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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-20 · Heft 38 (20.9.1912) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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. Opfer dar, und es sei ihm vergeben. Nun fragte man'' Gott selbst:. Der...Sünder, was ist seine Strafe? Und Gott, antwortete: , Er lehre nur-zu mir zurück und erwirke fv' selbst die Wgung'seiner Schuld^' So -erwiesen sie den reuigen Sünder infeister Seelennot - aus Gott,7ver/ Meist die'Quelle der- Persöhnung sei-/ und zeich'netew dAM däsüWdsen /der „Teschuhah" dem Menschenverstand so klar und einleuchtend/ daß selbst derjenige, der über jede Spekulation des 'Geistes, über jeden Gottesbegriff fich Hinwegsetzenzu dürfenglaubt, ihren Ausführungen schon aus rein ethischen. Gründen beipflichten muß: Wer da spricht, ich will Kündigen ünd nachher Buße tun, dem wird kerne Gelegenheit zur Buße gegeben. Wer eine Sünde in der Erwartung'begeht, daß der Jom Kippur ihm Vergebung bringen werdedem bringt der Jom. Kippur, keine Vergebung.. Die.Sünden, die, der Mensch gegen seinen Nächsten begeht, indem er ihn an seinem Besitze schädigt, ihn 'hintergeht, verleumdet,.seinen guten Ruf untergräbt, seine Ehre herabwürdigt, dem wird, selbst wenn er zur Erkenntnis seiner'Schuld gelangt und sie noch so aufrichtig bereut, nicht eher verziehen,'bis er das begangene Unrecht aus der Welt geschafft und die Verzeihung des geschädigten, gekränkten-und beleidigten Menschen erlangt hat?). Zu dem Schristwort: „An diesem Tage wird er euch sühnen, um euch zu reinigen; von allen euren Sünden sollt ihrvor dem Ewigen rein werden",.bemerkt der Talmud: „aber nicht vor den beleidigten Menschen, solange ihr diese noch nicht versöhnt habet."') Nur die Sünden,, die der Mensch gegen Gott begeht, die. verzeiht er. in seiner unendlichen Liebe, wenn der Mensch zu ihm zurückkehrt*). Sinnig läßt daher der Midrasch die Rückkehr Mosesvom Sinai mit den zweiten Bundestafeln am Jom Kippur erfolgen und an diesem Tage das Gnadenwort Gottes: „Ich habe vergeben!" weithin erschallen. Gott sprach zu Mose — wird da auSgeführt -- ich selbst will dich lehren, mie du künftighin für Israel zu mir beten sollst. Du beriefst dich in deiner so warmen Fürsprache für das von mir abgefallene .sündige Volk aus die Verdienste von Abraham, Isaak und Jakob, um derentwillen , ich mich der Sünder nun erbarmen soll. Wie aber wäre es, wenn sie keine Verdienste der Väter auszuweisen hätten? Glaubst du etwa, ich würde sie dann der Vernichtung Preisgeben? 'O nein! Das von dem reuigen Menschen an mich zu richtende Gebet laute von nun an: Ewiger, Ewiger! Gott, barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue, der bewahret Gnade dem tausendsten Geschlecht, der vergibt Sünde, Missetat und Schuld'). Diese Lehre, bildet die Grundidee des Versöhnungstages, in dessen Kreis das Judentum die gesamte Menschheit hineinzieht, und ich wage es, ohne Furcht auf Widerspruch zu stoßen, auszusprechen,, daß die jüdische Versöhnungsidee, wie sie in unserem Schrifttum und in der Liturgie des Jom Kippur zum Ausdruck kommt, die heiligste ethische Idee ist, die je aus menschlichem Geiste hervorgegangen. Darum bemerkten auch unsere Weisen: Selbst wenn alle Feste des Jahres aufhören sollten, der Jom Kippur wird immer, bestehen'), die belebende Kraft seines ethischen Gehalts wird auch den spätesten Geschlechtern ein Born des Heils, eine Quelle des Segens sein. Er umfaßt die Lehre von Schuld und Sühne, von sittlicher Freiheit und. Läuterung; er schließt einen Bruderbund zwischen Israel und der ganzen Menschheit, kündet Frieden und Versöhnung.den Nahen und Fernen, tröstet und richtet aus die Kummerbeladenen und. Verzweifelten ••*) Jalkat Schimoni zu Psalm 25. .2). Mischnah Joma 8, 9.. 