Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ein Malertalent in sich entdeckt haben will, aber schließlich zum Bnminler herabsinkt nnb entflieht nach ihrer Heimat zu einem ungewissen Leben. So bietet der Noman keinen Abschluß, denn der Leser erfährt durchaus nicht, was aus der Heldin wird oder werden soll. Für einen derartigen Lebensausschnitt ist ein Noman von 400 Seiten zu lang. Leider kann man auch nicht sagen, daß der Leser über das verfehlte Ganze durch Einzelheiten entschädigt wird. Zwar ist der Haushalt eines ungebildeten Grvßkaufmauns, der eigene Vater, die Mutter, die die Kinder verhätschelt, die Schwestern,- die der Sängerin ihr sogenanntes Glück beneiden, die trunksüchtige Haushälterin und anderes ganz gut beobachtet; auch das Milieu der Kunst-- beflissenen, sowohl der zu Ehren gekommenen, als auch der sich' groß Dünkenden, die nichts erreichen können, wird ganz amüsant dargestellt. Einen Lichtblick in der ganzen Erzählung bietet die Schilderung des Zusammenlebens der Heldin mit dem Schwindsüchtigen und dessen Mutter. Aber dem Ganzen fehlt es an einer rechten und straffen Einheit. Das Mädchen selbst mit ihrem Lebens- und Genußhunger bleibt dem Leser unverständlich, wird ihm jedenfalls nicht sympathisch. Der Noman ist ein jüdischer, weil er — die Künstler und die Geliebten der Heldin abgerechnet — durchaus in jüdischen Kreisen spielt. Und doch möchte man wünschen, mit allen diesen Menschen keine Gemeinschaft zu haben. Sie sind zumeist höchst widrig und auch künstlerisch in keiner Weise so gestaltet, daß man bei der Lektüre dieser Schilderungen einen ästhetischen Genuß erlangt. L. G. # — Interessante K r i m i n a l p r o z es s e von kulturh i st o r i s ch e r Bedeut n n g. Darstellung merkwürdiger Strafrechtsfälle aus Gegenwart und Jüngstvergangenheit. Nach eigenen Erlebnissen von Hugo Friedländer. Eingeleitet von Justizrat Dr. Sello, Berlin. VII. Berlin W, Hermann Barsdorf, Verlag. 1912. Zn dem vorliegenden Band der interessanten, schon häufig besprvche-uen Sammlung ist das zweite, ziemlich ausführliche Stück, etwa ein Siebentel des ganzen Bandes, dem Danziger Nitualmordprozeß aus dem Jahre 1885 gewidmet. Der eigentlichen Erzählung geht eine Darstellung des Nitualmordmärchens und mannigfacher früherer, ähnlicher Prozesse voran. In dem hier erzählten handelt es sich um die Ermordung des 14jährigen Ouophrins Cybulla aus Skurez, dessen Leiche am 22. Januar 1884 von einem Bauern gefunden wurde. Der Verdacht der Ermordung lenkte sich auf verschiedene Juden; schließlich wurde der Fleischermeister Behrent verdächtigt. Die Anklage des Mordes wurde wider ihn erhoben, der Staatsanwalt beantragte, ihn des Mordes, bzw. des Totschlages für schuldig zu erklären, der Angeklagte wurde aber sreigesprvchen. Der rätselhafte Mord, bei dem in den abergläubischen Vorstellungen der unteren Volksklassen das Märchen vom Ritualmord mitspielte, ist bis heute nicht aufgeklärt worden. Die Darstellung dieser sehr interessanten, traurigen Geschichte ist lebhaft und ungemein geschickt. Die übrigen, nicht minder interessanten Beiträge dieses Bandes haben für die Zwecke, die unsere Zeitung verfolgt, kein besonderes Interesse. L. G. * ----- Der Zusammenbruch des Vatikans. Von Josef Sonntag. Frankfurt a. M. 1912. Neuer Frankfurter Verlag. G. m. b. H. Der Zusammenbruch des Vatikans. Die Herren Propheten machen sich die Sache wirklich sehr leicht. Wie oft ist namentlich auch in den jüngsten Tagen von dem Ende oder dem Untergang des Judentums geredet worden. Ebenso ertönen seit Jahrhunderten Prophezeiungen über den Untergang oder das Aufhören des Papstes. Der sehr naive Verfasser unseres Schriftchens meint, die Unsittlichkeit einzelner italienischer Pfaffen bedeute oder kündige an das Aufhören der - Priesterherrschaft. Hat er denn wirklich die italienischen Novellen und Chroniken von Boccaccio und Säcchetti an bis zum Ende des 16. Jahrhunderts nicht gelesen? Dagegen erscheinen die Scandalosa, die hier im zehnten Kapitel zusammengestellt sind» als harmlose Anekdoten. Solange das Zentrum die herrschende Partei in Deutschland ist, und das bleibt sie auch nach diesen Wahlen, wenn man die