Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 38 Berlin, 20. September 1-12 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis:.durch den Luch- Handel o" er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. — Postscheckkonto 321. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheime» Regierungr-Ratr Professor vr. Ludwig Geiger Verlag : Ruciolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße $6ft9, zu rich e:r. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Jom Kippur. Von Albert Katz. — Die Woche. — Von der Jahresversammlung der israelitischen Lehrer Bayerns. — Erinnerungen an Nabbiüer Dr. Nüls. Von Leon Scheinhaus-Memel. — Jakob Gallinger. — Die Emanzipation der Juden in Preußen. Von Dr. Jsmar Freund. — Ein spanisch-jüdischer Romancero. Von Margarete Marasse. — Feuilleton: Der Priestersegen. — Kehret zurück zu mir, auf daß ich zu euch zurückkehre. Eine Jomkippurgeschichte von ReginaNeißer. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Gnesen,f Aus der Provinz Posen, Dresden, Frankfurt a. M., Straßburg i. E., Zürich, Budapest. — VonNah und Fern. Iom Kippur. Von Albert Katz. Cichtumflossen uni), heilverbreitend naht der Tag uns entgegen, der seit undenklichen Zeiten als der heiligste und weihevollste des Jahres in Israel, gefeiert ^wird: Jom Kippur. Im Gegensatz zu allen anderen Festtagen, die neben religiöser Belehrung .und geistiger Erhebung auch körperlicher Erholung gewidmet, sind, ist dieser Tag. ausschließlich dem Streben nach irS3P! m.Hp Seelen reinhcit, dem Leben in Gott geweiht. Wir sollen an diesem Tage, der den Menschen allem Irdischen entrückt und ihm die Gedankenwelt des Geistes erschließt, intensiver als sonst über das Verhältnis des Menschen-zu Gott Nachdenken und unser Tun und Lassen einer strengen Prüfung unterziehen. Das wesentliche Merkmal dieses Tages ist „Rückkehr zu Gott", Rückkehr zur ursprünglichen Seelenreinheit, die jeder Mensch, auch wenn seine Taten und Handlungen ihn der Ebenbildlichkeit Gottes zu entkleiden drohen, wiedererlangen kann. Das Judentum kennt eben keine Erbsünde, keinen dem Menschen angeborenen bösen Trieb, der nicht von ihm selbst kraft seines besseren Ich zu überwinden wäre. Das Judentum lehrt: Alles ist von der göttlichen Weisheit vorausgeschaut, aber dem Menschen, ist die freie Wahl gelassen, und nach ewiger Güte wird die Welt gerichtet'), Gott ist gnädig auch gegen den, der seine Gnade nicht verdient und erbarmt sich auch dessen, der seines Erbarmens nicht wert ist-). Gliche nicht Gottes gnadenreiche Gerechtigkeit den ewigen Bergen Gottes, wer könnte vor der unermeßlichen Tiefe seines Gerichtes bestehen^)? Schon die bloße Absicht des Menschen, sine gute Tat auszuüben, wird von Gott, der gegen des Menschen bösen Gedanken, wenn ihm keine böse Tat folgt,. Nachsicht übt, als vollzogene gute Handlung betrachtet* * 3 4). Auf diesen Sentenzen ist die Lehre vom Versöhnungstage aufgebaut. Wir sollen an diesem Tage, den unser Schrifttum als einen „gnaden- ') Aboth 3, 15. 2) Berachoth 7a. 3) Arachin 8b. 4) Kidduschin 40a. reichen Gerichtstag" bezeichnet, erkennen und bekennen, daß es zwischen Gott und Mensch keine Scheidewand gibt, daß wir, um unser belastetes Gewissen zu erleichtern, unser getrübtes Seelenleben wieder auszuhellen, keiner priesterlichen Fürbitte und weder eines Heiligen noch eines Engels als Mittler bedürfen; wir sollen an diesem Tage die Gewißheit zu erlangen streben, daß der Weg, der zu Gott führt, jedem Menschen, auch dem größten Sünder, frei und offen ist, denn Gott ist zu finden, wenn man ihn sucht, und er ist nah, wenn man ihn anrust. Schon zur Zeit des zweiten Tempels, obgleich der Opferkult auch damals noch in hoher Blüte stand und der Hohepriester das Sündenbekenntnis für ganz Israel ablegte, galt dieser in den Augen des Volkes, namentlich des im Geiste der Thora erzogenen. Teiles, nicht mehr als das- Sündenvergebung bewirkende Medium. Man betrachtete ihn nur, ähnlich wie in späterer Zeit den ->122» als Abgesandten der Glaubensgemeinde^), der die Gefühle und Empfindungen, die diese be- . seelten, am heiligen Tage und am heiligen Orte in gehöriger Weise vor Gott zum Ausdruck bringen sollte. Sein Sündenbekenntnis und sein Gebet um Vergebung schlossen mit .dem' Hinweis auf Gott, der allein es sei, der an diesem Tage Israel sühnt und von Sünden reinigt). Die von Esra und seinen Nachfolgern ausgestreute Saat hatte im Laufe >dex Zeit die herrlichsten Früchte gezeitigt. Ein großer Teil des Volkes, von den Nibdalim und späteren Pharisäern unterrichtet und in den Geist der Väterlehre eingeführt, war nach und nach zu der Ueberzeugung gekommen, daß nicht der Tempel, nicht der Hohepriester und der Altar Sündenvergebung zu bewirken vermögen, sondern daß der Mensch allein es sei, der seine Seelenqual zu beschwichtigen, die Tilgung seines 'Schuldbewußtseins herbeizusühren vermag. Unbekümmert um den im Tempel zu Jerusalem vor sich gehenden heiligen Opferdienst, der als eine alte nationale Einrichtung und wohl auch als geeignetes Mittel zur Festigung der Volkseinheit allgemein respektiert wurde, begann man den Jom Kippur, auf Grund alter Ueberlieferungen, zu einem Tage des Hells und der göttlichen Gnade auch für die spätesten Geschlechter auszugestalten, zu einem Tage des Herrn, dessen versöhnende Macht von dem sittlichen Verhalten und den guten Vorsätzen des Menschen selbst abhängig sei. Das haben Israels spätere Lehrer durch folgende Sage dem Verständnis ihrer Zeitgenossen näherzubringen versucht: Man fragte die Weisheit: Wenn der Mensch sündigt, worin besteht feine Strafe? Die Antwort lautete: Die Sünder verfolgt ihre böse Tat. Man richtete dieselbe Frage an die Prophetie, und diese erwiderte: Die fündige Seele müsse sterben. Man fragte darauf die Thora: Was ist des sündigen Menschen Strafe? Der Sünder — gab sie zur Antwort — bringe ein Mischnah Joma 1, 5. 2) Ebenda 6, 2. mmmm