Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
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erhielt, im Zeichen der Wage stehtl * 3 4), auch zu einem p-n DIS zu einem Gerichtstage erhoben wurde, aber, wie unsere Weisen sinnig bemerken, zu einem sN DT, zu einem Tage des Gerichtes, an dem die ewige Liebe Gottes waltet-). Gewiß aber ist es, daß XTD3 '’TttfnD, daß an jenem Tischri für Israel eine neue Geisteswelt entstanden ist, in der auf Grund alter Ueberlieferungen eine durch die Zeitverhältnisse gebotene Umgestaltung und Fortbildung des religiösen Lebens begonnen hat. Das Heiligtum mit Altar und Opserkuli trat gewissermaßen in den Hintergrund, man legte das Hauptgewicht auf die Verbreitung und Kultivierung der Thora, die das Gemeingut des gesamten Volkes werden sollte, und man hauchte alten verblaßten Erinnerungen eine neue Seele ein, um die Sabbate und Feste des Jahres, die ursprünglich vielleicht nur der körperlichen Erholung gewidmet waren, zu Tagen religiöser Weihe und sittlicher Erhebung auszugestalten, zu Tagen der Würdigung und Heiligung des Lebens, das in Gott, dem Quell und Ursprung alles Lebens, seinen Beschützer und Erlöser suchen und finden soll. Das bekundet vorwiegend unser Neujahrsfest, das 'in der alten Liturgie niemals rwn t^KT, sondern immer ]T-d?.T DT „Tag der Erinnerung" genannt wird. Für die Bestimmung des ersten Tischri zum Jahresanfang war eben nicht so leicht in der Heiligen Schrift ein sicherer Anhaltspunkt zu finden. Da mußte erst nach mannigfachen Kontroversen und Disputationen, ob nicht das Jahr ebenso wie die Monate mit dem ersten Nissan seinen Anfang nehmen solle, das Psalmwört „Blaset am Neumond den Schophar, am M o n a t s b e g i n n unseres Festes" herangezogen werden, um daraus zu folgern: „Welches Fest ist es denn, das mit dem Monatsbeginn zusammenfällt? Es ist Nosch haschana""). Leichter aber war es, den ersten Tag des siebenten Monats als Erinnerungstag zu bezeichnen, denn an Erinnerungen ernster und erhebender Natur hatte es in Israel nicht gefehlt. Dabei ging man auf die älteste Zeit zurück, um vermutlich dadurch zu dokumentieren, daß die in der Thora enthaltenen Mitteilungen über die Geschichte des jüdischen Stammes, der Erzväter, der Wanderung nach und des Auszuges aus Aegypten, der Gesetzgebung am Sinai und der vierzigjährigen Wanderung durch die Wüste keine dichterischen Erfindungen einer späteren Zeit, sondern auf Wirklichkeit beruhende alte Begebenheiten seien. Dieser Gedanke bildet den- Grundton der für den ersten Tag des siebenten Monats verfaßten Liturgie, die in ihren Hauptbestandteilen sicherlich von den „Männern der großen Versammlung" herrührt'), die das, was die Propheten angebahnt hatten, der Vollendung entgegenzuführen .suchten. Esra und seine Zeit- und Gesinnungsgenossen, die Israel seine alte Lehre aufs neue offenbart hatten, suchten und fanden in dieser Spuren und Merkmals wichtiger Vorkommnisse, die sie der feierlichen Ausgestaltung des Tages, mit dem für das Judentum eine neue Aera angebrochen war, zugründe legten und in eine Form kleideten, die Licht unb Leben verbreitend auch den spätesten Geschlechtern zum Segen und zum Heile diente. Um ihren Zeitgenossen kundzutun, daß der Pentateuch, die Propheten und die Hagivgraphen eine geschlossene Einheit bilden"), bestimmten sie bei der gottesdienstlichen Feier des Neujahrsfestes die wesentlichsten Momente der nunmehr sanktionierten Väterlehre vorzutragen, die zugleich auch der Außenwelt verkünden sollen, daß der Gott Israels, der *) Jackut Schinwni, Emor; Tauchuma, Haasinu. 2) Siehe Nachmani zu Levit. 23, 24. 