Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229052--68766-3281042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
76. Jahrgang Nr. 36 Berlin, 6. September 1912 Der Gemetndebote. Vellage zur „Zkllgemetnrn ^rtruiig üe^ IudenrnmK". lkorrrkpandenHM und Nachrichten. Deutschland. 3^;-^ Berlin, 3. September. Gegenüber der auch von uns wiedergegebenen Meldung, daß die Heranziehung von Juden zu Grubenarbeitern sich, nicht bewährt habe, da die Arbeit den jüdischen Arbeitern Zu schwer sei, schreibt die „Kattvwitzer Ztg.": „Die Vermittlung der jüdischen Bergarbeiter geschieht, wie zunächst bemerkt sei, durch das jüdische Arbeitsamt in Kattowitz, das kein Erwerbsinstitut ist, sondern eine Wohltätigkeitseinrichtung darstellt, denn es werden weder von den Arbeitern noch von den Verwaltungen sür die Vermittlung irgendwelche Gebühren bezahlt. Im Gegenteil, an Hilfsbedürftige werden Reise- und sonstige Vorschüsse und Unterstützungen geleistet. Die Nachfrage nach jüdischen Bergarbeitern hält an, weil die Arbeitsleistungen dieser Arbeiter durchaus nicht so gering sind, wie es vielfach hingestellt wird. So arbeiten gegenwärtig beispielsweise jüdische Bergleute auf der Laurahütter Grube 25, aus Emanuelssegen-Grube 15 Mann unter Tage, auf den Gruben der Hohenlohewerke 30 Mann seit zwei Monaten, und die Verwaltung ist, wie man uns mitteilt, mit ihnen zufrieden. Was die Myslowitzgrübe anbelangt, aus der die jüdischen Bergarbeiter vollständig versagt haben sollen, so liegt dort die Sache so, daß 45 Leute aus Lodz dort angenommen wurden, davon haben 30 Leute die Arbeit wieder aufgegeben, angeblich, weil sie von Lodz aus über ihre Tätigkeit nicht genügend aufgeklärt worden sind. Gegenwärtig liegen bei dem jüdischen Arbeitsamt in Kattowitz Aufträge vor, für die Charlottegrube in Czernitz sowie sür die Gruben der Hohelohewerke Bergleute anznwerben, die das Arbeitsamt aus Galizien zu vermitteln gedenkt. Die jüdische Arbeiterzentrale in Kattowitz ist bemüht, nur gute Arbeiter zu vermitteln, und es ist ihr auch gelungen, für die jüdischen Bergleute, die im Interesse ihrer Religion liegenden Vergünstigungen bei der Verwaltung durchzusetzen. So brauchen sie am Sabbat nicht zu arbeiten; dagegen sind sie gern bereit, nach Schluß des Sabbats in der Nacht vom Samstag zum Sonntag zu arbeiten. Strenggläubige jüdische Arbeiter erhalten auch rituelle Küche." J. T. Berlin, 3. September. Nach dreißigjährigem Bemühen ist es den Freunden der j ü d i s ch e n K o l o n i s a t i o n P a l ä st i n a s gelungen, im heiligen Lande 34 Ansiedlungen zu begründen, in denen 8000 russische Glaubensbrüder in Ruhe und Frieden und vom Judenhaß völlig verschont, sich dem gesunden und ehrenvollen Erwerb als Landarbeiter widmen. Nebst den 8000 Kolonisten werden in den jüdischen Ansiedlungen ebensoviele arabische Arbeiter beschäftigt. Durch deren Ersatz durch jüdische könnten weitere Tausende jüdische Familien als Landarbeiter in Palästina untergebracht werden. Bedauerlicherweise sind alle Versuche, Juden als einfache Landarbeiter in den Kolonien unterzubringen, bisher wenig erfolgreich geblieben. In erster Reihe vermögen diese sich nicht 'gegen die Konkurrenz der Araber zu wehren, die, absolut bedürfnislos, um jeden Preis arbeiten. Des ferneren fehlte es sür jüdische Arbeiter, die doch dauernd in den Kolonien verbleiben sollen und auch verbleiben müssen, an geeigneten Wohnstätten. Endlich bieten die jüdischen Kolonien etwa nur sieben Monate im Jahr dauernd Arbeit, so daß die Landarbeiter in den erzwungenen Mußemonaten alle ihre eventuellen Ersparnisse aufzuzehren pflegten. Vor ewta 3 Jahren glaubte der Beliner Verein „Esra" ein Mittel gesunden' zu haben, allen diesen Schwierigkeiten zu begegnen. Zunächst wurden mit einem Kostenaufwand von nur 13 000 Frank etwa 1000 Juden aus dem Jemen (Südarabien) nach Palästina verpflanzt und in den jüdischen Kolonien als Landarbeiter untergebracht. Die Jemeniten sind womöglich noch bedürfnisloser als selbst die Araber und vortrefflich geeignet, sie zu ersetzen. Das zionistische Aktionskomitee hat es seinerseits übernommen, sür sie kleine Häuschen zu erbauen. Hierdurch konnten die Kolonien auf einmal mit 250 jüdischen Arbeitern versehen werden, wobei die gesamte landwirtschaftliche Bevölkerung Palästinas gleichzeitig um ganze 15 Prozent gestiegen ist. Freilich