seiner Bahre nachgerufen hat: „Er sei ein Stolz und eine Zierde des Rabbinerstandes gewesen, und es sei in Sonderheit bewundernswert, daß der Mann, der in seinen philosophischen Taten zu dem Höchsten gestrebt, im Leben doch stets zu den Aermsten und Verlasfendsten hinabgestiegen und ihnen eine Heimat geschaffen, ja bis ins Kleinste für ihre Bedürfnisse gesorgt habe." An anderer Stelle („Ein Edler in Israel", im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1912) habe ich bereits alle Zweige der genialen und gemeinnützigen Tätigkeit Dr. Rülsts in einer biographischen Skizze aneinandergereiht. Heute möchte ich aus seiner philantrophischen einzigartigen Wirksamkeit seine Ausrufe und Rechenschaftsberichte als besonders bemerkenswert hervorholen, die ein ehrendes Zeugnis für die nie versagende Opferwilligkeit der deutschen Juden, ein unvergängliches Denkmal für den unvergeßlichen Gelehrten und Menschenfreund Rabbiner Rülf bilden. In den Huügerjahren in Westrußland 1868—1869 hatten sich in verschiedenen Orten Ostpreußens Komitees zur Sammlung von Unterstützungen gebildet. Allein von größerer Bedeutung und günstigerem Erfolg zeigten sich bloß die in Memel und Lyck. Die Bedeutung des Komitees in Lyck war bedingt von dem Einfluß, den damals die dort erscheinende erste hebräische Wochenschrift „Hamagid" bei den besten Juden aller Erdteile gewonnen hatte, denn die hebräische Sprache war in jener Zeit durch ihr verbreitetes Organ „Hamagid" eines der wichtigsten geistigen Bindemittel des Judentums in der gesamten Diaspora. Jedoch von weit größerer, erfolgreicherer Bedeutung war das Komitee inMemel, das einzig und allein von der geistig überragenden Machtvollkommenheit Dr. Rülf's abhängig war. Er hatte wohl ehrenhafte Mitarbeiter (Julius Hirsch als Schatzmeister, Rubin Schleß, Rabbiner Wohlgemut, S. B. Bernstein, Elias Lewinsohn, Elias Behr, David F e i n b e r g und L. L e vy — alle sind sie längst zu den Vätern versammelt —), allein der damals 37 jährige Dr. Rülf verlieh der großen Hilfsaktion ihren rechten Eindruck nach innen und außen; er schuf erst für die gute Sache den Resonanzboden, — ein eigenes Organ —: die Aufrufe und Rechenschaftsberichte, die er in den beiden Jahren 1868—1869 periodisch veröffentlichte. Es waren beinahe die e r st e n in ihrer Art, vor Dr. Salvendi und vor den von den späteren großen Hilfsorganisationen in jeder Not erlassenen Aufrufen. Rülf, der freisinnige Denker, mit zarten Fasern an das jüdische Volksherz gekettet, erst 1865 von seiner hessischen Heimat nach Memel berufen, hat weitsehend die Lage der Juden im großen Nachbarreich überschaut und den Zusammenhang der lebendigen Seele des jüdischen Stammes in allen Zonen und Richtungen gesucht und gefunden. Ein Meister der Feder wie er war, hat er in seinen an und für sich einfachen Berichten und Aufrufen nicht nur Notrufe verlautbart, sondern Berständnis für die im Zarenreich notleidenden Glaubensgenossen eingeflößt. In seinen knappen schlichten Worten lag immense Vieldeutigkeit und tiefer Stimmungsgehalt, die die Art und das Wesen der Juden in Rußland vor ihren westeuropäischen, besser situierten Glaubensbrüdern dokumentierten und einen geheimnisvollen Zauber auf die Solidarität der verschieden-