Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Me wandte Winter dem Zeitalter Friedrichs ü. Großen zu, dessen allseitigeres Verständnis er durch eine Reihe gediegener Monographien gefördert hat. Auch auf dem Gebiete der hannoverschen Pro- , vinzialgeschichte und Landeskunde hat er verdienstlich gewirkt. , Eine. durch und durch vornehme, von tiefem Gerechtigkeitsgefühl erfüllte Natur, gehörte, er zu den entschiedensten Gegnern des Antisemitismus—- des 'christlich wie, des national verbrämten — und hat dessen Gefahren in einer scharfen und treffenden Schrift eindringlich beleuchtet (1896). Politisch gehörte er dem linken Flügel der nationalliberalen Partei an, in deren Interesse er eifrig tätig war und für die er bei der Reichstagsersatzwahl in Frankfurt a. O. im September 1910 kandidierte; doch unterlag er damals dem sozialdemokratischen Gegner. Das frühe Hinscheiden des tüchtigen, charaktervollen Mannes wird in weiten Kreisen aufrichtiges Bedauern wecken. •* ■ Aus Heidelberg wird gemeldet: Von judenfeindlicher Seite wird vielfach für die Beschränkung der Zulassung russifch-jüdischer Studenten zu den deutschen Hochschulen agitiert. Zum Mundstück dieser Agitation hätte sich auch die Petersburger offiziöse „Nossija" gemacht. Die russischen Studenten an der hiesigen Universität haben sich an die Universitätslehrer mit der Bitte gewandt, sich darüber zu äußern, wieweit ihre Erfahrungen mit den ihnen ungünstigen und sie verleumdenden Angaben der Agitatoren übereinstimmen. Der derzeitige Prorektor der' Ruperta Carola v. L i l i e n t h a l und die Professoren Endemann, Schr öd er, Bütschli, Gottlieb, Ernst erklären nun, daß nach ihren Erfahrungen solche Angriffe gegen die russischen Hörer vollständig unbegründet sind.; - * Die letzte Vol kszählu n g in O esterreich (vom Jahre 1910) hat bezüglich der Juden folgende Ziffern ergeben: Die Zahl der Juden in der österreichischen Reichshälfte ist von 1900 bis 1910 von 1224 899 auf 1313687, also um 88 788 gestiegen. Die weitaus überwiegende Mehrheit wohnt in Galizien und in der Bukowina, nämlich 871895 (1900: 811371), bzw. 102 919 (1900: 96150), zusammen also in diesen beiden östlichen Teilen Zisleithaniens 974 814 gegen 911621 vor zehn Jahren, so daß die Zunahme Hier allein rund 63 000' Köpfe beträgt. Von Westösterreich befindet sich Niederösterreich an der Spitze mit 184 799 Juden gegen bloß 157 278 im Jahre 1900; die Zunahme beträgt also rund 27 000. Dann kommen Böhmen mit 85 826 (1900: 92 745, demnach um 7000 weniger), Mähren mit 41168 (1900: 44 746, also weniger um 3000) und Schlesien mit 13112 Juden gegen 1900 mit 11988. Im weiten Abstand folgen Triest mit 5498 (1900: 4954), Steiermark 2885 (2283), Tirol 1624 (1008), Oberösterreich 1216 (1280), Istrien 677 (285), Dalmatien 623 (334), Kärnten 341 (212), Görz und Gradiska 338 (295), Salzburg 285 (199), Krain 146 (145) und Vorarlberg 126 (117). Absolut genommen sind also, vom Osten abgesehen, in Niederösterreich die meisten, in Vorarlberg die wenigsten Juden. Nach dem Prozentsatz ist die Reihenfolge nachstehende: Bukowina 12,86 Prozent, Galizien 10,86 Prozent, Niederösterreich 5,23 Prozent, Triest 2,4 Prozent, Schlesien 1,77 Prozent, Mähren 1,57 Prozent, Böhmen 1,27 Prozent, Steiermark 0,2 Prozent, Tirol und Istrien je 0,17 Prozent, Oberösterreich 0,14 Prozent, Salzburg und Görz-Gradiska je 0,13 Prozent, Kärnten und Vorarlberg je 0,09 Prozent, Dalmatien 0,08 Prozent und Krain 0,03 Prozent. Die Juden haben in 14 von den 17 Königreichen zu- und nur in 3 abgenommen; es sind dies: Böhmen, Mähren und Oberösterreich. *• s Ueber den kürzlich verstorbenen Herausgeber des „Nowoje Wremja" wird dem „Berliner Tageblatt" von gut unterrichteter Seite geschrieben: Es ist bekannt, daß Alexander Suworin, der dieser Tage gestorbene russische Publizist und Begründer des. „Nowoje Wremja", am Anfang seiner publizistischen Tätigkeit liberal gerichtet war und erst im Jahre 1881, nach der Ermordung des Zaren Alexanders II., seine und seines Blattes politische Richtung änderte und ins nationalistisch-antisemitische Lager überging. Nicht bekannt oder vielleicht schon vergessen dürfte es sein, daß, als Suworin im Jahre 1876 sein Blatt begründete, ihm das