sind die Jemeniten keineswegs geeignet, in Palästina als Kulturträger zu wirken. Als solche können nur die gebildeten, tatkräftigen und vom jüdischen Bewußtsein tief durchdrungenen Osteuropäischen Juden gelten. Aus diesem Grunde ist der Verein „Esra" bemüht, hauptsächlich die Kolonien mit jüdischen Landarbeitern aus Rußland zu versehen. Zu diesem Zwecke hat er bereits vor drei Jabreu beschlossen, zwölf Arbeiter in Kufr-Saba (vier Stunden nördlich von Jaffa) und 25 in der 4000 Hektar umfassenden Kolonie Chedereh unterzubringen. Letztgenannte Änsiedlung hat wegen ihres bedeptenden Umfanges wie auch ihres sür alle landwirtschaftlichen Zwecke vorzüglich geeigneten Bodens eine große Zukunft. Leider lassen die Gesundheitsverhältnisse daselbst, wenn auch in fortschreitender Besserung begriffen, immer noch manches zu wünschen übrig. Der Verein „Esra" mußte zur Sanierung von Chedereh eine Wasserleitung nebst Krankenstation errichten und zu diesem Zwecke 30 000 Frank ausgeben. Nach Erledigung aller nötigen Vorarbeiten, zu denen in erster Reihe die Erlangung der behördlichen Genehmigungen gezählt werden muß, konnte zum Bau der zwölf Häuser in Kufr-Saba, der Wasserleitung und .Krankenstation sowie der'ersten zehn Häuser in Chedereh geschritten werden. Die Häuschen, bestehend aus zwei Zimmern und Küche, kosten je 1600 Frank und müssen von den Inhabern in zwanzig Jahresraten Zurückgezahlt werden. Daneben erhält jeder angesiedelte Arbeiter etwa zehn Morgen Land zum Anlegen eines Gemüsegartens und einer Mandelpflanzung. Letztere umfaßt acht Morgen und dürfte der: Arbeitern etwa 600 Frank jährlich einbringeu. So erhält jeder Arbeiter nebst dauernder Beschäftigung in einer jüdischen Kolonie noch die Möglichkeit, während der arbeitslosen Monate seine Zeit nutzbringend zu verwenden, durch Fleiß und Ausdauer sein kleines Besitztum auszustatten und zu einem bescheidenen Wohlstand zu gelangen. W. Berlin, 3. September. In diesen Tagen wird das Altersh e i m vollendet, das der seit neun Jahren bestehende Hilssverein sür die jüdischen T a u b st u m m e n in Deutschland sür hundert Insassen in Niederschönhausen unter einem Kostenaufwande von 200 000 Mark errichtet. Das geräumige Gebäude, das ein weiter Obstgarten umgibt, entspricht in hygienischer und künstlerischer Hinsicht allen Anforderungen der Jetztzeit und reiht sich allen Wohlfahrtseinrichtungen der deutschen Judenheit würdig an. Die feierliche Weihe des Hauses wird in etwa vier Wochen stattfinden. Kommenden Sonntag, den 8., erfogt die Einweihung der Anstaltssynagoge, damit bereits an den hohen Feiertagen Gottesdienste stattfinden können, und zwar nicht nur sür die Insassen, sondern für alle jüdischen Taubstummen in Groß-Berlin. Der bisherige verdienstvolle Inspektor des Heims, Herr Lehrer Hugo Metz, verläßt am 1. Oktober seinen Dienst bei der Jüdischen Gemeinde, um sich ganz der Leitung des Altersheims und der regelmäßigen Gottesdienste für die Taubstummen zu widmen. Herr Metz hat sich der großen Mühe unterzogen, die Taubstummensprache zu erlernen, um an allen Feiertagen und - jeden zweiten Sabbat sür die Taubstummen predigen zu können. §£!>' Berlin, 3. September. Unter der Mitwirkung des Jüdischen I u g e n d b u n d e s und dessen Ruderabteilung I v r i a, des Herzlklubs, der Vereine jüdischer Studenten, der Verbindung H a s m o - naea, des I. f. T. u. S. usw. veranstaltet der Bar Kochba ein großes Spvrtmeeting, das allgemeines Interesse heischen dürfte. Besonders heiß wird der Kamps, der Stafettenlauf, der Mannschaften der jüdischen Jugendvereine werden. In dem Vereinsleben Berlins wird ■ durch das jährlich wiederkehrende Sportmeeting für die jüdische Jugend eine neue Attraktion gewonnen. Die Jugend zu kräftigen, die großstädtische Jugend Physisch zu regenerieren, ist sicherlich ein Gedanke, der immer neue Freunde und Vorkämpfer finden wird. Das Meeting sindet auf dem herrlich gelegenen Sportplatz des B. K. in Schulzendorf (Abfahrt Stettiner Bahnhof 1.25, 2.25) 3.25) statt. Der Sportplatz ist auch zu Fuß in dreiviertel Stunde, von Tegel zu erreichen. W. Aus der Provinz Posen, im August. Posen. Die Maschinenfabrik Gebrüder Lesser hat in dankenswerter Weise der Stadt zehn Promenadenbänke, die in den öffentlichen Anlagen hinter dem Kaiser- Friedrich-Denkmal zur Aufstellung gelangt sind, geschenkt. — Unter