Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
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Nach drei Semestern ging er zur Medizin über und wurde' gleich nach bestandener Staatsprüfung auf Empfehlung von Virchow, Traube und v. Langenbeck Assistent am ■ jüdischen Krankenhause und zwei Jahre , später an der Augenklinik des berühmten Professors Albert v. Graefe. Nach abermals zwei Jahren übernahm er die Privatpraxis des alten Geheimrats Dr. Herzberg und schuf sich hier ein großes Wirkungsfeld in hocharistokratischen und diplomatischen Kreisen. Besonders aber war. er ein temperamentvoller, eifriger Förderer jüdischer Interessen und Gemeindeangelegenheiten — als Repräsentant steht er aus historisch-konservativem Standpunkt —, eine Zeitlang war er Vorsitzender der Repräsentanten, er arbeitet mit fast in allen jüdischen Vereinen, so war er ein eifriges Vorstandsmitglied des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, in welches Amt sein Sohn, der Universitätsprofessor Ferdinand' Blumenthal, an seiner, Statt gewählt wurde. Seit vierzig Jahren ist er auch Vertrauensarzt der kaiserlichen Post. An äußeren Anerkennungen seitens des Staates hat es ihm nicht gefehlt, er erhielt zuletzt den Roten Udlerorden dritter Klasse mit der Schleife; aber auch fremde Regierungen haben ihm hohe Orden geschickt, und er war nach dem 70er Kriege ein er der ersten Deutschen, der/ Ritter der französischen Ehrenlegion und später Offizier derselben wurde. Den vorstehenden autobiographischen Mitteilungen habe ich meinerseits nur den herzlichsten Glückwunsch für den verehrten Mann hinzuzufügen, der in körperlicher und geistiger Frische jüngst das Fest seines fünfzigjährigen Doktorjubiläums gefeiert hat. Mir ist es seit mehreren Jahrzehuten gegönnt, in Gemeindeangelegenheiten mit dem Gefeierten zusammen zu wirken. Wir sind seit langer Zeit im Schul- und Talmud- ThormVorstand tätig und waren zwölf Jahre lang in der Repräsentäntenversammlung Kollegen. Oft genug kam es in der letzteren zwischen uns zu lebhaften Auseinandersetzungenda wir entgegengesetzten Parteien angehörten, aber stets habe ich, wenn-ich auch mit dem Gegner nicht einverstanden sein konnte, den Mut seiner Ueberzeugung und die Ehrlichkeit seiner Gesinnung anerkannt. Es ist erstaunlich, wie dieser vielbeschäftigte Mann in hohen Jahren seiner Pflicht nachkommt, nicht nur den Sitzungen beiwohnt, sondern den Verhandlungen aufs aufmerksamste folgt und seine Ansichten beredt zu verteidigen weiß. Womöglich mit noch größerer Anerkennung verfolgte und verfolge ich feine Tätigkeit im Schrrlvorstand. Die zahlreichen Berichte, die ihm wie uns allen zugehen, liest er mit der größten Aufmerksamkeit und begleitet sie mit Bemerkungen, die seinen lebhaften. Eifer, seine große Anteilnahme und sein tiefes Verständnis für diese Berichte bekunden.. In den Sitzungengehört er nicht zu denen, die bei jeder Gelegenheit das Wort zu ergreifen lieben, aber wenn es sich um allgemeine religiöse Fragen und spezielle medizinische Angelegenheiten handelt, belehrt er uns gern mit seinen wertvollen Aufklärungen, und es ist für uns alle eine hohe Freude, mit welch jugendlichem Eifer er sich aller seiner,Aufgaben annimmt, mit welcher Klarheit und Sachlichkeit er uns über die den meisten fernliegenden Dinge Aufklärung zu geben versteht. Für einen in seinen Gesinnungen gefestigten, überzeugungstreuen Mann ist das höchste Lob, die Achtung und Anerkennung der Gegner sich erworben zu haben. Dieses Lob muß Blumenthal im höchsten Maße zuteil werden. Möge es dem verehrten Manne noch lange gegönnt sein, in jugendlicher Frische seiner Aemter zu walten und der Allgemeinheit, wie er es bisher getan, auch