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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-09-06 · Heft 36 (6.9.1912) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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würdig, die Minoritäten zu bedrücken. Cs ist eines Kultur-. Volkes nicht würdig, im öffentlichen Leben, in der Gesellschaft den einzelnen nach seiner Religion zu fragen.- Diese moderne Inquisition ist unleidlicher als die/die einst mit Folterwerkzeugen und Scheiterhaufen in dem gesegneten Spanien operierte. . Sir Woche. Berlin, den 3. September 1912. .unserem b a y e r i s ch e n I^.-k'.'-KorresPondenten erhalten wir folgende Zuschrift: Bei der Beratung des Militäretats in der zweiten Kammer des bayerischen Landtages gab am 28. August der K r i.e g s m i n i st e r Freiherr Kreß von Kressenstein, ein persönlich ^seh.r aufgeklärter Mann, die bedeutsame Erklärung ab:' „Ein prinzipielles Hindernis, das Angehörigen des'. 'israelitischen Glaubens die Ossizierskarriere verschließt, besteht nicht,' sofern die. Betressenden die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllen. Auf die- Wahl zum Reserveoffizier hat dies allerdings keinen Einfluß, da diese in den - Händen der Standesgenossen ' liegt. Daß . der.. israelitische Glaube kein Ausschließungsgrund ist, beweist die Tatsache, daß die (bayerische) Armee 88 sReserve- und Landwehr-sOfsiziere und 193 Sanitätsoffiziere szunr Teil aktive!) zählt." Man erkennt leicht den deutlich greifbaren Unterschied vom Preußi-. scheu Standpunkt, wie er trotz aller Ableugnüngen iiud Ausflüchte beim Neichsheere maßgeblich ist. : # , Im Gegensatz zu Bayern scheint ' in D e st.ev.ve i ch das Preußische Regime in bezug auf Reserveoffiziere herrschend werden zu sollend Dies möchte man wenigstens folgern aus nachstehender 'Korrespondenz Der „N. I. K.":. Das triviale, aber darum nicht minder wahre .Sprichwort'.von den bösen' Beispielen, die gute Sitten verderben, hat durch einen Erlaß des Reichskriegsministers wieder eine glänzende.Bestätigung erfahren. Bisher beriet man sich im Deutschen Reichstage und anderwärts, wenn es galt, die Eignung der Juden für . die Offizierslausbahn nachzuweisen und der junkerlich-engherzigen Auffassung der preußischen. Heeresverwaltung entgegenzutreten, 'mit Vorliebe auf das Beispiel Oesterreichs. Nunmehr soll jedoch die Preußische Praxis in Oesterreich selbst Nachahmung finden. .In der österreichischungarischen Armee wurde bis jetzt jeder, per das Einjährigenrecht erworben und seiner Dienstpflicht ordentlich genügt hatte, Reserveoffizier. Das soll nun anders werden. Der ' Kriegsministerhat nämlich einen Erlaß herausgegeben, worin gesagt wird, daß tadellose Dienstleistung, vorzügliche Absolvierung der''militärischen Prüfungen und physische und . geistige Eignung von nun ab keinen Anspruch aus Erlangung des Offiziersgrades mehr begründen. Vielmehr sind in erster Linie das soziale und familiäre Milieu sowie das Aussehen des Aspiranten in Berücksichtigung zu ziehen. Der neue Erlaß richtet sich in erster Reihe gegen das - kleinbürgerliche Element. Gewisse adlige Kreise des Ofsizierkorps haben es längst als eine „Schmach" empfunden, daß es in der österreichischen Armee Reserveoffiziere gibt, deren Mutter Trasikantin, deren Bruder Handwerker oder deren Schwester Näherin ist. Durch den neuesten Erlaß erlangt' diese Preußische Auffassung nun die höchste amtliche Sanktion.' Uebrigens ist in keinem Staate die Abhängigkeit der Armee vom kleinbürgerlichen Elemente eine so ausgesprochene wie gerade in Oesterreich. Die Mehrzahl der aktiven Offiziere ist aus ihm hervorgegangen. Gar manche militärische "Forderung ist im Parlamente lediglich deshalb bewilligt worden, weil die Abgeordneten der Zustimmung ihrer militärsreundlichen kleinbürgerlichen Wählerschaft sicher waren. . Der .Erlaß verfolgt aber auch eine ausgesprochen antisemitische Tendenz. . Wer sich darüber nicht klar sein sollte, braucht nur die Jubelartikel zu. lesen, mit welchen er seitens der deutschnationalen und christlichsozialen Presse begrüßt wird. In dieser Presse wird unverhohlen der Freude darüber Ausdruck gegebendaß der Erlaß I die Handhabe bietet, um alle Juden von der Beförderung zu Offizieren auszüschalten. : Es kann auch nicht der geringste Zweifelobwalten, daß in Zukunft mit