Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. Zü Berlin, 6. September l9l2 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel o'er die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von »abbiner vr. Ludwig Philipps«« Unter Leitung des Geheimen Regierungr-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Ungern: Zeitung des Judentums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße *6f*9, zu rich'en. Verlag von Rudolf «rosse, Berlin. Kulturträger. Von Rabbiner Dr. Behrens-Göttingen. — JJilljUll.» Die Woche. — Geh. Sanitätsrat JuliuS Blumenthal. — Wider die Landflucht. Von Lehrer Adolf Rothschild, Achim-Bremen. — Kammersänger Heinrich Sontheim. Von Rabbiner Dr. Tänzer, Göp- ' Pingen, — Eine alte Polemik gegen die Allgemeine Zeitung des Judentums. Von Ludwig Geiger. — Ein Beitrag zur Apologetik des Judentums. Von Dr. Julius Grünthal-Berlin. — Feuilleton: Ter Erech. Von M. Schweitzer, Glogau. — Literarisch e Mitteilungen. — S prechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^l. Berlin, Aus der Provinz Posen, Rakel (Netze), Breslau, Hamburg, Köln, Gemen, Hannover, Göttingen, Kolmar, Mülhausen, Zürich, Wien, Petersburg, Warschau, Jerusalem. — Von Nah und.Fern, Kulturträger. Von Rabbiner Dr. Behrens-. Göttingen. ie deutsche Sprache, dieses Stiefkind des Gesetzes, oftmals gemordet, gewürgt, war aus dem Wege, einem neuen Ausdruck das Leben zu geben. Die deutsche Geisteswelt sollte mit einem kristallklaren Begriff beglückt werden. Aus dem Punkte geboren zu werden, starb er den eisigen Tod des rauhen nördlichen" Klimas. Denn seine Zeit war noch nicht gekommen, war noch nicht reis einem Geschlecht, das sich nur in den Windungen'des Schemas zu bewegen vermag, das noch nicht abgeschüttelt'die klirrenden Ketten der Geistesenge und die süß einschläfernden Vorstellungen einer überwundenen Zeit, das noch mit ingrimmiger Zähigkeit an kleinbürgerliche Urteile, und Verhältniffe sich klammert. Denn es berauscht sich noch an Worten, zumal wenn sie Verdienste feiern, um die es sich nie gemüht; es begeistert sich noch an dem Wahn, Persönlichkeit, Freiheit, Unabhängigkeit zu pflegen, den Adel seiner Leistungen, seiner Arbeit, seiner Tüchtigkeit nach Gebühr gewürdigt zu sehen. Darum war es eine Notwendigkeit, eine neue Scheidungslinie durch das : preußische Volk zu ziehen, das noch immer nicht hinreichend zerklüftet ist. Diese Grenze war bestimmt, .das „Volk" von den in Wolken thronenden „Kulturträgern" zu trennen und einen tiefen Einschnitt in seine Anschauungen dort zu wagen, wo bisher eine Verständigung sich von selbst anbahnen mochte. Wir waren bisher gewohnt, leicht erklärliche Verbindungen in weiten Volkskreisen zu sehen, die durch Geburt, Beruf, gemeinsame Interessen gegeben-sind. Wir haben ruhig zu dem Adel ausgeblickt, dessen Glieder die „berufenen" Führer der Nation in Heer und Verwaltung stellen. Wir verargen es den Akademikern nicht, daß sie sich dünkelhaft von den erwerbstätigen Ständen des Handels, der Industrie absondern und ängstlich über ihre Exklusivität wachen. Wir begreifen es, daß Landwirtschaft und Handel, daß die Millionen der Arbeiter sich zur Verfolgung ihrer Angelegenheiten zu mächtigen Organisationen vereinigen. Aber wenn. Worte Werte darstellten, dann müßte es nach dem Glauben unserer Gesetzgeber unendlich viel Kulturträger geben, und dann müßten unsere wirtschaftlichen Kämpfe an Schärfe verlieren. ' . ' Die Kardinalsräge ist also, was denn die wirkliche Kulturmenschheit unter Kulturträgern versteht. Da darf aber neben der eigentlichen Berufsbildung ein umfassen- > des Allgemeinwissen, ein gerechtes Urteil, eine Ueberwindung mittelalterlichen Wahns, eine sachliche Verständigung mit dem Gegner, frei von persönlicher Gehässigkeit, gefordert werden. An diesem Maßstab gemessen, schmilzt das Häuflein Kulturträger in deutschen Landenungeheuer zusammen, zu. einer -- vielleicht gar beschämend kleinen Schar allerdings erlesener - Geister. Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Mit einem unerträglich weit getriebenen Maße wird in un- ... seren Tagen in jeden Kampf das religiöse Motiv hineingezogen,; umrahmt von den Gefühlsmomenten der Rasse. Feinfühlige Naturen leiden darunter besonders; denn Religion ist meine - persönliche innerste Angelegenheit. Aber es gibt immer ge- , schniegelte Raufbolde, die literarisch sich damit hervortun. Nicht das erwerbstätige Volk, sondern die soi-disant Kultur- V träger sind es, die diesen wenig kulturfähigen Ton in ihre-- i Fehden hineingetragen. : Adolf Bartels,, der deutsche Professor, zieht als Nufer im Streite voran und erschlägt mit stumpfer - Waffe den armen Heinrich Heine, dessen Wort des biederen : Barden Bartels Wehklage um Aeonen überdauern wird, undlViktor Hehn hat in seinen „Goethegedanken" ihm die Pfade geebnet. - Schon spukt diese spezifisch deutsche Erfindung in gelehrten Kompendien selbst herum, Kultur verbreitend (cf. Daubenspeck, - Referat usw.). Auf der- Kanzel und in den Hörsälen, in den ' Schulen und in den Gerichten, überall spielen die Jmponderabilien der Religion hinein, wird die Gegensätzlichkeit emp-? funden, bisweilen ausgesprochen, und unbewußt beeinflußt sie das Urteil.: Wie viele könnten dessen Zeugnis ablegen in . deutschen Landen, von dem seelischen Martyrium zu schweigen, das überall mitschwingt, von den Ungerechtigkeiten, die der Soldat zu erdulden hat, wenn die wirtschaftlichen, sozialen, religiösen Abstände groß genug, sind. Kulturträger könnten viele sein,' wenn sie zuvor ihre sogenannte Weltanschauung A auf ihre Kulturwerte revidieren würden. Wir fürchten, die Prüfung wird ihnen kein Reifezeugnis ausstellen. - Der Geistliche und der Richter, der Arzt und der Offizier, “ der Lehrer und der Künstler, sie sind durch Berus und Studium befähigt, durch Worte und Werke Kulturwerte zu schassen in unserem Volke, wenn nicht kleinlicher Neid und kümmerliche Rangstreitigkeiten sie daran, hindern. Politik ist eine Kunst : > von besonderer Art, und die Religion ist eines jeden Väterliches Erbe. Die Religion ist nicht ins Leben. getreten, um; die Menschheit zu entzweien, sondern, um sie: zur.gegenseitigeu Liebe und Achtung zu erziehen. Es ist eines Kulturvolkes nicht