Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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76. Jahrgang Nr. 37 k; Berlin, 11. September 1912 Beilage zur „Allgemeinen Letlung t>e§ gudenrumS". SorrelpandenHm und Hachnchten. Deutschland. - Sß Berlin, 9. September. Einer großen Anzahl Berlin e r Firm e n ist in den letzten Wochen eine sogenannte „Schneeball-Kollekte" Zugegangen, in der um Abschrift und Weitersendung an drei Bekannte unter Beifügung von je einer Zehnpfennigmarke zugunsten bei Witwe des erschossenen „Forstaufsehers Kolar in Zitzbach" gebeten wurde. Die Liste wurde der Wohltätigkeitszent^ale der Berliner Kaufmannschaft zur Prüfung übergeben, die ein recht interessantes Resultat erzielte. Zunächst ist die Expedit i o n der Deutschen Jägerzeitung in Neudamm ohne deren Genehmigung als Sammelstelle bezeichnet worden, und der unbekannte Veranstalter hätte auch durch' gerichtliches Eingreifen nicht festgestellt werden können. Weiter bezieht sich die Sammlung, zwar auf einen tatsächlichen Unglücksfall, der sich aber — imIahre 189 6 ereignete! — Die Kollekte ist jetzt also seit v o llen 16 Iah r en in Umlauf. Den Hinterbliebenen sind damals aus den Sammlungen im Jahre 1899 10 000 Mark ausgezahlt Wörden. Seitdem 'gehen ständig, bald mehr, bald weniger, Beiträge bei der „Deutschen Jägerzeitung" ein, zurzeit wieder aus ganz Deutschland. Der Aufenthalt der Familie ist inzwischen längst nicht mehr bekannt. Ebenso können erwerbsunfähige Kinder nach diesem langen Zeitraum natürlich nicht mehr vorhanden sein. Die „Deutsche Jägerzeitung" ist also in die peinliche Lage versetzt, ständig Gelder zu erhalten^ die sie für den bestimmten Zweck nicht verwenden kann. Sie läßt sie zunächst an den Bereist „Waldheil", Verein zur Förderung der Interessen deutscher Forst- und Jagdbeamten und zur Unterstützung ihrer Hinterbliebenen weitergehen. Trotz mehrfacher Bemühungen ist es der „Deutschen Jägerzeitung" nicht gelungen, eine Unterdrückung dieser Sammlung, die doch jetzt nur noch als grobe rUnfug bezeichnet werden kann, zu erzielen. Die. weiteste Verbreitung der Tatsachen wäre deshalb dringend erwünscht, damit die Irreführung des Publikums endlich einmal ein Ende erreicht. — Uebrigens sei hierbei bemerkt, daß eine Uebersicht über die Anzahl der Marken, die sich in einem Brief befinden müssen, vollkommen ausgeschlossen ist, da der scheinbare Kontrollbuchstäbe, der über jeder Liste angebracht ist, keinen Rückschluß auf die Anzähl der unter der Liste stehenden Namen und der beigefügten Marken zuläßt. Die in Rede stehende Sammlung ist aber auch gesetzwidrig, da ihr die für Kollekten erforderliche behördliche Geäehmigung fehlt. 22 Berlin, 9. September. Der Inhaber der Berliner Warenhaussirma Hermann Tietz, Herr Oskar Tietz, und seine Frau Betty Tietz, die am 6. d. M. ihre. Silberhochzeit feierten, haben aus diesem Anlaß Stiftungen im Gesamtbeträge von 1000 000 Mark errichtet. Die Hälfte dieses. Betrages ist, wie der „Consectionär" mitteilt,' zur Errichtung einer Stiftung, die den Namen „Oskar-und-Betth-.Tietz- Stift u.n g" führt, verwendet worden. Der Zweck derselben ist nicht in einer bestimmten Richtung festgelegt, vielmehr ist ganz allgemein bestimmt, daß die Einkünfte zur ^Unterstützung hilfsbedürftiger Personen oder gemeinnütziger Bestrebungen im Deutschen Reiche zu verwenden sind. Hierüber verfügt ein von Herrn Tietz berufenes Kuratorium. Eine weitere Stiftung von 100 000 Mark ist für das Personal der Firma Hermann Tietz errichtet worden. Während durch die mit einer Spende: von 600 000 Mark seitens des Herrn Tietz schon früher errichtete Pensionskasse für den Fall der Dienstunfähigkeit oder des Ablebens Vorsorge getroffen ist, berücksichtigt diese Stiftung hilfsbedürftige Angestellte und ihre Angehörigen in besonderen Fällen. Ferner ist der Geburtsort des Herrn Tietz mit einem Betrage von 65 000 Mark bedacht, welcher für eine städtische Turnhalle, Badeanstalt und Speisung armer Schulkinder Verwendung findet. Auch der Hilfsverein Deutscher Juden erhält 50 000 Mark, ferner sind bedacht: die Städte Berlin, München, Gera, Charlottenburg, die Berliner Schutzmannschaft und Feuerwehr, die