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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-06 · Heft 36 (6.9.1912) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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unser Volk.seit Jahrtausenden während unserer -langen Geschichte auf allen unseren. leidensreichen Wanderungen begleitete, nunmehr in den Besitz Ew. Majestät übergehen als ständiger Zeuge der kindlichen Gefühle der bulgarischen Juden und ihrer unauslöschlichen Dankbarkeit'gegenüber Ew. Majestät." / Der Zar dankte mit großer Wärme für die dargebrachten Glückwünsche der Juden Bulgariens und „für das herrliche symbolische Geschenk", das er mit besonderem Vergnügen entgegennehme. Der Zar sagte unter anderem: „Ich .bitte Sie, Herr Großrabbiner, seien Sie bei Ihren Glaubensgenossen der Dolmetsch meinen besonderen Erkenntlichkeit, für diese zarte- Aufmerksamkeit, die mich tief rührt, und meiner stets unwandelbaren aufrichtigen Sympathien für meine jüdischen Untertanen. Ich habe schon oft Gelegenheit gehabt. Ihnen zu sagen, wie sehr ich das jüdische Volk hochschätze und daß ich stets in meinen jüdischen Bürgern ein Element der Ordnung und des Fortschritts im Lande sehe; sagen Sie Ihren jüdischen Mitbürgern, daß sie allerzeit auf mein Wohlwollen rechnendürfen."- Der König ließ sich vom Großrabbiner eingehend alle Bestandteile der dargereichten Thorarolle und ihre geschichtliche Bedeutung erklären; ließ sich auch alle Inschriften im hebräischen Original vorlesen ,und drückte wiederholt seine Bewunderung über die, künstlerisch vollendete Ausführung der Silbergeräte aus, die in Oesterreich gearbeitet wurden (von den Silberfirmen Zipper in Lemberg und Eduard Friedmann in Wien). Hierauf stellte der Großrabbiner die Mitglieder der Deputation vor (Eli Arje, Vizedirektor der Versicherungsgesellschaft „Balkan", Moise B. David und M. Adler), mit denen sich S. Majestät einzeln in der huldvollsten Weise unterhielt. Nach halbstündiger Audienz wurde die Deputation in der huldvollsten Weise entlassen. * Aus Rußland kommen immer weiter schlimme Nachrichten. Die erste, ein Telegramm der „Voss. Zeitg." kann man ja als einen Akt der - Gerechtigkeit 'fr,oh begrüßen: K i e w, 30. August. Gegen den früheren Ehef der Geheimpolizei Mischtschuk und gegen zwei Geheimpolizisten ist wegen Fälschungen im Ritualmordprozeß Justschinski ein gerichtliches Verfahren eingeleitet worden. Die zweite aber lautet sehr bedenklich, um so schlimmer, weil ein solches Aufflackern der Volksleidenschaft sehr traurige Folgen haben kann. Sie lautet: Laut Blättermeldungen hat in Petrikau ein Pogrom gegen die Juden stattgesunden, weil ein Dienstmädchen die Lüge verbreitet hatte, daß ihre Dienstgeberin, die Frau des Kaufmanns Gerber, einen Ritualmordversuch, an ihr unternommen habe. Das Lokal Gerbers wurde von der wütenden Volksmenge vollständig zerstört. Die Familie Gerber konnte von der Polizei nur mit Mühe vor dem Erschlagen gerettet werden. Sodann zog die Volksmenge in das Innere der Stadt und plünderte sämtliche jüdische Geschäftslokale. Die Ruhe konnte nur mit Hilfe von Militär, das von der Waffe Gebrauch machen mußte, wiederhergestellt werden. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Unter den Juden herrscht große Erregung, da eine Wiederholung der Exzesse befürchtet wird. ' I*! Die Wahlen zur Duma geben dem klnivers israälits Anlaß ' zu einer interessanten Betrachtung. Alle beschränkenden Maßregeln der letzten Zeit werden zusammengestellt und' als „ökonomischer Pogrom" charakterisiert. Nun hat man, aus Grund eines Senatsdekrets angesangen,, die Juden.soviel wie möglich aus den Wählerlisten zu streichen. Man entfernt aus diesen Listen die Kausleute erster Gilde, ferner die Inden, die mit Universitätsdiplomen versehen sind, selbst die Getauften, da man sie noch als Juden ansieht. In Kiew hat man einfach sämtliche Juden vom Wahlrecht a u s g e s ch l o s s e n. Wer wieder ausgenommen werden will, muß ein besonderes Gesuch einreichen. In Kurland hat mandiejenigen, die einen jüdischen Vornamen führen, im bürgerlichen Leben sich aber eines russischen bedienen, gestrichen.' Anderwärts wirkt man durch Einschüchterung und Drohung. In Jekaterinowslaw > ließ deks Gouverneur den Rabbiner kommen und sagte ihm:. „Eure, Juden scheinen aktiven Teil an den Dumawahlen nehmen zu wollen, indem sie sich mit den Progressisten vereinen. Sagt ihnen von der Kanzel herab, daß sie dies Wahlfieber teuer bezahlen werden." Der Artikel schließt: „Soweit ist man im 20. Jahrhundert in einem mit Frankreich befreundeten und verbündeten Lande." Wir haben diesen Worten nichts hinzuzusügen. Geh. Ssmtstsrst Julius Mumenthal. ulius Blumenthal ist am 2. März 1836 zu Eroppenstedt (Provinz Sachsen) geboren, einem kleinen Ackerstädtchen, wo -seine- Eltern die e i n z i ge jüdische Familie waren und wo seine Vorfahren nachweislich seit etwa 1780 ansässig gewesen 'sind.' Der Urgroßvater war Schutzjude des heiligen römischen Reiches. Das Verhältnis zu den christlichen Mitbürgern war das denkbar freundschaftlichste, so war der Großvater 1814 Schützenkönig, als welcher er bekränzt und mit Musik von dem ganzen Schützenkorps und "dem ganzen Pomp zum Schrecken der Großmutter/welche bei dem streng koscheren Haushalt genötigt war, die ganze Gesellschaft zu bewirten, wobei die Nachbarn wacker mitgeholfen haben. Den Schützengewinn bewahrt die Familie noch zur Erinnerung auf. Die drei Kinder der überaus frommen Eltern besuchten die einzige Ortsschule, sie nahmenwhne Schaden an ihrer religiösen Gesinnung auf Wunsch des Vaters am Unterricht in biblischer Geschichte teil; auch wurde dabei reichlich das Neue Testament berücksichtigt und auch der lutherische Katechismus, nur die Hauptstücke brauchten sie nicht auswendig zu lernen. Mit 13 Jahren kam Blumenthal mit anderen Altersgenossen auf das Domghmnasium zu Halberstadt, von wo er nach bestandener Reifeprüfung und wohlvorbereitet durch Talmud- und Bibelstudium auf der Universität Berlin sich der Theologie widmen wollte. Geheime Sanitätsrai Dr. Julius Blumenihal.

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