Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
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Motabilitäten der französischen Republik unterschrieben ist, suchen jetzt die in Marokko lebenden, nach Tausenden zählenden Juden um ihre Naturalisation en bloe zu französischen Staatsbürgern nach. Sie stützen sich dabei auf den Präzedenzfall der loi. Cr4mieux, welches Gesetz 20 000 algerische Juden mit einem Schlage eu dloe zu Franzosen machte. Die Petenten sprechen die Ueberzeugung aus, daß die marokkanischen J.uden nur durch eine solche generelle Naturalisierung dem fürchterlichen Zustande zu entrinnen vermöchten, indem sie sich gegenwärtig befinden. — Man darf auf die Ausnahme der Petition gespannt sein. * Der amerikanische Handelsminister N a g l hat dieser Tage einen Erlaß herausgegeben, der mit Rücksicht auf die große jüdische Auswanderung verdient, auch in jüdischen Kreisen bekanntgegeben zu werden. Laut diesem Erlasse erlangen die Kinder jener amerikanischen Einwanderer, welche das amerikanische Bürgerrecht erworben haben, gleichfalls das amerikanische Bürgerrecht von dem Momente an, da sie ihr ursprüngliches Heimatsland verlassen. Diese Verfügung ist deshalb von großer Wichtigkeit, weil besonders jüdische Familienväter oft allein nach Amerika auswandern und lassen ihre Familienmitglieder so länge in der alten Heimat zurück, bis sie sich in der Neuen Welt eine Existenz gegründet haben. Ost ist das Familienhaupt bereits im Besitze der amerikanischen Bürgerdokumente, während die Familie noch im Lande der Bedrückung weilt. Es sind nun Fälle vorgekommen, daß Mitglieder der Familie eines solchen eingewanderten Bürgers in New Bork aus irgendeinem Grunde nicht ans Land gelassen wurden, was ganze Familientragödien zur Folge hatte. Durch die neue Verfügung des Handelsministers werden' solche traurigen Fälle in Zukunft ausgeschlossen sein. In memoriam tzugll KevMSNN. ie Kinder der Armut kamen heim aus den Ferien, aus der sommerlichen Natur; indessen ist er, der sie zu Hunderten und Tausenden verschickte, selbst heimgegangen in der Blüte des Sommers und selbst noch in der Blüte seines Lebens, heimgegangen in das Land der Ewigkeit — Professor Hugo Neumann. Sein Leben verlies anscheinend, schlicht, ohne Kampf, ohne ein Sichbehauptenmüssen. Sohn einer bekannten jüdischen Patrizierfamilie, Schüler des Wilhelms-Gymnasiums, Heidelberger Student, wurde er nach absolviertem Examen Assistent am Moabiter Krankenhaus, machte Studien im Ausland und gründete nach seiner Rückkehr im armen Osten. Berlins eine Kinderpoliklinik, woraus seine bekannte Wohlfahrtsschöpfung, „Das Kinderhaus" entstand. 1893 habilitierte er an der Berliner Universität; 1907 wurde er Professor. Worin bestanden nun die Vorzüge; die ihn als einen besonderen Mann aus der Menge hervorhoben? Man kann sagen, daß die Gaben seines Verstandes, seines; Gemütes und seines Charakters gleich groß an Wert waren. Die Zahl und die Qualität seiner wissenschaftlichen Arbeiten als Arzt, Statistiker und Sozialhygieniker sind in medizinischen, politischen und sozialen Blättern gewürdigt worden, auch welch' trefflicher Lehrer und Arzt er war. Das Besondere seines Wesens war, daß er die Erträgnisse der Wissenschaft mit dem ihm eigenen sozialen Verständnis zum Besten der. Armut in Taten umsetzte, und zwar zum Besten des armen -Kindes. - - " - -1 Dieser wohlsährtige Zug in Hugo Neumann ist kein Spiel des Zufalls; er hat ihn von seinen Eltern. War doch , der Zigarrensabrikant Julius Neumann eines der eifrigsten Mitglieder der Armenkommission der Berliner jüdischen Gemeinde, ein Mann, der aus Herzensbedürfnis gab, nicht nur den Würdigen, sondern der auch für die Not des sogenannten Sünders' ein fühlendes Herz hatte! Und Julie Neumann, die Frau mit dem klaren, seinen Urteil und dem tiefen Verständnis für alles was leiden heißt, die ihren Sohn, mit dem sie bis zum letzten Tage' vereint lebte, in seinem Denken und Fühlen verstand,' so wie der Sohn seine Mutter! Sie war Jahre hindurch in der Wüisenkommission und anderen Ehrenämtern unserer jüdischen 'Gemeinde; sie steht heute noch im hohen Alter dem jüdischen Mädchenstift und dem Ko-' mitee für ChanukähbescherungeN vor. Die Armendirektion und die Waisenverwaltung Berlins schätzte und bediente sich seit vielen Jahren des Rates von Hugo Neumann, denn sein scharfer Blick war weit vorausschauen d für das was nottat; er war ein treuer Helfer in den Vorständen der Wohlfahrtsvereine und gab in seinem „Kinderhaus" ein Muster, wie. man es anstellen soll, dem armen Kinde zu helfen, von der werdenden Mutter bis zum jugendlichen Alter, dem ehelichen und unehelichen Kinde, dem kranken und gesunden, ebenso der Mutter in Leibesnot und Seelennot. Alle Arten spezialistischer Behandlung und Unterstützung jeder Art sind im Kinderhause zu finden; es hat eine Unterkunft für hilfsbedürftige Wöchnerinnen mit ihren Säuglingen, Kuren für Kinder an der See und im Gebirge werden gegeben; eine eigens von Neumann gegründete Heilstätte bei Berlin nimmt seine Pfleglinge aus; Haltestellennachweis und Belehrung aller Art für Mütter über Pflege und Erziehung, für Kinderpslegerinnen und Kinderkrankenpslegerinnen.' Cr-ließ die Mütter sparen für ihre Kinder in kleinsten Beträgen in seine Sparkasse „Spar fürs Kind", damit sie nicht' nur auf . Wohlfahrtskosten, sondern auch aus eigener Kraft ihre Kinder kleiden und ihnen Erholung gönnen konnten, und er sparte selbst für sie. — Er sorgte für sie und gönnte sich keine Rühe; sein Werktag war erfüllt mit seiner Tat; sein Sabbat- und sein Feiertag desgleichen — se i n g an z e s L e b e n w a r eine Mizwah. Fern von jeder Dogmatik war Hugo Neumann ein treuer Anhänger des Judentums, ein Vertreter der Lehre, die in den Juden ein eigenes Volk sieht; doch trat er mit seinen Ansichten, abgesehen von denen über Wohlfahrt, ungern hervor, wie die geb. 25. Oktober 1858 in Berlin, gest. daselbst 12. Z'nli 1912.