jüdische Gemeinde, das Rote Kreuz, der'Brüderverein sowie zahlreiche gemeinnützige Vereine. Am Tage der Silberhochzeit überbrachten dem Jubelpaare zahlreiche Deputationen und Abordnungen bedeutender Vereine und Korporationen Adressen sowie Angebinde. Es waren u. a. vertreten: Verband deutscher Waren- und Kaufhäuser, Hilfsverein deutscher Juden, für den Dr. James Simon und Geh. Justizrat Cassel erschienen waren, die Großloge für Deutschland U. O. B. B., die Montefiore-Loge in Berlin, die Toynbeehalle zu Berlin, Volksheilstättenverein'vom Roten Kreuz, Verein der Volkskinder gürten, Verein für Arbeitsnachweis der Berliner Logen, die jüdische Arbeiterkolonie zu Weißensee, Frauenverein der Berliner Logen, die Stadt Birnbaum, die Herrn Tietz den Ehrenbürgerbrief der Stadt überbrachte, die Stadt München, Verein Berliner Kausleute, Verband deutscher Mäntelfabriken, Verein zur Ausstattung von Bräuten, Israelitischer Frauenunterstützungsverein zu Berlin, Hilfsbund für gebildete Frauen und Mädchen usw. Groß war auch die Teilnahme der Geschäftswelt und der Freunde des Hauses. Berlin, 9. September. Die ,,B'. Z. a. M." vom 4. d. M. brachte folgende Meldung, für deren Richtigkeit wir dem genannten Blatte die Verantwortung überlassen: Seit einigen Tagen hat sich vor dem Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße ein schwunghafter Billetthandel mit Platzkarten für die bevorstehenden Feiertage entwickelt. Fast alle Personen, die in dem Verwaltungsgebäude beschäftigt oder privatim zu tun haben, werden von den Händlern belästigt und mit Angeboten bestürmt. Angeblich besitzen diese Händler gute Plätze zu allen Synagogen Berlins. Diese Tatsache ist um so auffälliger, als bereits vor einigen Wochen im Gemeindeblatt bekanntgemacht wurde, daß sämtliche Plätze ausverkaust sind. In den Kreisen der Gemeindemitglieder haben diese Vorkommnisse arge Verstimmung hervorgerufen, und es wird in der Gemeindevertretung wahrscheinlich darüber beraten werden, wie in Zukunft derartige Uebelstände vermieden werden können und namentlich die unliebsamen Szenen aus der Straße vor dem Verwaltungsgebäude zu verhindern sind. 22 Berlin, 9. September. Der Verein für Arbeitsnachweis (begründet von den Berliner Logen U. O. B. B.) schreibt uns: In den Berichtsmonaten Juli und August haben insgesamt 561 stellungslose Bewerber unsere Stellenvermittlung in Anspruch genommen. Von diesem aus 240 Kaufleuten, - 180 Handlungsgehilfinnen und 141 gewerblichen Arbeitskräften zusammengesetzten Personenkreise wurde 438 Petenten (28 mit Sabbatheiligung) — 114 männlichen, 136 weiblichen kaufmännischen Angestellten und 138 gewerblichen Arbeitern — die jeweils in Frage kommende Arbeitsstätte nachgewiesen. Ein Rückschluß auf die allgemeine Struktur des hauptstädtischen Ärbeitsmarkts läßt sich dahin konstruieren, daß entgegen der in den Monaten Juni und Juli beobachteten Fläue das frühe Einsetzen der Herbstsaison eine bemerkenswerte Steigerung der Nachfrage nach Arbeitskräften verursacht hat. Indes könnte der Verein für Arbeitsnachweis, Monbijouplatz 10, der lediglich humane Ziele verfolgt und Stellungen für alle Teile völlig kostenlos vermittelt, noch weit durchgreifender, und segensreicher wirken, wenn ihm von seiten der Arbeitgeber durch stärkere Anmeldung von Vakanzen ein größerer Wirkungskreis gegeben würde. Im Anschluß an die bestehende Vermittlung weiblicher Arbeitskräfte wird der Verein vom 15.. Oktober dieses Jahres ab die Placierung von jüdischem Haus- und Wirtsch astsp ersonal versuchsweise neu einführen. Es soll hier einerseits den. Hausfrauen brauchbares und gut empfohlenes jüdisches Dienst- und Wirtfchaftspersonal unentgeltlich vermittelt werden und anderseits jüdischen Mädchen zur Ergreifung dieses lehr achtenswerten, aber von unseren' Glaubensgenossinnen zu wenig beachteten Erwerbszweiges Anlaß und Gelegenheit geboten werden. Durch diese Neueinführung glaubt der Verein einem tiefgefühlten Bedürfnis entgegenzukommen und den Kreis seiner Gönner und Freunde in erheblichem Maße zu vergrößern. - . W. Aus der Provinz Posen, im September. Posen. Herr Abraham Apolant ist im fast vollendeten 95. Lebensjahre gestorben.