weiter zu dienen. L. G. Wider die. Lsndklucht.; Von Lehrer Adolf Roth schild, Achim-Bremen, politischen Zeitungen und Journale, aller Richtungen ventilieren schon seit mindestens einem Jahrzehnt eine Frage, deren Bedeutung sich heute kein Gebildeter mehr verschließen kann: die Frage der Entvölkerung des flachen Landes infolge Abflutens seiner Bewohner in die Großstädte und Industriezentren. Von allen Seiten hat man die tieseinschneidenden Wirkungen und Folgen dieser Landflucht beleuchtet, auf alle Verluste an realen und ideellen Werten hingewiesen, die sie im Gefolge hat. Eins aber ist bisher den meisten entgangen, wie sehr nämlich auch die Juden an dieser Erscheinung beteiligt sind, und wie sehr gerade sie in ihrer Gesamtheit an den Folgen zu leiden haben.; Daß der Jude heute an und für sich vielleicht noch etwas, geneigter ist, das flache Land zu verlassen und die Großstadt aufzufuchen. als der Nichtjude, ist leicht verständlich und Hängt,, neben seinem größeren Bildungshunger etwa, aufs engste mit den Berufen zusammen, die dort auszuüben schon seit Jahrhunderten seine Gewohnheit ist. Der Krämer, der Kaufmann oder der Viehhändler verliert mit der immer mehr Zusammenschmelzenden Bevolkerungsmenge seine Kundschaft und die Bedingungen, auf denen seine Existenz ausgebaut ist. Die Uebervölkerung der Großstadt veranlaßt aus der anderen Seite eine Annäherung ihrer Bewohner an das Land, die in Gestalt von Detailreisenden, Versandgeschäften usw. Dorf und Kleinstadt mit allen Bedürfnissen des Tages überschwemmen und so im Verein mit den aus Gründen der Abwehr geschaffenen landwirtschaftlichen Genossenschaften dem kleinen Handeltreibenden die Lebensmöglichkeiten nehmen. Was bleibt diesem .also übrig, als dem Zuge der Zeit zu folgen unp seine Scholle zu verlassen, mit der er doch in vielen Fällen nicht weniger verwachsen ist, als sein christlicher Nachbar? Ganze Gemeinden werden so entvölkert, rascher als ein Krieg das zu tun vermöchte. Ihre zurückbleibenden Glieder, durch ihre geringe Zahl kraft- und machtlos geworden, gehen so all der Vorteile verlustig, die eine blühende Gemeinde ihren Angehörigen bietet. Ihre Schulen gehen ein aus Mangel an Schülern, ihre Gotteshäuser werden geschlossen, weil nicht einmal mehr Minjan aufzutreiben ist. Dem Juden aber, der in die Großstadt abgewandert ist, ist es schwer, häufig sogar unmöglich, unter den ganz veränderten Lebensumständen den Traditionen und Anforderungen seines Glaubens gerecht zü werden. Ist doch die Großstadt eo ipso der Feind aller Verinnerlichung, und erschwert doch der wahnsinnige Existenzkampf in ihr die Ausübung aller äußeren Glaubensbeurkundungen, deren Einfluß doch gerade aus das Heranwachsende Geschlecht von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. So verliert das Judentum allmählich die Flüchtlinge wie die seßhaft Gebliebenen. Verhältnismäßig spät fetzten die Bestrebungen zur Paralysierung der in großen Zügen geschilderten Folgen der jüdischen Landflucht ein. Man versuchte allerdings vergeblich, in der Großstadt, etwa nach Art der christlichen Inneren Mission wieder zu judaisieren, unterließ es aber, die Axt an die Wurzel des Uebels zu legen, d. h. den Juden auf dem flachen Lande festzuhalten. Dies aber kann aus den einleuchtendsten Gründen nur durch Darreichung neuer Erwerbsmöglichkeiten geschehen. Oben ist ausgeführt worden, daß der Handelsstand auf dem Lande abgewirtschaftet hat. Dorf und Ackerstadt gehören dem Landwirt und dem mit ihm verschwägerten Gewerbetreibenden. Soll der Jude draußen erhalten bleiben oder wieder dem Lande zugesührt werden, so müssen ihm diese Berufszweige erschlossen werden. Die Ansätze dazu sind heute bereits vor-