Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verein zur Abkehr des Antisemitismus ist' vollständig selbständig und steht in keinen Beziehungen zu irgendeiner internationalen Organisation des Judentums, ebensowenig in solchen^ zum Zentralverein deutscher Staatsbüger jüdischen Glaubens, mit dem er auch nicht die Führer gemeinsam hat. In ihm arbeiten gemeinsam Christen und Juden zur Bekämpfung der intoleranten Bestrebungen,, unseren jüdischen Mitbürgern ihre staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Rechte zu verkümmern. Keines seiner Mitglieder wird nach seiner Religion gefragt. Die ihm angehörenden Christen betrachten es als Ehrensache, für die Menschenrechte ihrer jüdischen Mitbürger-einzutreten; sie sind aber auch der Ansicht, damit das Ansehen des Deutschtums dem In- und Auslande gegenüber zu wahren, das durch das Gebaren der Antisemiten wie durch den praktischen Antisemitismus in Heer, Flotte und Verwaltung schwer leidet. Rein ideale Motive sind es, die sie leiten, Gegründet ist der Verein von Heinrich Rickert; sein Nachfolger im Vorsitz war Th. Barth, beides Männer aus uralten deutschen christlichen Familien und von vollster wirtschaftlicher und sonstiger Unabhängigkeit. Nach Barths Tode habe ich auf dringendes Bitten mich bereit erklärt, den Vorsitz zu übernehmen. Daß ich getaufter Jude sei, ist eine von meinen politischen Gegnern im Wahlkampfe erfundene Mär, sie hofften meine Wahl damit hintertreiben zu können. Ich stamme von christlichen Eltern und bin wirtschaftlich wie auch sonst absolut unabhängig. Unser Vorstand und Ausschuß weist mehr Christen als Juden aus. Ich nenne nach einem' mir gerade zur Hand befindlichen Sitzungsprotokoll von ersteren: Geh. Rat Professor Dr. Foerster, Berlin; Verlagsbuchhändler Dr. de Gruyter, Berlin; Schuldirektor Ernst, M. d. A, Charlottenburg; Generalsekretär der Gesellschaft für Ver-' breitung von Volksbildung I. Lews, Berlin; Geh. Rat Professor v..Liszt, M. d. A., Charlottenburg; Gutsbesitzer Dr. Wendorff, M. d. R., Toitz (Kr. Grimmen); Oberlehrer Professor Trenkner, Otterndors; Landtagsabgeordneter Kindler, Posen; Professor Eickhoff, M. d. A., Remscheid; Oberlandesgerichtsrat Ottomar Müller, Köln; Oberlandesgerichtsrat Dr. Nöldecke, Hamburg; Schulvorsteher und Archivar Hormann, Bremen; Karl Funck, M. d. A., Frankfurt a. M.; Pfarrer Battenberg f, Frankfurt a. M.; Stadtverordneter F. v. Lasaulx, Frankfurt a. M.; Geh. Regierungsrat Dr. Barentrapp, Bürgermeister a. D., Frankfurt a. M.; Geh. Baurat Benoit, Karlsruhe i. B.; Landtagsabgeordneter Muser, Offenburg i. B.; Rechtsanwalt Dr. v. Payer, M. d. R. und M. d. A., Stuttgart; Oskar Arnold, Präsident des Landtages, Neustadt bei Koburg; Professor A. Emminghaus, Gotha; Landtagsäbgeordneter Negierungsrat Dr. Schröder, Kassel; Geh. Justizrat Dr. Gutfleisch, M. d. A., Gießen; Professor Dr, S. Günther, M. d. A,, München. Keiner dieser Männer ist irgendwie von Juden oder jüdischen Organisationen abhängig. Daß der Verein zur Abwehr des Antisemitismus „die Schuhputzerarbeit im Dienste des Judentums verrichten muß", ist eine PH. Staufts'würdige Unterstellung. Der Verein muß überhaupt nicht, sondern er bekämpft freiwillig den Antisemitismus, eine Arbeit, die freilich nicht zu. den angenehmsten gehört. Daß. der Antisemitenspiegel, der übrigens.von einem Christen versaßt ist, PH. Staufs nicht gefällt, ist begreiflich; ein wahrheitsgetreuer Spiegel gefällt gar manchem nicht, dem er vorgehalten wird. Mit der Bitte, Vorstehendes in Ihrem geschätzten Blatte zum Abdruck bringen zu wollen, zeichne ich in vorzüglicher Hochachtung gez. Gothein, M. d. R., Vorsitzender des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus., Auf dieses Schreiben erfolgte folgende Antwort des Herrn Ferd. Avenarius: Zurzeit: Kämpen a. Sylt, 27. August 1912. ■ Sehr geehrter Herr! ' Wir haben die Aussprache in Judentumssachen vorläufig beendet, vorläufig, betone ich, denn daß wir auf sie zurückkommen, ist - ja natürlich höchst wahrscheinlich. Ich bin dann auch sehr gern bereit, von dem Wesentlichen Ihrer geschätzten Mitteilungen öffentlich Kenntnis zu geben, nur