Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- Seite 426 (sequence 6)
- Language
- German
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weckten.Knaben dürfte neben den allgemeinen regen Verkehrs¬ und Geselligkeitsverhältnissen im Dorfe, dessen halbe Einwohnerschaft die Juden mit ihren ca. 600 Seelen ausmachten, -vor allem die dortige Schulegewesen sein, die nach amtlichen Zeugnissen Hervorragendes geleistet zu haben scheint. Die Jebenhäuser Juden hatten sich dieselbe schon 1824, noch ehe ein gesetzlicher Zwang für sie zu einer solchen, bestand,: aus eigenen Mitteln errichtet und zwei tüchtige Lehrkräfte angestellt. Die Oberaufsicht, führte der evangelische Ortspfarrer, auf dessen Verlangen sofort auch der Gesangsunterricht in den Lehrplan ausgenommen wurde. Hier dürfte man auch zuerst aus Sontheims stimmliche Begabung aufmerksam geworden sein, die er auch als Chorknabe in der Synagoge betätigte. Noch als Schulknabe erhielt er auch Unterricht im Violinspiel beim GöPPinger Stadtzinkenisten Pleßner zusammen mit anderen israelitischen Kindern. Doch damit wäre feine Ausbildung vollendet gewesen, wenn Nicht ein günstiger Zufall eingegriffen hätte. Der alte Sontheimer wollte nichts von einer künstlerischen Laufbahn seines Sohnes wissen. Nicht nur, weil seine Mittel zur Ausbildung nicht ausreichten, sondern vornehmlich aus religiösen Günden. Er fürchtete für seines „Chona Bär" — so nannte man Sontheim als Kind,'und so ist er auch im Geburtsbuche eingetragen — Religiosität in der Welt des Scheines. Und es wird noch gezeigt werden, daß seine Befürchtungen nicht ganz ungerechtfertigt waren. Er wollte seinen Sohn in seine Fußtapfen treten, einemHausierer oder günstigstenfalls einen Handwerker werden lassen. Heinrich ' begleitete seinen Vater auf seinen Marktfahrten, kam so auch nach Hechingen, sang da gelegentlich einmal und wurde zufällig dom damaligen württembergischen Minister Vellnagel gehört. Dem gefiel das wundervolle .Organ des. etwa fünf- , zehnjährigen Knaben, und er machte den Stuttgarter Großindustriellen Joseph v. Kaulla auf ihn aufmerksam. Dieser nahm den Knaben sodann in sein Haus auf, ließ ihn von zwei Mitgliedern der Hosbühne (Häser und Kunst) ausbilden. Nach einer anderen, jedoch wenig verbürgten Version soll Sontheim, den es mächtig zur Bühne gezogen habe, fluchtartig das Elternhaus verlassen und durch fein Bitten die Förderung Kaullas errungen haben. Dem sei, wie ihm wolle, am 18. Oktober 1839 trat der Neunzehnjährige im Karlsruher Hoftheater zum erstenmal vor das große Publikum als „Sever" in der „Norma" und erzielte sofort einen durchschlagenden Erfolg, der auch zu einem günstigen Engagement für dieses Kunstinstitut führte, dem er dann bis 1850 angehörte. Gastspielreisen trugen seinen Ruhm bald in alle Welt, und der noch sehr Jugendliche zählte schon zu den berühmtesten Operngrößen. Doch die Höhe seines Ruhmes erreichte Sontheim erst in Stuttgart, an dessen Hoftheater er 1850 mit einem sehr günstigen lebenslänglichen Engagement berufen wurde. Aus der Karlsruher Zeit ist noch zu bemerken, daß Sontheim 1844 sich Laufen ließ, und zwar um seine erste Gattin, die christlicher Konfession mar, . art 1848., Qfi .zog' er in Altenstädt in Bayern vor dem -Distriktsrabbiner M. Mayer in aufrichtigster Weise seine Rückkehr zum Judentum.. In den noch vorhandenen Akten - erklärt er, daß sein Uebertritt nicht aus Ueberzeugung, .sondern „aus irdischem, sinnlichem Triebe" erfolgt sei, verlangt keinerlei Dispens von irgendwelchen religiösen Zeremonien, will rituelles Bad und Malkusz an sich vollziehen lassen, ja wünscht, daß sein Onkel Rosenheim und der Rabbiner Herz aus Jebenhausen zu dem Behufe nach Altenstädt kommen sollen, Die. Festtage will er dann in Jebenhausen verbringen und verlangt als reuig Wiedergekehrter zur Thora aufgerufen zu werden, was auch geschehen ist. Von da ab und bis an sein Lebensende blieb Sontheim dem Judentum treu, für das und besonders für das alte „Chasonus" er stets eine warme Anhänglichkeit bekundete. Dem Stuttgarter Hoftheater gehörte er bis 1872 als eine seiner höchsten Zierden an. Dieser Zeit gehört auch das hier beigefügte Bild an. Trotz wie-, derholter verlockender Rufe ins Ausland blieb er seinem Heimatlande treu. Nur in Gastspielen bekamen ihn die auswärtigen Bühnen zu ' hören, vornehmlich in Wien, wo er im ganzen an neunzig Abenden auftrat und neben beispiellosem Erfolge auch wahre Carusohonorare erzielte. Nach dem Urteil Sachverständiger gehörte Sontheims Stimme zu den metallreichsten, welche die deutsche Bühne in den letzten hundert Jahren gekannt hat. Hier nur eine Schilderung: „Sein Tenor sprach durch mehr als zwei Oktaven, vom großen H bis zum zweigestrichenen 6, gleichmäßig an. Die Töne von k' bis C waren auch in späteren Jahren noch von blendendem Glanz. Der Tonansatz war offen und frei, ohne jede Beimischung von Nasen- oder Gaumenlauten, und das Piano mit derselben Sorgfalt herangeschült wie das Forte. Die schöne voix mixte und deren echt künstlerische Verbindung mit der Bruststimme gewährten ungetrübten Kunstgenuß. Das Darstellungsvermögen des Künstlers war an impulsiver Kraft, an der Fähigkeit, die verschiedenen Gefühlsregungen in Ton und Aktion zu malen und gleichsam seine ganze Seele in den Gesang zu legen, wohl dem Niemanns an die Seite, zu setzen." Nach seinem Scheiden von der Bühne ist er noch wiederholt zu Wohltätigkeitszwecken ausgetreten- Zum letztenmal betrat er. die Bühnean seinem achtzigsten Geburtstag, wo er im Stuttgarter Hoftheater in einer ihm zu- Ehren veranstalteten Improvisation im „Verschwender" einige Lieder mit jugendlichem. Feuer sang. Eine Fülle von Ehrungen brachte ihm dieser Abend undebenso sein neunzigster Geburtstag, wo ihm der König in seiner-Loge das Ritterkreuz des Ordens der württembergischen Krone eigenhändig anheftete. Auch von auswärtigen Monarchen war Sontheim wiederholt in hoher Weise ausgezeichnet worden. Sontheims Lebensabend war ein schöner und beglückender, in hingebungsvoller Pflege seitens seiner Gattin, umgeben von 'einem, großen Kreise ,von. Freunden und Verehrern. In den Annalen der Kunst wird Sontheims Name als eines - ihrer bedeutendsten Meister fortleben.