3) Nosch haschcnia 8a. ') Berachoth 3-3a; Mischna Nosch haschana 4, 5—6; einige bedeutsame Einschaltungen für das Musfafgebct rühren von Nab her, der im vierten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung gelebt hat. 5) Nosch haschana 32a. allein der Schöpfer und Herr der Welt ist und sie in seinem unerforschlichen Willen nach ewigem Gesetzen regiert (DTD^D), der Menschheit und aller seiner Geschöpfe stets in Liebe und Erbarmen gedenkt (TnTTDf), und daß seine unter dem Beben der in Vlitzflammen getauchten zitternden Kreatur bei Donnergetöse und Schopharhall (rvnsHP) offenbarte Lehre dereinst das Gemeingut, der gesamten Menschheit sein wird. Damit verliehen sie dem.Neujahrsfeste nicht nur einen universalistischen Charakter, auf den wir mit berechtigtem Stolz Hinweisen dürfen, sondern sie gestalteten zugleich diesen Tag zu einem unversiegbaren Heilsquell, aus dein Israel auch in den allertrübesten Zeiten des verwilderten Mittelalters frische Lebenskraft und neue Hoffnung für die Zukunft schöpfte. Darum lehren unsere Weisen: „Sprechet am Neujahrstage vor Gott das Gebet, das seiner Weltregierung huldigt, damit ihr ihn alle Tage aufs neue zum König und Herrn eures Lebens macht; fahret fort mit dem Erinnerungsgebet, auf daß ihr wisset und erkennet, daß Gott euer stets in Liebe gedenkt, und schließet daran das Schophargebet, damit ihr die Menschenfreiheit und Völkerfrieden verkündende Gotteslehre zur Richtschnur eurer Gesinnungen und Handlungen machet*)." Hierair anknüpfend bemerkt der Midrasch mit Bezugnahme auf die alte Vorschrift, am ersten Tage des siebenten Monats den Schophar ertönen zu lassen, sehr sinnig: Als Abraham, um seine in Geistesfinsternis wandelnden Zeitgenossen zu belehren, daß Gott keine Kindervpser verlange-), an Stelle seines Sohnes Isaak den Widder als Opfer darbringen wollte, hatte er große Mühe, diesen einzufangen, da er auf dem Gipfel des Berges von einem Dickicht in das andere flüchtete. Da sprach Gott zu Abraham: Merk auf! Wie du dem unschuldigen Widder nachstslltest, so wird man dereinst deinen Nachkommen unverschuldet nachstellen. Ueber der ganzen Erde zerstreut und in Leiden, eingeengt werden sie, wie dieser Widder von Dickicht zu Dickicht, von Land zu Land und von Volk zu Volk flüchten und erst dann Ruhe finden, wenn aus dem Horn des Widders der Schopharton der Freiheit und Erlösung erschallen und die ganze Menschheit mich als den alleinigen Gott und König anerkennen wird"). Es erübrigt sich, diesem Midraschwort eine Erläuterung folgen zu lassen, denn was es sagen will, ist nicht schwer zu erraten. Es zeichnet mit wenigen feinen Strichen nicht nur Israels tausendjährige Leidensgeschichte, sondern es gibt auch die Gefühle und Empfindungen wieder, die, allmählich zu Hoffnungen verdichtet, die früher oder später in Erfüllung gehen werden, in den herrlichen Gebeten des Neujahrs- und Versöhnungstages in so beredter Wbise zum Ausdruck kommen. Freilich ist die Glück und Frieden verheißende -Zeit des Malchut Schaddai, des „Gottesreiches" noch in weiter Ferne; freilich ruft der Jahresbeginn als Jom hasikaron noch immer Erinnerungen in uns wach, die bei der Wahrnehmung der immer mehr um sich greifenden inneren Zerklüftung und äußeren Anfeindung uns eher Niederdrücken als erheben und die Menschenrecht und Geistesfreiheit verkündenden Schophartöne in Kriegsblasen und Angstansbrüche verwandeln. Allein wir verzagen nicht, sondern schreiten unbeirrt auf dem Wege fort, den unsere Propheten und Lehrer uns vorgezeichnet und auf dem uns die alte, aber noch immer leserliche Inschrift entgegenleuchtet: Durch Besonnenheit und Ruhe wird euch geholfen, durch unerschütterliches Vertrauen gewinnt ihr Stärke'). An alle diejenigen aber, die von schmerzlichen Erinnerungen, überwältigt am Beginn des Jahres bangenden Herzens die Frage I Nosch haschana 15a. -’) Taanith 4a. 3) Lovit Nabba C. 29. 4) Jesaia 30, 15.