Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229053--68780-3281057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
43§ ' Bescheidenheit überhaupt einer seiner hervorstechendsten Charakterzüge war. Aber die Religion der Güte, die sich in ihm verkörperte, die ihn ganz erfüllte und der er seinen schwächlichen Körper nur zu früh zum Opfer brachte, sie gibt ihm dauerndes Leben — in seinen Schöpfungen und in seinen Lehren! Clara Birnbaum. Der Thors-Vorhsng in der Msnenltrghe-Synsgoge. ir bringen in dieser Nunrmer die Abbildung des von Herrn Benas Levy und seiner Frau Isabel der Fäsanenstraße- Synagoge gespendeten Vorhanges, der bei der am 26. August stattgefundenen Einweihung viel bewundert worden ist. Die Gold- und Silberstickerei ist durchgehends Handarbeit und ist als Meisterstück zu bezeichnen. Die Zeichnung lieferte der Kunstmaler August Unger in Nikolassee, und hiernach wurde der Vorhang auf bestem roten Samt in der Kunststickereianstalt der Geschwister Bleichrode, Pariser Straße 14, in hervorragend künstlerischer Ausführung sertiggestellt. Die obere Inschrift lautet in deutscher Uebersetzung: „Zur Ehre und Verherrlichung der Thora." In der Mitte ist ein Vers aus dem Psalm 109, Vers 105, der in der Uebersetzung lautet: „Eine Leuchte meinem Fuße ist dein Wort, Und ein Licht für meinen Pfad." Darunter befindet sich die hebräische Widmung. Ferdinand Lsklslie als Jude. Von Dr. Max Gold st ein, Heidingsfeld. 31. August jährte sich zum 48. Male der Tag, an dem Ferdinand Lassalle die Augen für immer schloß. Er gehört nicht zu jenen Männern, deren Namen innerhalb der jüdischen Geschichte einen guten Klang haben. Von einem Verneiner des Judentums ist dies auch kaum zu erwarten. Aber nur dogmatische Engherzigkeit könnte dazu verleiten, ihn aus diesem Grunde von vornherein auf den Totschweigeindex zu setzen. Vielleicht gelingt es mir, in einer knappen Darlegung des Entwicklungsganges des Lassalleschen Standpunktes seiner Auffassung vom Judentum, wenn auch nicht Billigung, so doch wenigstens einfühlendes Verständnis zu vermitteln. Zur Grundlage der Beurteilung sind uns zwei wichtige,^ höchst interessante Dokumente aus Lassalles Feder selbst ge- \ boten. Zunächst das bereits im Jahre 1891 von Paul Lindau \ veröffentlichte Tagebuch des damaligen 15 jährigen Bres- V lauer Gymnasiasten und Leipziger Handelsschülers und außer-! dem der sogenannte „Manuskriptbries", auch „Seelenbeichte" \ genannt, worin sich der 35 jährige gereifte Mann um Herz \ und Hand einer christlichen, russischen Dame bewirbt. Die „Seelenbeichte" wurde erst im Vorjahre durch die Volksausgabe Lassallescher Schriften von Hans Feigl einem weiteren Publikum zugänglich gemacht. Beide Auszeichnungen gestatten einen unmittelbaren Einblick in das jüdische Denken und Fühlen Lassalles in zwei zeitlich und inhaltlich verschiedenen Entwicklungsperioden. Lassalles Vater war ein wohlhabender und geachteter jüdischer Seidenhändler. Er verstand es, ebenso wie die Mutter, in dem- Sohn echt jüdischen Familiensinn zu wecken, was. nicht hinderte, daß es zwischen diesem und den Eltern zu gelegentlichen Zusammenstößen kam. Zeitlebens bewahrte sich Ferdinand jene, innige Liebe zum Elternhaus, die auch nichtjüdischen Beurteilern so häufigehrliche Bewunderung abringt. Das schönste und ehrenvollste Zeugnis nach dieser Richtung hat ihm seine spätere Geliebte, Helene v. Dünniges, gezollt. Es ist kein Zweifel, daß der altkluge Knabe sich frühzeitig in Gesprächen und Gedanken mit der. jüdischen Religion auseinandergesetzt hat. Bis zu seinem D«r v»rhm>g in der Fasanenstrabr-Ssnagsg«. h.^eben^jene ^Zeit', Wo die Tagebuchaufzeichnungen beginnen, steckt er fast durchaus noch im Bann der Tradition. Das Zeremonialgesetz dürfte er allerdings, da die Familie sich zumReformjudentum bekannte, schwerlich in seiner ganzen Ausdehnung erfüllt haben. Er betont jedoch gern, daß er ein „guter Jude" sei. Daß es in dem Jungen schon stark gegärt haben muß, und daß seine Haltung nicht mehr unzweideutig gewesen ist, beweist bereits eine Auszeichnung vom 2. Februar 1840, die von einem Gespräch mit einem Freunde berichtet: ,,. 4.. Er wollte sich ein Air geben und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sah, daß ich ganz anderer Meinung war, sattelte auch er um. Wir sprachen viel von Seelenwanderung, von Geiger und dem Judentum, und er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme . . ."