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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-06 · Heft 36 (6.9.1912) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
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„Meine Herren," er liebte in hochdeutscher Sprache zu reden, „ich bin nicht mehr in der Lage, Steuern zu zahlen. Als bettelarmer Mann stehe ich vor Ihnen. Der Wohlstand, dessen man mich seit mehreren Jahren rühmte, war Schein. Mein Haus/ mein Warenlager und jeder Besitz gehört dem Gericht und meinem Nachbar Levy Stein, bei dem ich vor sieben Jahren einen Einbruch verübte. Niemand dachte daran, mich zu verdächtigen und auch heute würde ich Ihnen diese Enthüllungen nicht gemacht haben, wenn nicht mein Gewissen' das ich bis jetzt zu betäuben suchte, unddie heranruckende Nemesis laut sprechen würden. Schon naht das Verhängnis und noch vor den Jomim nauroim wird man mich in Hast nehmen. „Oschamti, bogad^ti, gosalti" I, stieß er aus tiefster Neue hervor, „und, meine Herren, verzeihen Sie mir, daß ich unserer Kehille Schande bringe." Heilmann verließ das Lokal und als ein völlig gebrochener Mann ging er seinem Hause zu. Es dauerte lange, bis die Versammlung, die tief von diesem Geständnis ergriffen war, ihren Empfindungen Lust machen konnte. Sie wurde fast zum Tribunal. Man bestürmte den anwesenden Levy Stein mit Fragen, ob er eine Ahnung davon hatte. , „Ich möchte", sagte er, selbst sehr erregt, „da das gerichtliche Verfahren eingeleitet wird, keine Erklärungen geben. Vor einigen Tagen wurde ich vorgeladen, wobei mir ein Coupon vorgezeigt wurde, der die Nummer eines mir gestohlenen Pfandbriefes trug und woraus der Name Meier Heilmann stand. Auch seine Unterschrift erkannte ich. Als der Diebstahl bei mir verübt worden war, hatte meine Mutter oleho Hascholaum" Heilmann 'als den Täter in Verdacht. Ich konnte es nickt glauben, daß mein nächster Nachbar und Freund einer solchen Tat fähig sein konnte." Stein fuhr fort: „Ich sagte Heilmann ins Gesicht, daß er der Dieb sei, die Beweise lägen vor, und alles Leugnen sei vergeblich. Und so gestand er mir seinen Frevel ein." Fast hatte die Versammlung den Zweck ihrer Tagung über diesen tragischen Zwischenfall vergessen. Jeder suchte in seinem Gedächtnis nach Momenten, die eigentlich einen Umschwung in den Verhältnissen Heilmanns seit jenen Tagen gezeigt hätten. . - So nahm der Geschäftsgang der Einschätzung seinen weiteren Verlauf. Die animierte Stimmung löste einen herben Ernst aus. Kurze Erklärungen über ihre Vermögenslage gaben die noch Folgenden ab. Manche von ihnen schätzten sich mit höheren Beträgen als sonst ein, als wollten sie damit die. Gefahr jeder Versuchung, die in irgendwelcher Form an. jeden herantreten kann, abwenden. Die Sitzung war zu Ende, und das Präsidium war mit dem' Ergebnis zufrieden. Aber auf der Straße setzte sich die Besprechung des merkwürdigen Vorfalls fort. Viele eilten auf dem kürzesten Wege nach Hause, um die sensationelle Nachricht der Familie mitzuteilen. Andere bildeten Gruppen und besprachen den Fall in juristischer und anderer Hinsicht. „Ein Chilul Haschens) bleibt es immer", sagte .Joses Steindecker, und, „das Gefängnis ist nicht, nur für Christen vorhanden", ergänzte Lefer Goldschmidt. Der Tag der Erinnerung und der Verhöhnung kam ins Land. Leer-blieb die Stätte in der Synagoge,, die sonst die Hünengestalt Heilmanns ausfüllte. An anderer Stelle mußte er diesmal sich mit seinem Gotte abfinden. Er ist gnädig Und erhört das Gebet des Reuigen, wenn es auch aus Kerkermauern zü ihm emporsteigt. Wie sagt doch das Weisheitswort unserer Altmeister? „Der Reuevolle gilt mehr, als der wahrhaft Fromme", der den Kampf mit finstern Gewalten nie kennen lernte. l) Anfang des Sündenbekenntnisses. *) Friede sei mit ihm'. b) Entweihung eines göttlichen Namens. Literarilche Mitteilungen. - tu m en t e zurEm a nz ipation d er Jud en. V i e e Reden von Th. B. Macaulay, Gabriel