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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-11 · Heft 37 (11.9.1912) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 37 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
Seite 440 (sequence 8)
Language
German
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. Protestant oder Katholik ist." Und nun folgt eine Behauptung, die für feine Person allenfalls Geltung haben Mochte, fürs Judentum in feiner Allgemeinheit aber ,eine.gründliche Selbsttäuschung enthält: „Bei uns besonders, wenn man einen Ruf von Geist und Talent hat, wie ich, wird man allen gleich und es gibt nichts, das ich nicht erreichen könnte) wenn ich einwilligen würde, mit der existierenden Regierung zu paktieren." Wäre heute Lassalle wohl noch derselben optimistischen Ansicht? — Es folgt nun ein Hinweis auf Rußland, wo man die Juden als Angehörige einer fremden Nation verachtet. Sophie würde durch eine Heirat mit einem Juden ebenfalls der Verachtung anheimsallen. „Sie, Abkömmling von Fürsten, einen Menschen heiraten, der, wenn die Abstammung ein Recht zum Stolze gäbe — man beachte, daß hier der Geistesaristokrat spricht, der.nur persönliches, kein ererbtes Verdienst kennt! —, stolzer sein könnte, wie ihr alle, da er von einem Volk abstammt, welches älter ist als alle Fürsten und Edelleute, -die nur etliche Jahrhunderte existieren: vom ersten zivilisatorischen Volke, welches in der Geschichte auftritt, und von den alten Königen Syriens." Halten wir dem sofort gegenüber, was er später zur Begründung seiner Abneigung gegen die Juden sagt: „Ich sehe in ihnen nur die sehr entarteten Söhne einer großen, aber längst entschwundenen Vergangenheit. Diese Leute haben'während der in der Sklaverei verbrachten Jahrhunderte auch die Eigenschaften der. Sklaven angenommen; und deshalb bin ich ihnen äußerst ungünstig gesinnt." Er betont des weiteren ganz ausdrücklich, daß er die gesellschaftliche Verbindung mit Juden abgebrochen habe. Obwohl Lassalles Stellung zur Taufe sich aus dem Vorhergehenden schon ergibt, so läßt er sich trotzdem noch sehr ausführlich über sie aus. Um in Kürze feinen Standpunkt wiederzugeben: Die Taufe ist ein Akt der Heuchelei, die ein vorurteilsfreier Mann am wenigsten auf sich laden darf; auch als bloße Formalität ist sie entschieden zu verwerfen. „Würde es nicht den Anschein haben, daß ich um äußerer Vorteile wegen einem Vorurteile nachgebe?" Dieser theoretisch ganz einwandfreie Stndpunkt müßte jedem bewußten Juden dem Vertreter desselben Beifall abgenötigt haben, wenn Lassalle nicht doch ein logisches Hintertürchen zur Erreichung seines Heiratsplanes sich ofsengelassen hätte. Denn, -,da ich nicht die Notwendigkeit zugebe, da ich auch nicht im entferntesten gesonnenbin, irgendeines Vorurteils halber Ihrer Liebe zu entsagen, so werde ich vielleicht dieses Opfer bringen, wenn es unumgänglich sein sollte, und mich taufen lassen." Mit anderen Worten: die Liebe oder Liebesraserei, wie sein damaliger Zustand besser zu nennen ist, hätte Lassalles Ueberzeugung „vielleicht" zu Fall gebracht. . Er ist aber glücklicherweise durch Sophie selbst, die seinen Heiratsantrag abweist, davor bewahrt worden, daß verständnislose Sittenrichter der Nachwelt aus einen „Täufling" mehr, Steine werfen. Wer vielleicht daran erinnert, daß Lassalle fünf Jahre später in der Dönniges-Asfäre Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um Helene zu gewinnen, und dabei u. a. auch nicht das Gewaltmittel verschmäht, dem Bischof Ketteler von Mainz den Uebertritt zum Katholizismus anzubieten, dem muß zu Lassalles Entschuldigung entgegengehalten werden, daß sein zerrüttetes Nervensystem damals einen gesunden Willen geradezu ausgeschlossen hat. Uns genüge die Tatsache: Lassalle war nicht