Berufung auf die. neuen Vorschriften den jüdischen Einjährigen die Befähigung abgesprochen werden wird. Das Staatsgrundgesetz hat bis nun' antisemitische Militärbehörden daran gehindert, ihren judenfeindlichen Gefühlen völlig freien 'Lauf zu lassen, der neue Erlaß wird es ihnen ermöglichen. " W Daß: die Juden,, sobald sie zu den Fahnen berufen, ihre Pflicht tun, daß sie in Krieg und Frieden sich tüchtig erweisen, ist eine Tatsache, die' auch won..Antisemiten nicht geleugnet wird. Von Verweichlichung, von Feigheit in Gefahren melden selbst gegnerische Blätter selten genug. ' Man weiß ferner, daß sie in m a n ch e r A r t d e s Sport s sich hervortun. Nun lesen wir aber in den „Mitteilungen des Abwehr- Vereins", daß Juden auch Tüchtiges aus dem Gebiet der Aviatik leisten und lassen diesen Artikel hier folgen: Unter den Lehrern des Fliegersports in Johannisthal steht der Aviatiker Willy Rosenstein mit an erster Stelle. . Einem Feuilleton der .„Neuen Freien Presse" (11. 7.): „Ein Flug mit der Rumpler-' Taube" entnehmen wir folgende Charakteristik: ‘ „Der Name des Aviatikers Willy Nosenstein dürste den Antisemiten verdächtig Vorkommen;. und es Muß gesagt werden,' daß jeder derartige Verdacht begründet ist. Nur werden die Antisemiten in, Verlegenheit sein, ihre Theorien von der „jüdischen Feigheit" auf den Fall des Herrn' Rosenstein anzuwenden, der Mit seinen kaum mehr als achtzehn Jahren einer der tüchtigsten, bewährtesten und kühnsten Flieger von Johannisthal ist und bereits eine ganze Anzahl von Offizieren ausgebildet hat.. Er entstammt einer angesehenen württembergischen Familie und befindet sich rn einer. Situation, die. ihm alle Möglichkeiten des Daseinsgen.usses bieten würde. . Aber dieser junge Mann hat den eigentümlichen Geschmack, die Betätigung , in einem ge- . fahrvollen Berufe, in einem Berufe, der täglich den Tod bringen kann, dem Wohlleben vorzuziehen. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben/ gewonnen sein." Es ist doch eine merkwürdige ' Zeit, in der die' Dichter Aestheten sind, ohne Herz, ohne Schwung, und in' der man-den Idealismus, den man in der Poesie jahrelang vergebens. gesucht hat, eines Tages auf dem Sportplätze findet." Der Petersburger Aeroklub hatte einhellig beschlossen, dem jüdischen Aviatiker Abramövicz anläßlich fernes Fluges Berlin—Petersburg bei seiner Landung einen feierlichen Empfang zu bereiten. Zur Erinnerung an diesen merkwürdigen Flug, der in Rußland als eine russische Errungenschaft von den Blättern gefeiert wird, ist dem Flieger ein silberner Palmzweig überreicht worden. Ironisch warf ein echtrussisches Blatt die Frage aus, ob der Jude Abramövicz feinen Flug nur durch das jüdische Ansiedlungsgebiet nehmen werde, da er ja anderswo kein - Wohnrecht in Rußland habe, ferner ob Abramövicz, wenn er feine Reise nach Petersburg per Eisenbahn gemacht hätte, überhaupt nach Petersburg hereingelassen worden wäre. * . Einer in Sofia erscheinenden Zeitung entnehmen wir folgenden Bericht (21. August' 1912): ,/ Der Zar Ferdinand und die Juden. Gestern um 7 Uhr abends empfing S. Majestät der Zar die jüdische Deputation, welche ihm die Glückwünsche der bulgarischen Juden und das 'Jubiläumsgeschenk der Kultusgememden, bestehend aus einer eigens hergestellten Thorarolle mit den dazugehörigen kunstvoll ziselierten traditionellen Silbergeräten überbrachten. Der Führer der Deputation, Großrabbiner von Bulgarien Dr. Ehrenpreis, betonte in seiner gehaltvollen Ansprache die Dankbarkeitsgefühle der bulgarischen Juden' gegenüber dem König, der ein Vater aller Söhne des Landes ohne Unterschied des Glaubens und der Nation ist und. erklärte den Sinn des überreichten Geschenkes. „Als Ausdruck unserer aufrichtigen Liebe" — sagte der Größrabbiner — „überreichen wir Ew. Majestät diese RoÜe, die das Heiligste und. Kostbarste enthält, das wir Juden besitzen; diese unvergleichliche Schöpfung des jüdischen Genius, die Gemeingut der gesamten Kultusmenschheit geworden ist, die die ewigen^ Wahrheiten der Menschheit enthält, welche die gemeinsamen Grundlagen aller Bekenntnisse bilden. Möge diese Thorarolle, die wir Ew. Majestät in derselben traditionellen Form überreichen, in der wir sie in unseren Gotteshäusern ausbewahren, in derselben.Form, in derdiese Thora'

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