3) Joma 85, b. . 4) Ebenda. G) Tanchmna, Tezawe. °) Jalkut Schnnoni zu Achare. , 'mnd^ Mdsi auch den Verirrten und Treulosen den Weg, den sie nur zu betreten brauchen, um ihre, verlorene Seelenreinheit wiederzirerlangen und in. Gott/,s i ch zu sin8EstWtzst - dern> Salomo ibn Gabirob in seiner „Königskrone",, die in ^-Manchen frommen/GeineiNden nach dem Abendgebet/ani'Mör- .sohnungstag zum Vortrag gelangt, so Herrlich siNgt: Dü'lebst, und nicht seit gewisser Zeit, nicht seit einem Punkte/der 'Ver^ gangenheit. Du lebst,, doch nicht durch Hauch und Seele;-denn du bist aller Seelen 7 SeÄe. - Dü^ klebst, doch nicht wie das Menschenleben, das dem Schatten gleicht,. das. am Ende Gewürm und' Moder' erreicht. Du lebst! Undwer in dies Geheimnis dringt, lebt in Ewigkeit, genießt selige Lust'in alle Zeit.' ' ' Dir Mochr . Berlin, 17. September 1912. - er Herausgeber des „Kunstwart", Ferd. Avenarius, ' hat vor einigen Monaten mit einem Aufsatz aus der Feder eines. Herrn Dr. Moritz Gold st ein: „Deutschjüdischer Parnaß", eine Aussprache über die Judenfrage - in Deutschland eröffnet. Wie aus. einem Zusatz der. Redaktion zu dem einleitenden Artikel hervorging, hatte der „Kunstwärt" damit zunächst eine interne Aussprache zwischen Angehörigen des Judentums in die Wege leiten wollen, die Stellungnahme der Redaktion sollte später erfolgen. Dieser sich selbst auserlegten Beschränkung ist der „Kunstwart" jedoch nicht treugeblieben, er hat im Verlauf der Diskussion auch Auslassungen der agrarisch-antisemitischen „Deutschen Tages-Zeitung" und einem Artikel des bekannten Rasseantrsemiten Ph. Staufs, des Hauptmitarbeiters des berüchtigten „Semigothä", Raum gegeben, der vom Unwahrheiten und gröblichen Entstellungen strotzte und in einem unsagbar niedrigen Tone abgefaßt war. Da dieser Schmähartikel gegen die Juden nebenher auch ganz unsinnige Behauptungen und tendenziöse Verdächtigungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus enthielt, nahm der Vorsitzende des Vereins, Herr Abgeordneter Go t Hein, Veranlassung, den „Kunstwart" um eine Richtigstellung zu ersuchen. Herr Ferd. Avenarius hat aber die Aufnahme dieser Entgegnung abgelehnt und behauptet gleichwohl, daß er bei den Einsendungen streng unparteiisch verfahre. Mit welchem Rechter dies behauptet, darüber mag die breiteste Oefsentlichkeit entscheiden, der wir nachstehend den Briefwechsel zwischen den Herren Abgeordneten Gothein und Ferd. Avenarius unterbreiten: Breslau 18, den 18. August 1912. An die Redaktion des „Kunstwart", . Dresden-Blasewitz. Geehrte Redaktion! ' PH. Stausf hat im zweiten Augustheft Ihrer geschätzten Zeitschrift Mitteilungen über den Verein zur Abwehr des Antisemitismus gebracht, die zwar, nicht wegen ihres Verfassers, wohl aber wegen der Stelle, an der sie erschienen sind, einer Richtigstellung bedürfen.' Es wird dort gesagt, daß in dem genannten Verein die „getauften Juden, Judenabkömmlinge und Halbblüter, ja-selbst die Arier mit jüdischen Frauen und. die Leute, die in starker jüdischer Abhängigkeit von Juden stehen, in die internationale Organisation des Judentums eingegliedert" würden. Ich,' der Vorsitzende, sei getauft. Werdas Ausschußverzeichnis einsehe/ begreife, wie es in den heute führenden Kreisen unseres Volkes irf bezug auf die Blutsfrage ausschaue: der Verband erwecke die Täuschung, als handle es sich da um deutsche Männer, während nahezu alles Mischblut ist, oder sonst in besonders engen Verhältnissen zum Judentum steht. Dieser Verein arbeite wieder Hand in Hand mit dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, besitze mit ihm gemeinsame Führer, während nach außen nur die Nichtjuden ersichtlich würdem - So viel Worte, so viel Unwahrheiten:

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