getauft. Wir haben versuchtauf Grund von Lassalles Persönlichen Mitteilungen, sein äußeres und inneres Verhältnis zum Judentum kennen zu lernen. «Am ist es eine drückende Last gewesen; er hat gestrebt sie mbzüschütteln. Den Ghettojuden hat er verloren, geblieben ist — ohne daß er selbst sich darüber Rechenschaft gegeben hätte'— der Edeljude mit seinen Vorzügen, die er auch seinem Stamme verdankt: Liebe und Fa</ miliensinn, Treue und Freundschaft, Scharfsinn und Wissensdrang, Optimismus und Aufopferungsfreudigkeit, Gerechtigkeitssinn und Freiheitsliebe. Obwohl sich Lassalle alle Mühe gegeben hat, .von seinem Judentum innerlich loszukommen,, es ist ihm doch nicht restlos gelungen. Das Bewußtsein, denn-? noch Jude Zu sein, hat er bis zuletzt störend und peinlich empfunden. Der Jude in ihm konnte nicht leben und nicht sterben. Wir, seine Nachfahren, haben von ihm und seiner Zeit gelernt. Die Erkenntnisdie ihm gemaygelt, daß das Judentum kraft seines eigentümlichen Geistes weiterleben muß, ist uns heute geläufig. Dies zeigt die moderne.Entwick- , lung. Lassalles Blick für die Sache der Juden war getrübt. Ihm ging das unbefangene Urteil ab: Daher sein Irrtum. Das „Tout comprendre c’est tout pardonner“ wird und muß uns davor bewahren, Ferdinand Lassalle als Apostaten zu verketzern. Dazu kommt ein anderes: Schaut man etwas tiefer in Lassalles Seele, so entdeckt man hinter den starken Äußerungen der Verachtung und des Hasses — eine geheime, tieseingewurzelte, unausrottbare Liebe. Nicht das Judentum haßte er, sondern die Juden. „Obschon ich die Menschheit innig , liebe, so liebe ich doch nicht die Individuen, die heutzutage vorgeben, Menschen zu sein." Diese Worte aus Lassalles Munde sind m. E. der Schlüssel zu seinem wahren Verhältnis zum Judentum. Er wollte seinen Stamm lieben, konnte aber nicht, er wollte sein Volk befreien, sah aber den nächsten Weg, den der Selbsterhaltung, nicht. Trotzdem ist auch Lassalle in gewissem Sinne ein Pionier des jüdischen Volkes zu nennen, insofern, als jeder Fortschritt politischer Freiheit unsere Freiheit ein Stück dern^ Ziele näher bringt. Ohne gerade an die Bibel zu denken, hat der Jude Lassalle doch eine heilige Forderung derselben, in seiner Weise erfüllt: Zedek, Zedek tirdof. „Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst Du nachjagen." (Deuter. 16, 20.) Ferdinand Lassalle ist bekanntlich im Zweikampf gefallen, getroffen von der. Kugel eines christlichen Gegners, infolge einer Liebesaffäre mit einem christlichen Mädchen. In diesem gewissermaßen christlichen Charakter seines Lebensendes erblicke ich ein Symbol für die tiefe und erschütternde Tragik, die im Hinscheiden des Juden Lassalle sich verbirgt. Er, der mit Bewußtsein sein Judentum verleugnet und wegwirft, um dafür die Segnungen germanisch-christlicher Kultur einzutauschen, wird gleichzeitig das Opfer einer typisch germanischchristlichen Kulturerscheinung. So könnte man sagen. Lassalle habe seine „tragische Schuld" — die Abkehr von seinem wahren Ich — mit dem Tode gebüßt und gesühnt. - Lin jüdischer Thrrmprstendent. Eine Erinnerung von Jacob Fing er mann.' <k>ie Tagesblätter brachten dieser Tage eine kurze Nachricht über den Tod des Michael de Lusignan, Prinzen von Cypern, Jerusalem und Syrien, Fürsten von Armenien, der arm und verlassen im Obchow-Krankenhaus in Petersburg starb. Die Blätter wissen nichts oder wenig mehr von diesem überaus merkwürdigen Manne zu berichten, dessen abenteuerliches Dasein sich im Verborgenen abspielte, und der ein König, gewesen Wäre, wenn das Schicksal seinem Geschlecht nicht so übel mitgespielt hätte. . Diese Zeitungsdepeschen erwecken in mir die Erinnerung an eine Begegnung, die ich im Winter 1910 im Caf4 Zentral in Wien hatte.

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