Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229053--68781-3281058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ipier ist also Lassalle noch durchaus gläubiger Jude. Wie warm sein Herz für sein armes Volk schlägt, bekunden die späteren Notizen. Die stürmische Leidenschaftlichkeit, die den folgenden Gesühlsausbrüchen ihr, für den Brause- und Feuerkops so ungemein charakteristisches Gepräge verleiht, wird erst dann völlig verständlich, wenn wir wissen, welch zahlreichen Kränkungen und Zurücksetzungen Lassalle bei Lehrern und Kameraden nicht nur als Gymnasiast, sondern auch als Handelsschüler ausgesetzt gewesen ist, wenn wir uns ferner erinnern, daß die angebliche, durch das Edikt vom 11. März 1812 den altpreußischen Juden gewährte Gleichberechtigung wenig mehr als „klingende Schelle" geblieben war (wie sich Mehring in seiner „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie" ausdrückt.) „Ich könnte mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. .Ich würde selbst das Schafsot nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volk machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Hand, sie selbständig zu machen ..." In diesen „kindischen" Phantasierten entpuppt sich bereits der künftige Freiheitsstürmer, Noch galten seine Freiheitsideen seinem eigenen Volke: aber ach! die Juden dünkten ihm ein untauglicheis Objekt zur Verwirklichung seiner kühnen Träume! Hören wir die Worte, die sich seinem mitfühlenden Herzen am 21. Mai entringen, als die Kunde von den Judenverfolgungen in Damaskus zu ihm dringt: „O, es ist schrecklich zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare starren, und sich alle Gefühle des Herzens in Wut verwandeln. Ein Volk, das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung. Wahr, fürchterlich wahr. ist folgender Satz des Berichterstatters: „Die Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von diesen Parias der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden können." Also sogar die Christen wundern sich über unser träges Blut, daß wir uns nicht erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfelde, als auf der Tortur sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deretwillen sich die Schweizer einst, erhoben, größer? Gab es je eine Revolution, welche gerechter wäre als die, wenn die. Juden aufständen, sie von allen Ecken anzündeten, den Pulverturm sprengten und sich mit ihren Peinigern. töteten? Feig es Volk, du verdien st kein besseres Los! Der getretene Wurm krümmt sich, du aber bückst dich nur tiefer! Du weißt nicht zu sterben, zu vernichten, du weißt nicht, was gerechte Rache heißt, du weißt nicht, dich mit deinen Feinden zu begraben und sie im Todeskampfe noch zu zerfleischen! D u b i st z u m K n e ch t e g e b o r e n!" Aus diesen Worten voller Ingrimm und ohnmächtiger Wut starrt uns die ganze Zerrissenheit eines empfänglichen jüdischen Herzens entgegen! In seinem individuellen Bewußtsein von seiner christlichen Umgebung zertreten und mißachtet — in seinem Stammes- und Rassenstolz durch das leider nur zu begreifliche Verhalten seiner Volksgenossen aufs tiefste beleidigt, vollzieht sich nunmehr in Lassalles jüdischer Denkart ein völliger Umschwung. Seine Liebe wandelt sich in Haß, unerbittlichen Haß gegen jüdisches Wesen. In knapp 5 Jahren formt sich der Charakter des Jünglings in einer Weise, die Mehring zu dem merkwürdigen, aber richtigen Urteil veranlaßt: „In aller Geistesgeschichte findet sich kein zweites Beispiel, daß eine geniale Natur mit 15 Jahren noch so unreif und mit 20 Jahren schon so reif gewesen ist" (a. a. O. S. 393). Dieser Selbstbefreiungsprozeß charakterisiert sich in erster Linie als der Wille zur Abkehr von ghettogeborenen, ererbten Eigenschaften, wie sie einer