Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
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425 Händen. Ein jeder kennt Wohl die Tätigkeit der Sirnons-Stistung in Hannover, die in ihren Lehrgütern Ahlem und Steinhorst jahrein jahraus zahlreiche junge Leute zu Landwirten heranbildet. AehNliche Bestrebungen sind am Werk, die Juden dem Handwerk zuzuführen. Viel mehr ist hier jedoch noch nicht getan worden, als daß man den Nachweis erbracht hat, daß tausendjährige Ghettohaft den Juden im allgemeinen nicht untauglich zu diesen Beschäftigungen rein körperlicher Natur gemacht hat. Aber noch fehlt die große Geste und die sieghafte Freude an dem hier Erreichten. Noch kehrt ein großer Prozentsatz der unter großen Opfern zu Landwirten und Handwerkern ausgebildeten jungen Leute wieder um und wendet sich anderen Berufen zu, oft sogar wieder in der Großstadt, aus der viele von ihnen hervorgegangen sind. Denn, es muß ausgesprochen werden, was heute diesen Berufen zugeführt wird, ist durchaus nicht die Blüte der Nation. In den meisten Fällen sind es junge Leute, denen man es infolge geringer geistiger oder körperlicher Veranlagung nicht zutrauen mag, daß sie in den gewohntem Berufe, dem des Kaufmanns oder Gelehrten reüssieren würden. Ein gewisser Dünkel läßt heute noch das Volksgros übersehen, wie notwendig die Intelligenz auch in diesen Berufen ist, und welches Wirkungsfeld sich ihr in ihnen eröffnen kann. Wie entwicklungsfähig sind gerade diese Beschäftigungen, in denen zum Teil trotz aller technischen Errungenschaften der Neuzeit noch mit den primitivsten Werkzeugen gearbeitet wird. Hier setzt mein Vorschlag ein. Gegenwart und Zukunft aller derjenigen, die sich dem Stande des Ackerbauers oder Gewerbetreibenden zuwenden, muß gesichert werden. Eine Gesellschaft ist zu gründen, die überall in kleinen Orten, aus* dem Lande landwirtschaftliche und industrielle Unternehmungen ins Leben ruft und leitet. Sämtliche Beamte dieser Betriebe sind unter den Juden zu rekrutieren unter Wahrung des notwendigen simultanen Charakters. Dem Beamten müßte jedoch die Gesellschaft größte Freiheit in bezug auf Selbständig- und Unabhängigmachung gewähren. Aber dadurch, daß alle Unternehmungen Eigentum der Gesellschaft bleiben, deren Kapital allmählich seine Amortisierung und ausreichende Verzinsung findet, ist auch dem vorgebeugt, daß diese große und notwendige Hilfsaktion wieder eine Sache der Wohltätigkeit wird. Allen Vorteilen, die auf dem Wege der Wohltätigkeit erlangt werden, haftet ein gewisser bitterer Geschmack an, der gerade unter den Juden von einer Unzahl von Menschen gekostet werden mußte. Auch unter uns beginnt man sich allmählich der Wahrheit des Satzes bewußt zu werden, daß nicht durch Wohltätigkeit, sondern nur durch Erziehung zur Arbeit eine dauernde Hebung des sozialen Niveaus unserer Glaubensgenossen zu erzielen, ist. Der Plan der Gesellschaft steht bereits in allen Teilen fest und ihre Konstituierung ist bereits für den Winter dieses Jahres vorgesehen. Sie soll in der Hauptsache den Charakter eines Verbandes haben, mit dem Sitze in Berlin, von dem aus in der Provinz überall Gesellschaften m. b. H. zu gründen sind als Betriebsgesellschaften der Unternehmungen landwirtschaftlicher, handwerksmäßiger und industrieller Natur. Als solche kämen zuerst Massenanpflanzungen von leicht zu verwertenden Produkten, wie Erbsen, Bohnen, Spargel u. dgl. Gemüse in Frage, ferner Obst- und Forstpflanzungen, deren Verwertung gleich von daran angeschlosfenen Fabrikbetrieben vorgenommen würde. Geistlichen, Lehren und Vorstehern kleiner Gemeinden böte sich bei der Gründung der kleinen Gesellschaften ein reiches Betätigungsfeld. Der Weg ist gezeigt. Die Führer sind schon däbei, ihn zu beschreiten. Möge.ihre Gefolgschaft groß werden und