dazu nötige. Geld von wohlhabenden Juden zur Verfügung gestellt wurde, die der damals ausgesprochen liberalen Gesinnung Suworins vertrauten. Und aus dem mit jüdischem'Geld in den Sattel gehobenen Liberalen wurde dann nach fünf Jahren der ärgste Reaktionär und Judenhasser Rußlands. " —., Immer, mehr stellt sich heraus-, daß die neue Untersuchung über den an dem Knaben Juschtschinski begangenen Mord eine reine Komödie ist, die nur dazu dienen soll, den Prozeß, infolge dessen der bedauernswerte Beilis schon vierzehn Monate 'gefangengehalten Wird, bis nach den Neuwahlen zur Reichsduma zu verschleppen. Der „Frankfurter Zeitung" wird hierüber aus Petersburg geschrieben: Kenner der Verhältnisse waren schon bei der Ernennung des neuen Untersuchungsrichters Maschkewitsch über diese Absicht der Kiewer Gerichtsbehörden nicht im . unklaren. Der neue Richter hat 'schön früher mit dem Staatsanwalt Schtschaplinski in Odessa einen Rituälmordprozeß einzuleiten versucht und erfreut sich des. persönlichen Vertrauens dieses Hauptvertreters der unheilvollen Anklage. Die Verhaftung des früheren Polizeibeamten Krassowski mußte auch weiteren Kreisen die Augen öffnen. Sie erfolgte wegen eines angeblich vor Jahren begangenen Amtsvergehens, wie es sich wohl aus den Akten eines großen Teils der russischen Pölizeibeamten konstruieren läßt. Die Umstände dieses Vergehens waren natürlich dem Staatsanwalt, der jetzt deswegen Anklage erhebt, schon damals bekannt, als er Krassowski mit der Voruntersuchung über den Fall Juschtschinski betraute. Erst als deren Ergebnisse nicht mit seinen Wünschen übereinstimmten> verlor er das Vertrauen zu dem Polizeibeamten. Daß dies unmittelbar der Grund zur Einleitung des Verfahrens gegen Krassowski war, hat der Staatsanwalt selber in einem unbedachten Augenblicke zugegeben, als er zur Frau des Angeklagten, die ihn um vorläufige Freilassung ihres Gatten bat, sagte, daran sei nicht zu denken, denn er selber, Schtschaplinski, habe beinahe durch Krassowski seine Stellung verloren! Vorerst dürste dieser Strafprozeß, der ohne Mitwirkung von Geschworenen zur Aburteilung kommt, erledigt werden, damit der wichtigste Urheber der Eingabe, die zu der neuen Untersuchung geführt hat, moralisch geschädigt wird. Inzwischen denkt man, wie ich aus zuverlässiger Quelle vernehme, nicht daran, Beilis freizulassen. (Das Kiewer Gericht hat inzwischen, wie bereits telegraphisch mitgeteilt, seine Haftentlassung abgelehnt. Die Red.). Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen zwar in allen wesentlichen Punkten die Darstellung Brasul- Bruschkowskis. Erst in den letzten Tagen hat z. B. die Frau Diakonawa, die Nachbarin der W.era Tscheberjak, eine Hauptzeugin, unter je zwölf Häftlingen zwei der von Bruschkowski angegebenen Teilnehmer am Morde erkannt, die sie seinerzeit in die Wohnung ihrer Nachbarin gehen sah. Das hindert aber den Untersuchungsrichter nicht, seine Tätigkeit so zu führen, daß die Vernichtung der Ergebnisse der privaten Nachforschungen herauskommen solll Nur mit großer Mühe konnte einer der vernommenen Zeugen, Fürst Karajew, es durchsetzen, daß der Untersuchungsrichter folgende Tatsache in die Akten aufnahm. Der Fürst selber hörte von der Tscheberjak, der mutmaßlichen Anstifterin des Mordes, daß der "Staatsanwalt Schtschaplinski sie aufgefordert hat, gegen Brasul-Bruschkowski, Krasfowski und alle Kiewer Zeitungen Verleumdungsklage zu erheben. — Der Staatsanwalt macht gar kein Hehl daraus, daß ihm die Schuld oder Unschuld Beilis^ vollkommen gleichgültig ist; wenn die Geschworenen ihn freisprechen, so bleibt immer noch der Ausweg offen, dies mit der in allen Ländern häufigen Milde der Volksrichter zu erklären. Man muß also leider, wenn nicht aus Petersburg neue Weisungen erteilt werden sollten, damit rechne— daß im Spätherbst ein russisches Gericht der Welt das Schauspiel eines Mordprozesses Hibt, bei dem der einzige Verdachtspunkt gegen den Angeklagten die Legende der Blutzeremonien der jüdischen Passahfeier bildet. Unter der Überschrift „MarokkanischeJuden als französische Bürger", berichten auswärtige Blätter: Durch eine Masfenpetition, welche von allen Rabbinern Frankreichs und der Kolonien sowie von zahlreichen jüdischen