jahrtausendelang geknechteten Rasse eigen sein müssen, und wie sie dem jungen Lassalle besonders stark anhasten. Sein provokantes Wesen, das ihn verhaßt gemacht hat,' — Brandes hat mit der Bezeichnung „Chuzpe" als dem Gegenteil serviler Gesinnung für diesen hervorstechenden Charakterzug des Knaben das Richtige getroffen —, hält sich späterhin von Auswüchsen fern; sein kausmännischer Schachergeist, der sonderbare Blüten gezeitigt hat, wird ihm derart zuwider, daß er nicht nur vor dem Berus des Kaufmanns alsbald einen wahren Abscheu empfindet und infolgedessen sich dem Studium zuwendet, sondern, damit nicht/ genug, sogar das Studium der Rechtswissenschaft und Medizin nicht ideal genug findet, „weil der Arzt wie der Advokat Kaufleute sind, die mit ihrem Wissen Handel treiben." In zweiter Linie stellt sich Lassalles Streben dar als ein bewußtes Assimilieren an deutsches Wesen, als ein Untertauchen im Quell antik- und modern-klassischer Bildung. Das Studium der Geschichte wird ihm die Waffen liefern auf dem großen politischen Schauplatz, wo das kleine Häuflein Juden nur einen geringen Bruchteil der von den herrschenden Mächten Niedergehaltenen und Unterdrückten ausmacht. Lassalles Feuergeist und Tatendurst fordern ein größeres und — dankbareres Wirkungsseld als ihm auf jüdischem Boden innerhalb seines Vaterlands hätte geboten werden können. So durchhaut also Lassälle den gordischen Knoten der Judenfrage mit der ihm eigenen Energie. Bereits mit 25 Jahren ist er vom religiösen Judentum abgefallen. Eine Andeutung in einem Brief an seinen Vater beweist, daß Lassalle Heine gegenüber, mit dem er 1846 in Paris Zusammentrifft, als eifriger Atheist aufgetreten ist: „Heine möchte sein Gesicht sehen, wenn ihm zu Ohren kommt, daß er, der totkranke Dichter, sich zum Deismus bekehrt habe." Bezeichnend ist auch die Französisierung seines semitischen Familiennamens Lassal, die in die Zeit seines ersten Pariser Aufenthalts fällt. Ebenso darf hierher seine Abneigung gegen die jüdisch-deutsche Mischsprache, die er in dem berühmten Vortrag gegen die Presse äußert (1863), gerechnet werden. „Ein Mann" heißt es an der betreffenden Stelle „der nicht einmal Deutsch zu schreiben vermag, sondern durch ein eigentümliches Kauderwelsch, das er seinen Lesern eingibt, das sogenannte Jüdisch-deutsch — kein Satz ohne grammatikalische Fehler — dem Volke langsam und sicher sogar noch seine Sprache und deren Genius verdirbt." Wie starr Lassalle an der in seinen Jünglingsjahren gefaßten Meinung vom Judentum sestgehalten hat, beweist i neben seinem häufig gebrauchten Ausspruch: „Zwei Dinge in meinem Leben habe, ich nur gehaßt: Die Inden und die Literaten; leider bin ich beides", in besonderem Maße der obenerwähnte „Manuskriptbrief." Schon die Einleitung jenes Abschnitts, dervon seinem Judentum spricht, ist. recht bezeichnend: „Aber werden Sie (gemeint ist die russische Dame seines Herzens, der er seine Verhältnisse und Anschauungen klarlegt) auch den zweiten Schlag, den ich Ihnen zu erteilen habe, überwinden? Sophie, ich bin — ein Jude. Mein Vater und meine Mutter sind Juden, und wenn ich auch innerlich ebensowenig Jude bin wie Sie, sogar noch weniger (sofern er Atheist ist. nämlich), so habe ich mich doch noch nicht von meiner Religion losgesagt, weil ich auch keine andere annehmen wollte. Ich kann wohl versichern, daß ich nicht mehr Jude bin, aber ohne Lüge kann ich auch nicht versichern, Christ geworden zu sein." Nicht nur der jüdischenReligion hat sich Lassalle völlig, wie eines lästigen Gewandes, entkleidet, auch ein Nationaljudentum erkennt er nicht mehr an. „Bei uns macht es nichts mehr aus, Jude zu sein, denn bei uns in Deutschland, in Frankreich, in England^ ist dies nur eine! Religion, keine Nationalität. Man ist bei uns Jude, wie man