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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-20 · Heft 38 (20.9.1912) · p. Seite 448

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
Seite 448 (sequence 4)
Language
German
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politischen und medizinischen Blättern viel geschrieben wurde, bemerkt das „Berliner Tageblatt": Es ist hohe Zeit, daß die "Vorurteile gegenüber den Juden schwinden. Die. jüdischen Aerzte sind weit und breit im Zivilverhältnis angesehen; der weitaus größte Teil wird auch durch Charakter, Haltung, Auftreten — von der ärztlichen Durchbildung ganz abgesehen — im Sanitätsossi^ierkorps bestehen können. Man mache doch endlich einmal den Versuch und verschließe nicht ängstlich, von längst überholten 'Vorurteilen erfüllt, den Jrrden die militärärztliche Laufbahn. Sollte es einmal zum Kriege kommen, was hoffentlich in absehbarer Zeit nicht eintreten wird, dann ist die oberste Militärbehörde gezwungen, die Reservesanitätsosfiziere-heranzuziehen und Juden ebenso wie Christen mit maßgebenden Stellen zu betrauen. Die Stellung der Militärärzte ist heute eine hochgeachtete; sie leisten wissenschaftlich .zum großen Teil Hervorragendes, die Besoldung ist vollkommen ausreichend. Wenn Körting bemerkt, daß es den jüdischen Aerzten schwer fallen würde, sich im Sanitätsossizierkorps und den Offizieren gegenüber eine Stellung zu schaffen, so glaube ich, daß gerade die jüdischen Aerzte es als eine Ehrensache betrachten werden, mit ihren christlichen Kollegen in Wettstreit zu treten. * Unter der Ueberschrift „Die Revision des Hilsner-Prozesses unvermeidlich", schreibt die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" vom 11. d. M.: Auf dem deutschen Juristentag in Wien hat Dr. Schneerberger in seiner temperamentvollen Rede gegen die Beibehaltung der Todesstrafe daraus hingewiesen, daß selbst in Oesterreich, wo dem obersten Gerichtshöfe eine Handhabe zur materiellen Ueberprüfung des gesamten Prozeßstoffes gegeben ist, in den letzten Jahrzehnten Fehlu r t e i l e b e i K a p i t a l v e r b r e ch e n gefällt und auch Justizmorde durch wirklich ungerechte Hinrichtungen begangen wurden. . Redner verwies unter anderem aus Leopold H i l s n e r, welcher Fall heute in der Literatur die durch die allgemeine Meinung bestätigte Signatur von einem schweren Justizirrtum , empfangen habe. Diese Konstatierung ist ohne Widerspruch erfolgt. „Ist es nicht geradezu unbegreiflich, daß trotzdem das Opfer eines solchen allgemein anerkannten Justizirrtums im Kerker verbleibt und daß die Gerechtigkeitspflege, und diejenigen, die als deren Hüter bestellt sind, sich um die Gutmachung dieses Rechtsirrtums nicht im geringsten bemühen? Die Tatsache, daß auf dem deutschen Juristentage ohne Widerspruch konstatiert werden konnte, daß die Verurteilung Hilsners ein schwerer Justizirrtum gewesen sei, kann auf die österreichische Justizverwaltung nicht ohne Wirkung bleiben. Der so oft vertagte Entschluß, in diesem Falle einzugreifen, um eine Revision des Prozesses herbeizuführen, muß nun endlich gefaßt werden. Die Justizverwaltung muß über den Vorwurf erhaben sein, daß sie unter dem Zwange einer politischen Partei stehen deren wüste Agitationen den Boden parteiloser Gerechtigkeit der österreichischen Rechtspflege erfolgreich durchbrechm konnten. Dr. Schneerberger gebührt unstreitig das Verdienst, die Unschuld Hilsners vor dem höchsten Forum der Justiz zur Sprache gebracht und ohne auf Widerspruch zu stoßen, konstatiert zu haben." * Das auch von uns in der vorigen Wochenschau mitgeteilte Ehrenzeugnis der Heidelberger Professoren für die russischen Studenten hat die „Rossia", die ihre intellektuellen Landeskinder, bis in die Länder ihrer Zuflucht mit unsäglichem Hasse verfolgt, nur wenig überzeugt. Man schreibt hierzu aus Petersburg: Die „Rossia" bekennt jetzt Farbe und spricht nun offen von den jüdischen Studenten. Natürlich bezeichnet sie nach bekannten Mustern die Heidelberger Gelehrten als Juden oder als Angehörige der bekannten „internationalen Judenschutztruppe". Im 'übrigen, meint die „Rossia", könne