Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Heute bin ich schon grau, aber immer noch hoffe ich . Obzwar — mein Vermögen ist zusammengeschmolzen, und ich fühle mich alt und. müde . . . Einen Sohn habe ich nicht — es ist besser so! Denn wer für. die Krone geboren ist und ihren Glanz nicht' besitzt, muß früh hinwelken . . . stirbt zehnmal des Tages. . . Ich reise morgen ab. Leben Sie wohl. . . Sie haben ein treues Auge — ein Freundesauge . . . Ich werde Sie nicht mehr sehen . . . Schalom ..." Am andern Tage war er tatsächlich abgereist. Nun ist er im städtischen Krankenhaus in Petersburg gestorben, auf Kosten der Stadt beerdigt worden, er, der letzte Prinz von Cypern, der jüdische Thronprätendent. . . Ob er wohl auf dem jüdischen Friedhose ruht?- Lady Judith Montekmre. Lin Gedenkblatt zur 50. Wiederkehr ihres Todestages. Von Regina Neiße r. ie Feierklänge der uralten heiligen Melodien, die das Noschhaschonohfest des Jahres 1862 begrüßten, ertönten in der Stunde, als die Fittiche des Todesengels sich auf Lady Judith Montefiore, die treue Lebens- und Weggenossin des hochherzigen Philanthropen Sir Moses Montefiore herabsenkten. Wenige Monate zuvor, am 10. Juni 1862, durften die Gatten im Vollbewußtsein einer wahrhaft glücklichen Ehe, der allerdings die höchste Himmelsgabe, Kinder, versagt geblieben waren, unter der wärmsten Anteilnahme der weitesten Kreise die goldene Hochzeit feiern. Wie Sir Moses Montefiore während der dreiundzwanzig Jahre seines Witwertums das Andenken an die Verewigte gepflegt, geehrt, ja heilig gehalten hat, das steht im Einklänge mit seiner edlen Persönlichkeit und Art. Lady Judith Montefiore hat nach dem Urteil von Zeitgenossen, die ihr nahe standen, nicht nur an den philanthropischen Bestrebungen ihres Gemahls teilgenommen, sie war deren Seele und treibende Kraft, mit ihrem tiefen religiösen Gefühl begeisterte sie ihn, seine Lebensarbeit in unermüdlicher hingebungsvoller Treue der Linderung des traurigen Loses seiner bedrückten Glaubensgenossen im Heiligen Lande zu weihen. Lady Judith Montefiore zeigte der Mit- und Nachwelt, was die wahrhaft große, hochgebildete, geist- und gemütvolle Frau dem großen Manne zu sein vermag. „Die Kinderlose hat die meisten Kinder." Dieser Ausspruch der greisen Dichterin unserer Tage sollte sich an ihr erfüllen- Ihre unglücklichen Glaubensgenossen wurden ihre Sorgen- und Schmerzenskinder, die sie mit warmer Liebe umfaßte. Unablässig beschäftigte sich ihr Sinnen und Denken, ihnen in Not und Elend beizustehen, ihnen Erleichterung zu schaffen. Die innige Seelengemeinschast, die die Gatten verband und sich noch immer mehr vertiefte, zeitigte jene Großtaten edelster Menschenliebe, die für alle Zeiten im Strahlenkränze der Unsterblichkeit leuchten werden. Lady Judith Montefiore wurde 1794 zu London als die Tochter des Sir Levy Cohen geboren. Das schöne und hochbegabte Kind wuchs im Sonnenschein zärtlichster Elternliebe heran und genoß gemeinsam mit der Schwester Hannah, der späteren Freifrau v. Rothschild, eine vorzügliche Erziehung. Die begeisterte Liebe zum Judentum, die Judith dereinst in so hohem Maße bekunden sollte, wuröd" frühzeitig in das junge Herz gepflanzt, -und die heilige Sprache nahm einer: bedeutenden- Raum in dem Stundenplan ein. Die besten Lehrkräfte wurden für deMUnterricht gewonnen, Judith beherrschte frühzeitig ihre Muttersprache in. Wort und Schrift I gleich meisterhaft, trieb Französisch, Italienisch und Deutsch mit hohem Eifer und bildete sich zu einer ebenso vorzüglichen Pianistin wie Sängerin aus. Geburt, Persönlichkeit, Seelenadel