möchte ich Sie auf den Zweck unserer Aussprache besonders Hinweisen. Die Aussprache sollte, wie energisch betont, einen rein sachlichen Charakter tragen, ich habe darauf gehalten, daß weder von jüdischer, noch von antisemitischer Seite persönlich herabsetzende Aeußerungen ausgenommen wurden, auch in dem „Kunstwart"-Aussatze Stauffs finden sich keine. Wenn Sie aber von einer „Stauffs würdigen Unterstellung" sprechen, davon,'daß der Antisemitenspiegel Staufs deshalb, nicht gefällt, weil ein wahrheitsgetreuer Spiegel manchem nicht gefiele, dem, er vorgehalten' wird, wenn Sie betonen, daß eine Abwehr „zwar nicht wegen des Verfassers", aber wegen der Abdruckstelle einer Richtigstellung bedürfe, so sind das alles persönliche Herabsetzungen, die meines Erachtens den Ton der Polemik herabdrücken. Wen Vornehmheit ich bei aller sachlichen Schärfe doch gewahrt wisW möchte. Da mir gerade von jüdischer Seite sehr warme Anerkennungen über die Veranstaltung und die Art und Weise dieses Meinungsaustausches ausgesprochen worden sind, so möchte ich den bisherigen Ton gern einhalten. Der „Kunstwart" hat ja Stauffs wie seiner Gegner Aussprache auch keineswegs als eigene Meinungsäußerung gebracht. Mit hochachtungsvoller Begrüßung gez. F. Avenarius. Die Korrespondenz fand alsdann mit folgendem Schreiben des Herrn Abgeordneten Gothein an den Herausgeber des „Kunstwart" ihren Abschluß: Zurzeit: Marktleeberg b. Leipzig, 31. August 1912. Ab 3. Sept.: Pontresina, Schweiz, postlagernd: Sehr geehrter Herr! Ihr Geehrtes vom 27. d. M. habe ich mit lebhaftem Befremden gelesen. Ich gebe ohne weiteres zu, daß meine Entgegnung auf die Stauffschen Ausführungen nicht rein sachlich war, sondern in Abwehr der unerhörten Herabsetzungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, seiner Leitung und seiner Mitglieder durch Ph. Staust, ihn auch persönlich angrifs. Wenn Sie. schreiben, daß Ihrerseits darauf gehalten würde, daß weder von jüdischer noch von antisemitischer Seite persönlich herabsetzende Aeußerungen ausgenommen wurden, so ist es mir unverständlich, wie von Ihnen die beleidigenden Aeußerungen Stauffs über den Abwehrverein S. 256 des „Kunstwart" ausgenommen werden konnten. Ist etwa die Unterstellung, daß die christlichen Mitglieder des Abwehrvereins „in starker wirtschaftlicher Abhängigkeit von Juden stehen", das heißt doch nur deshalb den Antisemitismus bekämpfen, keine verleumderische Beleidigung? Ist es nicht ebenso der Vorwurf, der Abwehrverein „erwecke die Täuschung, als handle es sich da um deutsche Männer?" Wenn das Märchen verbreitet wird, ich sei getaufter Jude, so geschieht das doch auch in der beleidigenden Absicht, mich als jemanden hinzustellen, der unzuverlässig sei,-und den Glauben seiner Väter leichtherzig ausgegeben habe! Ist es nicht beleidigend, wenn Staust schreibt: „Der Abwehrverein muß sozusagen die Schuhputzerarbeit im Dienste des Judentums verrichten"? Oder etwa nicht, wenn er von. dem vom Abwehrverein herausgegebenen. Antisemitenspiegel schreibt: „daß sich die widerwärtigsten Denunziationen durch das ganze dicke Buch ziehen." Ich bin allerdings höchlichst erstaunt gewesen, daß: eine geachtete Zeitschrift wie der „Kunstwart" feine Spalten derartigen Beleidigungen und Verleumdungen geöffnet hat. Noch mehr erstaunt, daß es seine Redaktion nicht für nötig gehalten hat, die Angriffe Stauffs gegen den Abwehrverein vor dem Abdruck zu seiner Kenntnis zu bringen und ihm Gelegenheit zu sofortiger Widerlegung zu geben. Die wäre dann etwas weniger scharf musgefallen, als sie gehalten sein muß, wenn die Verleumdungen viele Wochen lang unwidersprochen bleiben müssen. .. Ich kann demnach nur konstatieren, daß der „Kunstwart" in seine Spalten die unerhörtesten Beleidigungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, seiner Leiter und Mitglieder ausgenommen hat und es ablehnt, die gebührende Kennzeichnung dieser Angriffe anzunehmen. Das nötigt mich, die Sache am anderer Stelle zur Sprache zu bringen. Hochachtungsvoll' gez. Gothein. Zu dem vielfach erörterten Thema betreffend den Aerztemangel im deutschen Heere, worüber in jüngster Zeit in