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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-11 · Heft 37 (11.9.1912) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 37 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
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435 stellen: Wächter! Ist schon viel von der Nacht verflossen? ergeht die Antwort: Noch ist es Nacht, aber der Morgen kommt'). Halten wir fest an den erhabenen Lehren, die der Neujahrstag uns bietet, so zerstreuen sich von selbst die düsteren Wolken, die den . ersehnten Freiheitsmorgen noch umhüllen, und wir kommen immer näher der Zeit, von der ein alter Lehrer in Israel sagtet: biünb y»fcrnp 1^3 p^3 Im Monat Nissan ist Israel aus dem Druck der ägyptischen Finsternis erlöst worden, der Monat Tischri wird die künftige Erlösung herbeiführen. Dir Woche. Berlin, 9. September 1912. eber die Sitzung des Zentralkomitees der zionistischen Organisation, die vom 1. bis zum 4. September hier stattgefunden hat und zu der 65 Mitglieder aus dem In- und Auslande erschienen waren, erhalten wir nachstehenden Bericht: Sonntag, den 1. September, wurde in dem neuen Logenhaus des Bne-Brith-Ordens zu Berlin die Sitzung des Zentralkomitees der zionistischen Organisation durch den Vorsitzenden des Aktionskomitees, Professor. Dr. O. Marburg, Berlin, eröffnet. Er gab in seiner Eröffnungsrede einen allgemeinen Ueberblick über die Lage der zionistischen Bewegung und die Arbeiten des letzten Jahres. In politischer Beziehung bewegte sich die Arbeit in den von den letzten Kongressen vorgeschriebenen Richtlinien, und sie bleibt aufs engste verbunden mit der fortschreitenden Entwicklung des osmanischen Reiches. In Palästina selbst schreitet die Arbeit ständig vorwärts, so daß die Leitung mit Befriedigung auf das abgelaufene Jahr zurückblicken kann. Herr Dr. Victor Jacobson aus Konstantinopel schilderte die allgemeine Lage in der Türkei, wie sie sich unter dem Einfluß detz Krieges und der inneren Verwicklungen gestaltet hat. Der Redner führte aus, die zionistische Bewegung müsse die Türkei davon zu überzeugen suchen, daß ein so menschenarmes und auf Jahrzehnte im wesentlichen aus Agrikultur angewiesenes Land wie Palästina nur durch eine starke Einwanderung sich wirtschaftlich entwickeln könne, und daß hierfür die Juden das geeignetste Menschenmaterial darstellen. Herr Sokolow beleuchtete die allgemeinen Grundsätze der Zionistischen Politik, die nicht einseitig seien, sondern alle Machtfaktoren berücksichtigen und sich das Wohlwollen der gesamten Oefsentlichkeit und aller maßgebenden Kreise erobern" müßten. Im Anschluß an einen Bericht des Herrn Professors Marburg, speziell über die Tätigkeit der zionistischen Organisation in Palästina, entwickelte nun Herr Richard L i ch t h e i m, Berlin, die prinzipiellen Gesichtspunkte der Zionistischen Palästinapolitik. Danach sei die unermüdliche Arbeit in Palästina die wichtigste Voraussetzung für alle politischen Erfolge sowie für den Fortschritt der zionistischen Bewegung überhaupt. - In der Nachmittagssitzung vom Sonntag referierte Dr. Tschlenow, Moskau, über die Beobachtungen und Eindrücke, die er auf seiner kürzlich unternommenen Palästinareise gesammelt hat. Herr Jakobus Kann, Haag, kritisierte in längeren Ausführungen die palästinensischen Unternehmungen, die aus Anregung von Professor Marburg begründet worden seien, nach seiner Ansicht aber nicht richtig verwaltet würden. Insbesondere griff der Redner die Berichte über die Geschäftsführung der Kunstgewerbeschule Bezalel in Jerusalem an. Herr H o o s i e n , Köln und Dr. H. G. H e y m a n n Berlin, widerlegten in sehr entschiedener Weise die von Herrn Kann erhobenen Angriffe. Auch das Mitglied des engeren Aktionskomitees, Dr. Schemarja Lewin, Berlin, wandte sich in sehr scharfer und wirkungsvoller Weise gegen den Geist, von dem die Kritik der palästinensischen Arbeiten getragen sei. Der Bezalel sei kein rein geschäftliches Unternehmen. Wenn ein Mann wie Nathan Strauß aus Amerika, der erst unter den Eindrücken seiner Palästinareise Zionist geworden sei, für den Bezalel 60 000 Frank gespendet hat, so wolle er damit A) -Ebenda 21, 11—12. 