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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-06 · Heft 36 (6.9.1912) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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oder denen er aus dem Wege ging, Rechenschaft einzufordern und die Bilanz zu ziehen. Mit diesem Stimmungswandel rechnete die Gemeinde, und sie war sich bewußt, daß angesichts der ernsten Tage es so leicht keiner wagen würde, sich bei der Einschätzung zu unterschätzen. - Die Parnossim und Deputierten nahmen ihre Plätze ein. Der erste Parneß erössnete die Sitzung: Rabausai, wir sind hierhergekommen, um den Erech festzusetzen.. Größere Aufgaben, die auch größere Ausgaben erfordern, haben wir -für das kommende Jahr zu erfüllen. Das Gemeindehaus muß gründlich ausgebessert werden,, denn überall zeigt sich der.Schwamm, der Brunnen zur Mikwoh muß repariert und für die Synagoge sollen neue Leuchter angeschasst werden. Im -Prinzip, so setzte er seine Rede fort, sind wir einig darüber. Der Kostenvoranschlag ist entworfen und ich bitte Euch, Rabbausai, daß Ihr — „jeder nach der Kraft seines Vermögens" sich einschätzt." So ganz ohne Widerspruch wurde fteilich diese Einleitung auch nicht hingenommen. „Wenn zwei Juden Zusammenkommen, sind sie mesalpell) und sei es auch nur über den - Seman"^ galt auch in dieser Gemeinde. Mosche Habermann war immer an der Spitze-der Opponenten — dort sagte man Schreiers Er meinte, „der Brunnen wird noch aushalten und den Schwamm kratzt mer ab." „Mosche hat juschor"^), sekundierte Aron Goldmann, der für sich sehr sparsam lebte und es nicht zugeben konnte, wenn aus dem großen Fonds Ausgaben gemacht werden sollten. Der erste Parneß schnitt jede weitere Diskussion mit dem Bemerken ab, daß in der früheren Versammlung die Ausführung der Reparaturen beschlossen worden sei. Und Mosche Habermann zündete sich seine Tabakspfeife, die ihm währenddessen ausgegangen war,, wieder an. Einen Klukser, der unseren: parlamentarischen hört, hört! entspricht, stieß er noch hervor, und die heftigen Rauchwolken aus der Pfeife verrieten seine innere Erregung. Das Einschätzungsgeschäft begann. Als erster wurde Chaim Wiesenfeld gerufen und auf die Frage des Vorsitzenden, wei hen Steuerbetrag er zahlen wolle, erwiderte er: „Ihr wißt, Rabbausai, daß in diesem Jahr das Hopfen- und Wollgeschüft sehr schlecht war. Mt großem Verlust mußte ich besonders die Wolle verkaufen. An Staatspapieren habe ich ein Vermögen verloren und auch der Vieh- Masse umattanh war schlecht. Ich möchte daher diesmal meinen Erech erniedrigt wissen und statt hundert Gulden nur achtzig an Kehal zahlen." Für Chaim war diese Auseinandersetzung eine schwere Leistung. Er galt als der reichste Mann im Ort, verband mit Reichtum auch Gesinnungsadel; er mußte — den Eindruck gewannen auch seine Neider — ganz.enorme Verluste gehabt habe.n, wenn der sonst stolze MaNn vor den Gemeindemitgliedern eine Gnade sich erbat. Aron Heilmünn konnte zwar seine Schadenfreude nicht unterdrücken und erwiderte: „Aber Wiesenfeld kommt es doch nicht darauf an, ob er im Jahre zwanzig Gulden mehr gibt. Wir wissen, daß er trotz seiner Verluste immer noch eine offene Hand für Bedürfnisse der Wohltätigkeit hat. Erst vor wenigen Tagen hat er einem Mann, ich will nicht kaure beschenk) sein, vor der Gant°) gerettet, indem er bare dreitausend^ Dulden für ihn legte. Da sollte er doch seinen Erech wenigstens 'wie früher bezahlen." Daraus nahm Schaje Rödelsheimer das Wort: „Ich bin erstaunt über diese Mitteilung. Sie ist ein Beweis, daß unser *) disputieren. 2) Zeit des Gottesdienstes. 