Rießer, Suter und Freiherrn Georg v. Vincke. Druck und Verlag von Otto Hendel, Halle a. S. Der Herausgeber nennt sich nichter unterzeichnet das Vorwort mit den Initialen I, G. Die Schrift ist eine Art Festgabe zur Jahrhundertfeier der Emanzipation in Preußen. Die Reden Macaulays waren im Grunde nicht nötig, da sie erst neuerdings durch einen Neudruck zugänglich gemacht worden sind. Auch Nießers Worte dürften in jüdischen Häusern ziemlich allgemein bekannt sein. Suters Rede bei den Verhandlungen des Großen Rates und Senates in den Jahren 1798 und 99. über die Juden in Eudingen und Lengenau ist ein kulturhistorisch ganz merkwürdiges Stück, aber der Schluß, in dem der Redner die Vertagung der Angelegenheit beantragt, „weil das Volk noch nicht genug aufgeklärt, sei", hätte den. Sammler ab- . halten sollen, die Rede in diese Reihe mit aufzunehmen. Sehr froh zu begrüßen ist eigentlich nur der Abdruck der berühmten Rede Georg v. Vinckes in der 39. Sitzung des Vereinigten Landtages am 14. Juni 1847. Freilich habe ich auch von dieser Rede vor einiger Zeit in diesen Blättern die Hauptstelle mitgeteilt. L.. G. — Rahel V a r n h a g e n. Eine biographische Skizze von Ellen Key. Einzig autorisierte Uebersetzung aus dem schwedischen Manuskript von Marie Franzos. 2. Auflage. Verlag von Edgar Thamm, Halle a. S. Pan d o r a, geleitet von Oscar W a l z e l. R a h e l u n d i h r e Zeit. Briese und Z e u g n i f s e, ausgewühlt von Bertha Badt. Erschienen 1912 bei Eugen Rentsch, Verlag München. Von diesen zwei Büchern darf das von Ellen Key mit einer kurzen Bemerkung abgefertigt werden, da es beim Erscheinen der ersten Auflage ausführlich in diesen Blättern gewürdigt worden ist. Man freut sich, immer der ausgezeichneten schwedischen Schriftstellerin, die den Mut ihrer Meinung hat, zu begegnen. Etwas ausführlicher mag von dem zweiten Buche die Rede sein. Es ist keine Biographie, sondern wie das Wort des Titels „Briese und Zeugnisse" schon besagt, eine Sammlung. Sie ist nach,Rubriken geordnet, die so lauten: Leben: Schicksale, Selbstanschauung, Lebenskunst; Menschen: Freunde, Geselligkeit, Menschenkunst; Eindrücke und Bekenntnisse: Zeitgeschichte, Religion, Frauenfrage und Kindererziehung, Die Künste, Goethe, Rahels Sprache und Brieskunst. Die Auswahl ist verständig und berücksichtigt in anerkennenswerter Vollständigkeit das gedruckte Material, zieht auch einiges Ungedruckte herbei. Die Einführung der Verfasserin ist sehr hübsch. Das Nichtlernenkönnen, das Selbstdenken und die Wahrheitsliebe werden als Rahels Haupteigenschasten dargelegt. Ihre Stellung zum Judentum wird ganz kurz beleuchtet, ihre Geselligkeit, ihre Liebe, die Bedeutung ihres Salons, ihre Stellung zu Goethe werden verständig abgehandelt. Da das große Buch „Rahel", das bald nach dem Tode der bedeutenden-Frau Von ihrem Hinterbliebenen. Gatten Varnhagen herausgegeben wurde, in wenigen Händen ist, und auch zu ungefüge ist, um Allgemeingut zu werden, so bietet diese Sammlung einen ausgezeichneten Ersatz. Es wäre sehr-zu wünschen, daß sie auch in jüdischen Häusern weit verbreitet würde. L. G. * ■ " — D i e T rä u m e d e r N a t a l i e B r a u n st e i n. Roman von Max H o ch d o r s, Berlin. Egon Fleischet L Eo. 6 Mark. Hochdors ist ein flotter Erzähler; mit dem vorliegenden Buche wird cr sich aber, wie ich fürchte, nicht viel Freunde erwerben. Die Heldin des Romans ist die Tochter eines reichen, oder für reich geltenden Kaufmannes in Belgrad. Sie hat eine hübsche Stimme und soll in Berlin zum Gesang ausgebildet werden. Sie ist zwar fleißig, bringt es aber zu nichts. Sie wird von ihrem Musiklehrer verführt, von diesem nach der Riviera gebracht, lernt dort einen schwindsüchtigen Pariser kennen, mit dem sie. als Gefährtin zusammenlebt, bis er stirbt. Endlich treibt sie sich mannigfach herum, kommt-, nach dem Tode ihres Vaters in ziemliche Mot, lebt in Paris eine Zeitlang

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