und Bildung prädestinierten sie zu einer bevorzugten Lebensstellung, die ihr auch durch ihre Vermählung mit Moses Montefiore zuteil wurde. Am 10. Juni 1812 reichte sie diesem, die Hand zum Lebensbunde. Ein Haus wurde begründet, - das ein halbes Jahrhundert eine Stätte reinsten Eheglückes für die Gatten blieb, vorbildlich für die Zeitgenossen. Lady Judith war der gute Genius ihres Gemahls, und wie tief dieser für sie empfand, bekunden neben zahlreichen Aeußerungen auch viele Stellen in seinen Tagebüchern. Anläßlich der 42. Wiederkehr des Hochzeitstages schreibt er: „Nirgend auf Erden gibt es eine bessere, liebevollere Frau als meine Judith. Sie kennt nur das Streben, ihren Gatten froh und glücklich zu machen. Gott begnade sie mit allem nur erdenklichen Glück." Ihr lebhafter Geist befähigte sie, mit vollem Verständnis die großartige philanthropische Wirksamkeit ihres Gatten in einzig-eigenartiger Weise zu beeinflussen. Die Geschichte seiner berühmten Laufbahn bedeutet die ihre. Alle Ehrenauszeichnungen, die Staat, Stadt und Gemeinde auf das Haupt ihres Gatten in der Folge häuften, erfüllten sie mit freudigem Stolz. Und doch lag Stolz ihr eigentlich ganz fern. Wo sie erschien, fesselte sie durch ihre glänzende Unterhaltungsgabe, die jedem, auch dem geringsten Gegenstand, eine tiefere Bedeutung abzugewinnen wußte, durch den hohen sittlichen Ernst ihres Wesens, ihre unbegrenzte menschenfreundliche Gesinnung, jedoch zumeist durch ihre seltene Einfachheit und Bescheidenheit, die ihr schönster Schmuck war. Im Mai 1827 begleitete Lady Judith ihren Gemahl aus seiner ersten Reise in das Heilige Land unter unsäglichen Gefahren. In dem Tagebuch, in dem sie, jedoch nur für ihre Freunde, ihre Reiseeindrücke veröffentlichte, ist eine ergreifende Schilderung von Jerusalem enthalten. Die für ihren Glauben in heiliger Begeisterung erglühende Frau fühlte sich von den geweihten Erinnerungsstätten mächtig angezogen. Auch ihre zweite Reise nach Palästina 'infolge der erschütternden Ereignisse in Damaskus, November 1840, zeitigte ein ebenfalls nicht für die Oefsentlichkeit bestimmtes Werk. Diese Reiseberichte gewähren tiefe Einblicke in das reiche innere Leben der edlen Frau. Auf dieser zweiten Reise legten die Gatten den ersten Grundstein, die traurigen Zustände im Heiligen Lande zu verbessern. Das Jahr 1846 fand die Gatten in Rußland in. unermüdlicher Liebestätigkeit; Lady Judith erregte in den höchsten Kreisen der Petersburger Gesellschaft die allgemeinste Verehrung und Bewunderung. Noch ein drittes Mal betraten die Gatten 1855 gemeinsam das Heilige Land. Diesmal gewannen ihre philanthropischen Bestrebungen zum Heile der 'Bedrängten und Notleidenden festere Gestalt; Ackerbaükolonien, Armenhäuser und Handarbeitsschulen wurden ins Leben gerufen. Wie ein rettender Engel wurde namentlich Lady Judith in Jerusalem begrüßt. Mehrere durch sie errichtete Anstalten und Ivohltätige Stiftungen verewigen dort wie auch in ihreM-Vaterlande, überall wo sie Hilfe brachte, ihren Namen. W ■ Diesem segensvollen Leben und Wirken setzte der Tod ein jähes Ziel. Die Trauer des vereinsamten Gatten äußerte'sich in rührender und. ergreifender Weise. In Ramsgate errichtete er der heimgegckNgenen Gattin ein Mausoleum; ihrem Andenken stiftete er das „Lady Jrrdith Montefiore Theologicäl College" in Ramsgate, bedachte Synagogen, Waisenhäuser, Schulen mit reichen Spenden. Wie tief Sir Moses Montefiore seine edle Lebensgefährtin betrauerte, davon geben seine Worte in der ersten Zeit nach dem schweren Verlust Zeugnis: „Ich bin kein großer Mann.