3) recht. Handel. 6) Namen nennen. 6) Konkurs, : , größter Erechmann auch im Mattau beseserh seinesgleichen sucht. Zedoko geben und Steuerzahlen sind aber zwei verschiedene Dinge. Wenn Wiesenfeld seinen Maaserh gibt, und jedenfalls stellt dieser Posten ein hübsches Vermögen dar, so: ist das seine Privatsache. Für den Erech gilt aber der Satz von der Gleichheit: „Der Reiche nicht mehr und der Arme nicht weniger." Ich stimme 'dafür, seinen Erech mit achtzig Gulden anzunehmen." Dabei blieb es auch. Ein kräftiges jejascher kauach') rief Wiesenfeld in die Versammlung und - entfernte sich. ' .. v>: V--■- : Schmule Winter kam nun an die Reihe. Er war der Prahlhans, Großschmuser genannt, der Kehille. Er gewann immer im Kartenspiel, wenn er auch empfindlich verloren hatte. Er hielt sich für einen Kozin, wenn seine Dorsgenossen auch anderer Meinung waren. Er wollte Gelder ausgeliehen haben, wenn Unterrichtete das Gegenteil behaupteten. So wahrte er auch hier, den Schein, wollte Wiesenfeld überragen und setzte seinen Erech auf hundert Gulden fest. „Was Wiesenfeld nicht kann, kann ich," fügte er selbstgefällig hinzu. Ein feines Ohr hörte doch aus der Kundgebung der Gemeinde die Epitheta wie Chattes, Großmaul usw. heraus. Leser Wallenstein war eigentlich der dunkle Punkt in der Gemeinde. Er hatte kein eigentliches Geschäft ündwar doch die ganze Wocheund noch oft darüber hinaus auf der Reise. Manche meinten, er unternehme seltsame Studienreisen, um in den großen Gemeinden das Maß ihrer Wohltätigkeit kennen zu lernen. Er Hatte mehrere geratene und auch mißratene Kinder in Amerika. Wahrscheinlich reichten die überseeischen Beihilfen zu seinem Unterhalt nicht aus. So suchte er das Gleichgewicht in Einnahme und Ausgabe durch jene seltsamen Studienreisen herzustellen. Er wohnte, kleidete sich und ah sehr gut, darin unterstützten ihn seine Frau Besle und seine spitzzüngige Tochter Klärle. Für schöne Schlasröcke, die er auch auf der Reise mitnahm, hatte er ein besonderes Faible, und an jedem Erev Pessach erschien er mit einem neuen Schlafrock und einer neuen Tabakspfeife aus der Bildfläche. So ausgestattet machte er einmal im Jahr seinen Spaziergang, und so ging er auch zum Taschlichmachen. Er versäumte, wenn er zu Hause war, keinen Gottesdienst. In ruhig angemessenen. .Schritten kam und ging er dorthin. Ein ernstes Gesicht zeigte er jederzeit und nur bei dem üllsabbatlichen Schiurvortrag lächelte er zuweilen, wenn der Vortragende, für den er etwas übrig zu haben schien, ein hübsches Moscho?) zum Verständnis des Textes brachte. So schätzte Leser Wallenstein sich auch diesmal wie ein Reichbegüterter ein, und debattenlos nahm das Kollegium davon Notiz. Sie kamen alle daran, und jeder zeigte sich in seiner Eigenart. Der Schuster und der Bürstenbinder, der Anstreicher und der Glaser, der Judenbäcker und Strumpfwirker. Sie waren nicht alle vom Glück begünstigt, sie-fühlten die Bürde des Lebens, doch alle schienen die Hoffnung aus. den Rosch haschono zu setzen, der schon alle Unebenheiten ausgleichen werde. In sich zusammengesunken saß Meier Heilmann in der Versammlung. Er schien mit einem schweren Entschluß zu ringen. Nicht hörte er auf die Vorgänge, die'manchmal eine Heiterkeit auslösten. Mit seinen riesigen starkknochigen Händen bedeckte er sein Gesicht. Schwere Seufzer stieß er hervor und atmete so schwer, als lägen zentnerschwere Steine auf seiner Brust. Endlich hatte auch Meier Heilmann seine Erklärung abzugeben. 1) heimlich geben. 2) zehnten Teil. - 3) Dankessormel. 4) Gleichnis.

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