Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 441 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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c Es war ein grauer Morgen, auf den Straßen lag. der Schnee fußhoch. Ich saß nach einer durcharbeiteten Nacht bei einer Tasse Kaffee, vor mir das Morgenblatt. Das Lokal war wegen der frühen Morgenstunde fast noch leer, und die Kellner standen gelangweilt in den Ecken herum. Da trat ein herkulisch gebauter Mann ein, der die Türe heftig ausstieß, so daß ein kalter Luststrom ins Lokal drang. Der Fremde trug einen grauen russischen Offiziersrock, Stiesel mit hohen Schäften und auf dem Kopfe eine Militärmütze mit einem kleinen> Abzeichen, darunter die Worte: „Regnum Cyprii“ zu lesen waren. Er sah sich um, wie ratlos, dann schritt er geradeswegs aus mich zu,' setzte sich an meinen Tisch, und grüßte französisch: „Bon jour, monsieur.“ Ich nickte mit dem Kopfe und sah mein Gegenüber Prüfend an. Auf einem massigen Nacken saß ein mächtiger Kopf, mit reichem Haarwuchs, braunen großen Augen, großer fleischiger Nase. Der Kellner kam, und mein Nachbar bestellte in schlechtem Deutsch ein Frühstück, das er mit sichtlicher Gier verzehrte. Nachdem er noch zwei Kognaks heruntergegossen hatte, sagte er Plötzlich mit lauter, förmlich'hallender Stimme: „Sie sind ein juif?!" Ich hatte keinen Anlaß, dies zu verbergen, aber ich muß gestehen, nach einer durchwachten Nacht, früh am Morgen, machte mich diese unerwartete Frage etwas perplex. „Ja!" sagte ich, „das bin ich. Aber warum fragen Sie?" „Ich liebe die Juden," sagte er. und rauchte eine Zigarette an. „Ich liebe sie mit allen Fasern meines Herzens, denn auch sie leiden unter der Ungerechtigkeit der Welt. Auch ich bin ein Jude, doch mein Vater war noch Christ." So kamen wir ins Gespräch. Er erzählte, er käme aus London, in einer diplomatischen Mission, und ginge nach Konstantinopel. Beim Abschied bat er mich, ich möchte ihn besuchen, er wohne im Hotel dann gab er mir seine Visitenkarte: Michael Dawid de Lusignan Prinz von Cypern, Jerusalem und Syrien Fürst von Armenien London Ich verneigte mich und nannte meinen bescheidenen Namen. Mein Erstaunen war nicht gering, und, skeptisch wie ich bin, glaubte ich es mit einem Abenteurer zu tun zu haben. „Besuchen Sie mich um 3 Uhr nachmittag," rief er noch an der Tür und salutierte. Neugierde ist sonst nicht meine schwache Seite, aber diesmal konnte ich kaum den Nachmittag erwarten. Das Mittagessen schmeckte mir nicht und meine Nerven waren erregt, wie vor einer Sensation. : Das Hotel 31. liegt in einer Seitenstraße am Ring. Ein Kellner geleitete mich in die zweite Etage. Wir kamen in einen Empfangsraum, wo ich einige Minuten wartete, dann öffnete ein schwarzer Diener eine Portiere, und ich trat ein. Das Zimmer, in das ich kam, war von allen Möbeln entblößt. Aus dem Fußboden lag ein dicker Teppich, in dem der Fuß tief und weich einsank. In einer Ecke stand ein niedriges geschnitztes Tischchen, rings an den Wänden lagen Polster aus Saffian. Von der Mitte der Decke hing eine Ampel herab, die ein mildes grünes Licht ausstrahlte. Alle Fenster waren dicht verhängt. Aus einem alten eisernen Becken glühte ein Kraut. Der Prinz saß vor dem Tischchen, wo ein Samovar summte,, und rauchte Zigaretten.. Er war genau so gekleidet, wie am Morgennur -trug er Pantoffeln'an den Füßen. „Ich freue mich. Sie zu sehen, Monsieur," empfing er mich. „Ich sehe so selten