Sozialdemokraten ausnimmt, kann trotz der Losreißung Frankreichs und Portugals, trotz des Wankens päpstlicher Autorität in Spanien und trotz der Irreligiosität und der Abneigung gegen die weltliche Herrschaft in Italien von einem Zusammenbruch des So wenig der wirklich cnnaeklärtc Rcligi'usirennd es begreifen k.inn, daß nicht nur die Massen, sondern auch die gebildeten Katholiken an dem P'apst fest- - hallen — unsere WüußUe nnb Hoffnungen bedeuten nichts oder herzlich wenig gegen eine Macht, die nun beinahe zwei Jahrtausende hindurch besteht. Ob wir als Juden überhaupt wünschen müssen, daß das Papsttum anfhöre? Nicht nur die Erwägung, daß die Juden es manchmal unter den Päpsten sehr gut hatten, hindert uns daran, sondern auch die Erwägung, daß einer festgefügten Institution gegenüber der Kampf leichter ist, als gegen eine Menge ohne Haupt und Führer. L. G. * — Die soziale Frage und ihre Lösung von B. P o l - l a k, Buchbindermeister in Wien. Im Selbstverläge des Verfassers. Ein ernster alter Mann, der sein Leben lang gearbeitet, seine Kinder groß gezogen hat, ans seine blühende Enkelschar stolz ist, zieht in diesem Schristchen, da er froh auf die Vergangenheit zurückblickt, das Fazit seines Lebens. Nationalökonomen werden die Utopien, dje hier anseinandergesetzt werden, belächeln, ich habe diese menschenfreundlichen Anschauungen, obgleich sie in einem keineswegs einwandfreien Deutsch vorgetragen werden, mit Rührung gelesen.. Es ist wirklich menschlich erhebend, wie. dieser schlichte Mann das Glück der Menschheit konstruieren mochte, und die Ausführung seiner naiven Meinungen für möglich hält, wie er durch eine neue Gesellschaftsorganisation das Glück seiner Mitmenschen wandeln möchte und alle Juden, zu denen er sich selbst rechnet, auch die Zionisten und andere, zur Ausführung seiner Pläne.aufrnft. Man hat, glaube ich, kein Recht, diese Anschauungen mit dem schweren Ernst der Wissenschaft zu bekämpfen, sondern man soll sich freuen, daß jemand so ungescheut seine ernstgemeinten Lebenserfahrungen, an deren Wirksamkeit er gewiß felsenfest glaubt, der Allgemeinheit mitteilt. L. G. # Neligivnsgeschichtliche Studien. Zweites Heft: Die Schristgelehrten. Bon Dr. A. M a r m o r st e i n, Rabbiner, Skotschau, Oesterr.-Schlesien. Selbstverlag des Verfassers, 1912. Die fleißigen Studien des gelehrten Verfassers bedeuten beachtenswerte Beiträge zu der heute so vielfach behandelten Frage des Verhältnisses von Urchristentum zu rabbinischem Judentum. Das Buch stellt sich in erster Reihe die Ausgabe, die Nachrichten über die Schristgelehrten, auf die die neutestamentliche Literatur Schmähung, Verachtung und Haß häuft, kritisch zu untersuchen, und die dahin zielenden Ausführungen über die S o f e r i m, die Eh ach am im und die Sekenim bieten recht viel gutes und kritisch gesichtetes Material, oft auch neue Gesichtspunkte zur Pharisäerfrage. Ebenso interessant sind auch die Darlegungen, welche sich mit der rabbinischen, polemischen Kritik christlicher Dogmen beschäftigen. Anschließend an frühere Studien geht Marmorstein hier aus das Dogma der Gotteskindschast, der Sündenvergebung und der Allegorisiernng der Schrift ein. Ohne sich von dem streng wissenschaftlichen Boden der Exaktheit und der Objektivität zu entfernen, ist diese Schrift im besten Sinne des Wortes eine apologetische. F. G. Hxrechsaal. uf Grund des Preßgesetzes werde ich anfgefordert, folgende Erklärung mit Bezug auf Nr. 33 S. 387 abzudrucken. Sie rührt von Herrn Dr. Künstler her, der sich als Verfasser der Frankfurter Korrespondenz in Nr. 31 bekannt hat. Ich tue dies mit der Bemerkung, daß ich die Austragung der zwischen den Beteiligten bestehenden Differenzen, diesen überlassen muß. L. G. „Es ist unwahr, daß Sie durch mich gröblich oder überhaupt hinters Licht geführt worden sind, es ist unwahr, daß meinerseits ein kleinlicher Racheakt vorliegt, unwahr, daß die Ihnen von mir gewordenen Mitteilungen durchaus der Wahrheit entbehren Ich halte dieselben vielmehr vollinhaltlich ausrecht. Hochachtungsvoll Dr. Albert Künstler." OfäL mit einem ehemaligen Kameraden ihrer Studienzeit zusammen, der s Vatikans wirklich nicht gesprochen werden.