ein großes Werk zu einem, großen Ziele führen. fgm? ksmmerlsnger Heinrich Sontheim. Von Rabbiner Dr Tänzer. Göppingen. uf beinahe 93 Jahre hat er's gebracht, der alte Sontheim, und ein Menschenalter ist es her, daß er, auf der Höhe seines Ruhmes stehend, aus dem aktiven Bühnenv erb an de des Stuttgarter Hoftheaters schied, und doch konnte nicht gut von ihm behauptet werden, daß er seinen .Ruhm überlebt habe. Schon deshalb nicht, weil dieser seinerzeit als Phänomen angestaunte Meister im Reiche der Töne in einzelnen seiner Glanzrollen bisher nicht mehr erreicht, geschweige denn übertrosfen wurde. Und diese Rollen waren solche, in denen er jüdische Gestalten über die weltbedeutenden Bretter trug, in denen seine Kunst jüdischem Empfinden Ausdruck gab. Sontheims Repertoire umfaßte mehr als hundert Opern, doch seine unumstritten bedeutendste Glanzrolle war die des „Eleazar" in Halevys „Jüdin". Als er z. B. zum erstenmal gelegentlich eines Gastspiels im Wiener Operntheater in derselben auftrat (am 15. April 1868) schrieb darüber der Kritiker Wilhelm Speidel im „Fremdenblatt": „Gestern eröffnete Herr Sontheim vom Stuttgarter Hoftheater ein Gastspiel, welches schon darum nicht aus ein Engagement abzielt, weil jener Künstler mit den liberalsten goldenen Ketten und aus Lebenszeit an Stuttgart gefesselt ist. Der berühmte Gast sang den Eleazar in Halevys „Jüdin", eine seiner glänzendsten Rollen seit ein paar Jahrzehnten. Sein Beispiel hat viele Eleazars gemacht, aber sie waren, an- Sontheim gemessen, wie Katzen gegen einen Löwen. Herr Sontheim besitzt einen kernhasten Brufttenor, groß, breit, von schmetterndem Metall, je höher es geht, desto wohler scheint es ihm zu werden. Sein Eleazar ist eine tief leidenschaftliche Gestalt voll dramatischen Lebens. Auch das Wiener Publikum konnte sich ihrer Wirkung nicht entziehen und brach dem Gast gegenüber wiederholt in einen wahren Jubel, aus. Ein kaum dagewesener Fall ereignete sich während des vierten Aufzuges. Bei offener Szene legten die Orchestermitglieder ihre Instrumente weg und stürmten mit dem Publikum Beifall. Nach dem Schluß der Oper wurde Herr Sontheim achtmal gerufen." Und wie in Wien, so allenthalben, in Karlsruhe, in Stuttgart, in Frankfurt a. M. usw. Es war eben sein Eleazar, wie Sonnenthals „Nathan" eben nur Sonnenthals Nathan war. Nichts 'Erkünsteltes, sondern ein Schöpfen aus dem eigenen Empfinden, aus den Eindrücken der eigenen Jugendzeit. Der Künstler im Juden verherrlichte den Juden im Künstler. Kein vorgetäuschtes, sondern wirkliches Judentum. Und auch Sontheim war ein Jude sein ganzes Leben lang. - In Jebenhausen bei Göppingen im altjüdisch frommen Elternhause und im Kreise einer damals stattlichen streng religiösen Jsraelitengemeinde hat Sontheim am 3. Februar 1820 das Licht der Welt erblickt. Sein Großvater Löb Moses war 1777 mit unter den ersten zwanzig Juden, die der Freiherr Philipp v. Liebenstein, dem Ort und Schloß als reichsunmittelbares Rittergut gehörten, ausgenommen hatte. Aus Malsch bei Durlach in Baden war der Großvater eingvwandert. Seine Söhne nahmen 1818, nachdem Jebenhausen 1806 württembergisch geworden war, den deutschen Familiennamen „Sontheimer" an, den der Kammersänger dann in „Sontheim" kürzte. Moses Löb Sontheimer, des Kammersängers Vater, war ein unbemittelter Kleinkrämer und Hausierer, der für vierzehn Kinder (Heinrich war das achte unter diesen) zu sorgen hatte. Er scheint von dem großzügigen Unternehmungsgeiste, der frühzeitig schon die Jebenhäuser Judenschast erfüllt und nachmals so viele bedeutende Großindustrielle aus ihnen gemacht hatte, nicht ergriffen gewesen zu sein. Er blieb zeitlebens ein armer Mann und hat den Beginn der Ruhmeslaufbahn seines Sohnes nur um wenige Monate überlebt. Von bedeutendem Einflüsse auf den ausge-