2) Rosch haschana 11a. gar keine geschäftlichen Erfolge erzielen, sondern nur mit dazu helfen, daß in Jerusalem 500 jüdische Familien sich redlich von ihrer Hände Arbeit nähren, wie dies schon jetzt der Fall sei. Kaplansky-Kaplan, Wien, der Führer der zionistischen Arbeiterpartei Poale-Zion, erörterte in einem gründlichen Referate eine Reihe kolonisatorischer Probleme, auf die er bei seinem jüngsten dreimonatigen Aufenthalt in den jüdischen Kolonien Palästinas gestoßen ist. Er fordert für die Jerusalemer Kunstgewerbeschule Bezalel, die sich zu einem großen Fäbrikbetrieb ausgewachsen habe, die Einführung einer Arbeitsordnung sowie die Errichtung von Filialen in Safed und Liberias, damit auch die dortige arme jüdische Bevölkerung in produktive Berufe übergeführt werde. Am Sonntag nachmittag fand ferner eine Sitzung des Großen Aktionskomitees statt, in der laufende Angelegenheiten besprochen wurden. Am Montag, den 2. September, wurde die Generaldebatte fortgesetzt, worauf Dr. Arthur Hantke, Berlin, über Organisation, Propaganda, Finanzen und Budget berichtete. An das Referat Dr. Hantkes schloß sich die Budgetdebatte, zu der zunächst Herr Wolffsohn sprach. Das Budget wurde in Höhe von 193 000 Mark genehmigt und dem E. A. C. Entlastung erteilt. Für das abgelaufene Rechnungsjahr balancieren Einnahmen und .Ausgaben, so daß die für den Bankkredit geleisteten Garantien nicht in Anspruch genommen werden. Für das neue Rechnungsjahr stellt der I. C. T. gegen eine persönliche Garantie von 15 Gesinnungsgenossen einen Kredit von 100 000 Mark zur Verfügung. In der Dienstagsitzung wurde die Debatte über die einzelnen Referate fortgesetzt. Am Nachmittag fand die Generalversammlung sowie eine Aufsichtsrats-sitzung des. I. C. T. statt. In der Mittwochvorunttagsitzung erstattete Dr. Schemarja Lewin fein Referat über die kulturelle Tätigkeit in Palästina. Er würdigte insbesondere die Leistungen des Hebräischen Lehrerverbandes, namentlich, die von diesem Verbände eingerichteten Ferienkurse. Zum Schluß verlas er unter lebhafter Aufmerksamkeit ein Schreiben des Herrn Feldstein, in dem derselbe die Schaffung eines Instituts für hebräische Sprache und hebräisches Schulwesen in Palästina vorschlägt und für diesen Zweck den Betrag von 40 000 Frank sowie 2000 Frank für die Vorarbeiten spendet. — Diese Mitteilung rief stürmische Beifallskundgebungen hervor, und der Vorsitzende Dr. Hantke sprach Herrn Feldstein den Dank der Versammlung für seine hochherzige Stiftung aus. In der Mittwochnachmittagsitzung wurde auf Antrag des A. C. nach kurzer Debatte beschlossen, den XI. Kongreß Ende August 1913 in Wien abzuhalten. In Magdeburg ist am 1. d. M. der Direktor des dortigen Staatsarchivs, Geh. Archivrat Dr. Carl Georg Winter, im Alter von 56 Jahren gestorben. Ueber den Lebenslauf dieses edlen Mannes, der Mitbegründer des Vereins zur Abwehr. des Antisemitismus war, entnehmen wir der „Voss. Ztg." folgende Notizen: Der Dahingeschiedene, der politisch und literarisch vielfach hervorgetreten ist, stammte aus Breslau. Auf dem Elisabeth-Gymnasium feiner Vaterstadt vorgebildet, widmete er sich dort dem Studium der Geschichte, das er später in Berlin unter Leopold v. Rankes Leitung fortsetzte/ Er schloß sich eng an den berühmten Historiker an und stand ihm, ähnlich wie sein Studiengenosse Jastrow, mehrere Semester hindurch als Amannensis und Hilfsarbeiter bei den Vorarbeiten zu Rankes Alterswerk, der „Weltgeschichte", zur Seite. Nachdem er 1878 in Göttingen mit einer Studie über die Geschichte der Straßburger Natsversassung promoviert, trat er in den Dienst der preußischen Archivverwaltung, bei der er nach Verwendung an verschiedenen Stellen 1895 zum Direktor des Staatsarchivs in Osnabrück ausrückte, eine Stellung, die er 1906 mit der entsprechenden in Magdeburg vertauschte. Ein überaus eifriger und gewissenhafter Beamter, hat Winter noch Zeit gefunden, eine Reihe von Werken zur mittleren und neueren deutschen Geschichte zu veröffentlichen, die fast durchweg verdiente Anerkennung bei der Fachkritik fand und ihm einen geachteten Platz in der historischen. Wissenschaft sichern. Hervorzuheben sind: „Deutsche Geschichte im Zeitalter der Hohenstaufen" (mit Jastrow), „Hans Joachim v. Zieten" (2 Bde. 1886), „Geschichte des dreißigjährigen Krieges" (1893). Besonderes Inter-

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