ein freundliches Auge; nehmen Sie Platz — hier! Ein Täßchen Tee? Ja? Und eine Zigarette. . . ." Ich trank, rauchte, und der Prinz begann von seinem Leben zu erzählen. ... „Ich habe, Herr, keinen Freund auf der Welt. Ich hatte einen einzigen, einen alten Juden, der ist tot . . . Meine Ahnen, Herr, stammen von den Bourbonen ab, und sie waren Könige auf Cypern. Im sechzehnten Jahrhundert wurden sie den Türken zinspflichtig, aber diese waren nur scheinbar die Herren . . . In Wirklichkeit blieben wir es, die Lusignans. O, welch ein Land regierten meine Ahnen, wie reich, wie schön, wie paradiesisch! . . . Erst mein Vater Louis de Lusignan wurde von den Türken gezwungen, offiziell abzudanken — weil er nicht Mohammedaner werden wollte ... Er nahm sein ungeheures Vermögen mit sich, und ließ von der Königswürde seiner Religion zu Liebe . . . Er ging nach Rußland, und unter Zar Nikolaus I. wurde er Oberst eines Kofackenregimentes. Den russisch-türkischen Krieg hat er mitgemacht, und mit Auszeichnung gefochten. Er kämpfte erbittert, wie einer kämpft, der sich rächen will ... Nach dem Kriege wurde mein Vater Adjutant des Zaren. Diese einflußreiche Stellung benutzte er dazu, um für seine Pläne zu arbeiten. Er war ein Genie und brachte es endlich dahin, daß Napoleon III. sich bereit erklärte, ihn zu unterstützen. Marquis Busfy und mein Vater entwarfen eine Ersatzforderung an die Türkei in der Höhe von VA Milliarde Franken. Die volle Hälfte sollte Frankreich bekommen. Da kam der deutsch-französische Krieg dazwischen. Die Schlacht bei Sedan ließ Napoleon III. Stern sinken, mit ihm auch den meines Vaters . . . Dies brachte ihn ins Grab ... Er lebte noch ein Jahrzehnt, menschenscheu, ein Sonderling, bis er im Jahre 1884 zu seinen Vätern berufen wurde. ' Ich war damals über zwanzig Jahre alt, hatte nichts gelernt, nur ein wenig Schreiben, Rechnen, Französisch . . . Aber in allen ritterlichen Künsten war ich ein Meister. Ich erbte ein Vermögen von vielleicht zwanzig Millionen Rubel. Bald begann das Gold durch meine Finger, die nie das Erwerben gelernt hatten, zu fließen. Mein Verwalter, ein Gras $., bestahl mich nach Möglichkeit, meine Diener folgten feinem Beispiele, und nach Verlauf mehrerer Jahre hatte sich mein Vermögen auf mehr als die Hälfte vermindert. Eines Tages badete ich mich mit meinem Verwalter in einem Flusse. Und während ich so dahinschwamm, fühlte ich einen Krampf, der meine Glieder lähmte. Ich konnte nur noch Hilfe schreien, dann sank ich unter. Als ich erwachte, lag ich im Grase, ein alter Jude mit grauem langen Bart flößte mir ein warmes Getränk ein. Er hatte mich gerettet. Mein Verwalter war davongelausen, denn mein Tod sollte seine Betrügereien verdecken. Man schickte ihn nach Sibirien. Dieser Jude hieß Dawid Luttwak. Ich nahm ihn in mein Haus, und zwanzig Jahre, bis.zu seinem Tode, diente er mir als Verwalter. Er war mein einziger Freund . . . Er lehrte mich das Judentum kennen, die heiligen Bücher Mosis, den -Talmud und den Geist der Kommentare . . . Und im 30. Lebensjahre wurde ich Jude, ließ an mir die Beschneidung vornehmen und lebte ein Jahr in Buße . : . Aber auch das Erbe meines teuren Vaters hütete ich: Den Thron Cyperns. Ich habe es mich Millionen kosten lassenstand mit den Regierungen in AerMdung, knüpfte Beziehungen in diplomatischen Kreisen WNwin Mannesalter opferte ich dieser Idee. Aber immer wieder kam etwas dazwischen und schnitt die Fäden durch . . >-.v