sich das Lob der Professoren höchstens auf die russischen Studenten der christlichen Konfessionen beziehen. Welches Interesse dann die „Heidelberger Judenschutztruppe" daran-hätte, sich für diese einzusetzen, bleibt aber das Geheimnis des mit echt russischer Logik arbeitenden Petersburger Regierungsblattes. Oi Aus New-^ork wird geschrieben:' Die Nomination von Oskar Strauß zum Kandidaten der Nooseveltpartei für den Gouverneurposten des Staates New-Dork bedeutet die größte politische Ueberraschung uiid stärkt die- Aussichten 9tvosevelts im Staate New-Hork außerordentlich. Die gesamte Presse ohne Unterschied der Parteirichtung bezeichnet Strauß als idealen Kandidaten. Die Szenen, unter welchen sich seine Nomination abfpielte, waren höchst eigenartig. Strauß, der selbst den Vorsitz in der Konvention führte, war im Begriffe, die Abstimmung über die Nomination, die zwischen dem Vorsitzenden des Staatskomitees Hotchkins und Roosevelts Persönlichen Favorit Prendergast schwankte, anzuordnen, als einer der Delegaten aus die Vorsitzendentribüne eilte und dringlich das Wort erbat. Strauß wollte das Wort zunächst nicht erteilen, um so mehr, als der fragliche Delegat ein bekannter Witzbold ist und auch in einem höchst theatralischen Rauhreiterkostüm angezogen kam. Als derselbe laut in die Menge rief, er wolle einen Mann Vorschlägen, dessen Namen Freudentränen in die Augen aller Bewohner treiben werde, glaubte man erst recht an einen Scherz, und als er nach einer kurzen Pause erklärte, er schlage Oskar Strauß vor, war zunächst die Verblüffung so vollkommen, daß niemand wußte, was tun. Trotz der entschiedenen Ablehnungsoersuche seitens Strauß' packte aber die ganze Versammlung rasch eine wahrhaft stürmische Begeisterung, und alle anderen Kandidaten wurden sofort zurückgezogen. Strauß, der vergebens versuchte, im turbulenten Lärm zu Worte zu kommen, wurde einfach durch die einstimmige Nomination überrumpelt. Strauß, der bekanntlich unter Roosevelt Handelsminister war, wurde zweifellos mit dessen Einverständnis nominiert. Er hat die größten Chancen, gewählt zu werden, wodurch zum erstenmal ein Jude an die Spitze der wichtigsten Staatsverwaltung treten würde. Von der Iahresoerlammlung der lrrsrtttlllhen Lehrer Layerns. ir haben bei verschiedenen Anlässen in diesen Blättern Gelegenheit genommen, die eigentümliche Stellung der israelitischen Lehrer im zweitgrößten Bundesstaate des Deutschen Reiches zu berühren: zuletzt und am ernstlichsten innerhalb unseres „Ueberblicks über die heutige Lage der jüdischen Lehrer Süddeutschlands" in Nr. 23 der „A. Z. d. I." vom 7. Juni, Seite 268. Demnächst wird, bei Behandlung des schwebenden Umsturzes in den Rechtsverhältnissen der bayerischen Judenheit, auch der Neuordnung der Lehrerverhältnisse, manches zu sagen sein. Gerade unter dem Eindrücke der endlich nahenden, längst unausbleiblichen Umwälzung und deren wiederholter Vorbesprechung in beiden Kammern des Landtags mußte man den Verhandlungen der diessommerlichen, 33. Generalversammlung des „Israelitischen Lehrervereins sür das Königreich Bayern", die am 26. August unter Anwesenheit zahlreicher Vertreter und Mitglieder im Saale der Ressource zu Bamberg zusammentrat, mit größerer Spannung als sonst entgegensehen. Der Vorsitzende, Hauptlehrer Gold st ein (Heidingsseld), erösfnete sie mit einer warmen Begrüßungsansprache, die aus die höhere Wichtigkeit der Beratungen unter den obwaltenden schwierigen Umständen und die dringende Notwendigkeit der — gerade jetzt erfreulichen —stärkeren Teilnahme nachdrücklich hinwies. Sodann erstattete er den sachlich glatten. Jahresbericht, der „zwischen den Zeilen" gar viel von Kampf und mancherlei Drangsal lesen ließ. Nunmehr verbreitete er sich in gründlicher, genau belegter Rede über die derzeitige Revisionsbewegung der Juden in Bayern und wandte sich da besonders gegen das Verhalten des Rabbiners Dr. Kohn in Ansbach in der Frage der Regelung der Gehaltsverhältnisse der jüdischen Lehrerschaft in Bayern, in erster Linie der Religionslehrer. Es sei betrübend, in solchem Sinne gegen eine

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